190509/10

11

Es ist vieruhrsechsundzwanzig, vor deinem Fenster, ein paar Meter tiefer, blüht der Flieder und du weißt nicht, ob du allergisch auf ihn reagierst. Im Hintergrund eine beruhigende aber dumpfe Stimme, bald lässt du dir beim HNO auf dein Trommelfell schauen. Nun ist es drei Minuten später und du denkst an die akustische Strömungsmessung, Doppler-Sonografie und das rupturierte Aneurysma im Kopf deines Großvaters.

Vor der Station eine Menge an Menschen, kurz vor Schmirgelpapier, so viele sind es, gegenüber bauen sie noch ein Hotel. Sechseinhalb Jahre Berlin und bisher immer fünfhundert Meter Luftlinie, Lobo und andere Speaker rauschen am Eingang an dir vorbei.
Dann zeigst du Orte und erkennst Muster, eine Art Plattentektonik, da sind deine Knotenpunkte, Linien kreuzen, grün und blau, eventuell erzählt das auch Geschichten über dich.
„Humans are like rivers,“1 sagt Mikael Colville-Andersen. Als wäre dein Körper wie ein Neuron, deine Arme und Beine Dendriten und Axone. Addiert sich manches auf, sodass du es weitergeben kannst – wenn ja, was ist es? Anderes erreicht noch nicht einmal den Schwellenwert, gleicht sich aus zu einer runden Null. Das Alles-oder-Nichts-Gesetz. Du bist dort, wo deine Erinnerungen in Verflechtungen wohnen, millionenfach, milliardenfach, veränderst sie, sobald du sie betrittst wie einen Raum.

Da ist dein Haar, es setzt sich ein wenig ab auf deinem rostroten Mantel, im Sonnenlicht und im Wind ein Stoß nach vorne. Da ist keine entkalkte Seele mehr2, da ist kein Rost, da ist vieles nachgewachsen, beinahe alles neu. Trotzdem kannst du noch nicht nicht weinen, wenn du S singen hörst. „Wir haben schon wieder einen von uns verloren“ und das Gefühl, als wärest du ähnlichem knapp entkommen, damals in der Elbe, als du im Winter zwischen dem Eis triebst.
Du erinnerst dich an das, was du A schriebst, dass man mehr ist als Erkrankung und Trauer, und wie du seit dem letzten Jahr keine panische Angst mehr hast vor Rückfällen. Weil du auf festem Boden stehst, nicht auf Treibsand. Weil dir nichts die Füße wegreißt, du dir bewiesen und für dich gelernt hast, dass es weitergehen darf. Die weißen Strähnen ziehst du dir schon lange nicht mehr, lieber bleibt dein schallendes Lachen im Ohr, voller Vorfreude auf das, was auch du beinahe verpasst hättest. Tiny Changes3, eine Hommage in einem Leben. Gut, dass du geblieben bist, dass ihr geblieben seid.
Schön, dass du da bist. Glaub mir, du bist keine Selbstverständlichkeit.

„Now I’m free in parenthesis.“
(Frightened Rabbit – I Feel Better)

1.
Colville-Andersen M. Back to the Future in Urban Design. re:publica 2019 – Mikael Colville-Andersen: Back to the Future in Urban Design. https://www.youtube.com/watch?v=luzA74TgJI8. Published May 7, 2019. Accessed May 8, 2019.
2.
Grünow A. 2013. Anke Grünow. Ein Archiv. https://ankegruenowarchive.wordpress.com/2014/01/03/2014012013-html/. Published January 3, 2014. Accessed May 9, 2019.
3.
Tiny Changes – a charity registered in Scotland focussing on mental health. Tiny Changes. http://maketinychanges.co.uk. Accessed May 9, 2019.

190501

10

Dein Vater war schon sehr früh sehr weiß, kurz vor der Farbe auf der du gerade schreibst. All das wiederholt sich in dir, auch erkennst du wie ähnlich sich eure Hände sind. You are your father’s child. 
Unterschiedlich gesättigte Augen, es spukt das Meer aus ihnen heraus. Irgendetwas zwischen ruhig und wartend, mit ein wenig Gischt, zu vielen Ideen, etwas gelangweilt von Berlin und voll mit Flausen und deinem Lachen. Auf einmal das Gefühl, du kannst gar nicht so schnell rennen, wie du es willst, dieser Drang aus heiterem Himmel heraus. Manche Menschen kannst du nur aus der Ferne berühren, deine Oma sagte dir das immer, so ist das nunmal mit den Frühlingskindern, bevor sie dir zeigte, wie sie Eierkuchen in der Luft wenden kann. Und du schlucktest, weil du wusstest, dass sie das nur zu deinem Geburtstag, dem gen Ende des Frühlings, macht.

Du, wie du etwas Trauer spürst wegen der Blütenblätter, die du dabei beobachtest, wie sie über Gehwegplatten wehen und im nächsten Hauseingang verschwinden. Irgendwie schön, aber unnötig zu traurig. Das muss wohl so, denkst du dir, alles unglaublich klar, dir war es schließlich fast dreißig Jahre lang egal. Wir wissen, was das hieß. Kein Herz ist wie ein Berliner Zimmer, alle brauchen und wollen Licht und Wärme. Deines ist mehr Sunroom als Mietskaserne.

„And I’d die to know what’s going on in your head.“
(Nilüfer Yanya – In Your Head)

190414

9

Makrophagen, die deine Tinte am richtigen Platz halten, die untergehen und deren Trümmer wiederum gefressen werden von Makrophagen, die deine Tinte am richtigen Platz halten. Eine Art Erneuerung. Weißt du, rund alle zehn Jahre bist du fast komplett neu, selbst in deinen Knochen. Ein steter Umbau, wie ein Maulwurf, der sich durchs Erdreich scharrt, eventuell kannst du es hören, wenn du ganz leise bist, bei dir, aber vorrangig leise. Oder hast du dich schonmal darüber gewundert, dass du deine Augen nie komplett, so wirklich komplett, schließen kannst, sodass ohne Hilfsmittel wirklich alles schwarz wird?

Die Bäume so schwer vor Blüten, als könnten Sie es kaum fassen oder tragen oder als hätten sie nie gehört, wie manches leise anfängt und dann Fahrt aufnimmt. Lampen dabei zuhören, welche Art von Geräusch sie machen, wenn sie eingeschaltet werden. Wie du dich mit geschlossenen Augen durch Treppenhäuser bewegst. 

Seit ein paar Jahren habe ich ihn nicht gesehen und S fragt, wie es mir geht. Er hat mir damals geholfen, zu meiner ersten Therapie zu kommen. Darauf kann man stolz sein, erwidert er, als ich sage, ich bin seit fast zwei Jahren gesund. In Retrospektive spült sich ein Tomte Lied nach dem anderen durch mein Gehirn. Den Abend davor ein Serienfinale gesehen und die Nacht fast durchgeweint, nicht aus Trauer, vielmehr weil ich auf einmal wusste, dass Liebe mich in Menschenform umgeben hat, selbst als ich tief im Nichts gesteckt habe. Dass sie fast alle geblieben sind.

A sagt, ich hätte ruhig ins Auswärtige Amt gehen sollen, er hätte es da vierzig Jahre sehr angenehm gefunden. Du hättest mir davon erzählen können, wie es kommt, dass manche zwischen Start und Stop hin und her wechseln, während in den Gärten die Magnolien wuchern als könnte es nie ein Ende geben. 11281 Days on Earth.

„Out of the blaze I dive.“
(Palace – Martyr)

190404

8

(ich)

Es gibt da dieses eine Ding, von dem ich nicht genau weiß, ob es sich um Wachstumsschmerz oder Vorsicht handelt. Ob es überhaupt Schmerz ist oder eher Wachstumsmuskelkater, ähnlich dem in meinen Oberschenkeln, ähnlich dem Gefühl in meinen Lungen. So wie ich mir das Herausbrechen aus einem Kokon vorstelle. Dieses eine Ding kommt beinahe aus dem Nichts und auch wenn ich nicht weiß, ob es gut ist und wann es wieder geht, ist es nicht gefährlich.
Es gehört dazu, es ist, als würde das Bauchgefühl von innen nach außen schreien, kurz vor Sehnsucht. Natürlich habe ich schon immer darüber geschrieben. Du hast dir Zeit gelassen, denke ich, ich stehe seit ein paar Minuten am Bordstein der Straße, in der die Busse gelegentlich in Kolonnen kommen.
Eventuell erkennen wir uns immer wieder, dieses Ich von vor zwei Jahren, einem Jahr, was dieses Ich versuchen wollte, welche Grammatikfehler dieses Ich jetzt macht, wenn es emotional ist, weniger wohl überlegt. Das wird alles schon, auch du darfst mal ungeduldig laut sein – ich darf das sagen, ich habe fast immer nur gewartet.

(hier)

Um 20:23 schalten sie das Licht für den Weg von der U-Bahn zum Park an. Plötzlich ein Hintergrundgeräusch, immer deutlicher, mehr im Vordergrund, auf einmal so klar, als hätte mich jemand aus dem Wasser gezogen, ohne, dass ich je im Landwehrkanal geschwommen wäre.
Dann kommen Schotter, Kopfsteinpflaster und Gehwegplatten unter denen die Bäume ihre Wurzeln heben. Telefonierende Menschen, wild gestikulierend, auf ihnen stehend. In einem Haus an meiner Packstation tanzen sie Ballet; Pirouetten und Plié am geöffneten Fenster, Klassik, ich bin kurz davor, den Komponisten auszumachen.

(die anderen)

In Gespräche eintauchen als würde ich Schichten abstreifen, sie sind nicht zu überhören. Tor geschlossen, Fuhrpark voll, sie haben noch ihre Uniform an, den gelb-roten Fleece – morgens war es wohl doch noch etwas zu kalt. Der eine hat kurze Haare, sie wirken licht, beim anderen sind sie dicht und dick, bis auf diese eine Stelle am Hinterkopf. Vielleicht trägt er im Winter Mütze, hoffentlich cremt er sich immer ein. Du weißt schon, Ohren und Nase hören auch im Alter nicht auf zu wachsen. Die beiden Männer reden über den Welle-/Teilchen-Dualismus, das Doppelspaltexperiment, Wellenüberlagerung und ich denke an den Test und wie die Uhr herumrennt.
Als könnte es nichts Schöneres geben. Aber da ist dieses Ding wieder. Als könnte ich nicht greifen, ob ich mich gerade einfach nur freue oder ob gleich etwas passiert. Der Moment vor dem Loslaufen. 3, 2, 1, und los. 

Eventuell liegt es aber auch am dramatischen Himmel, kurz vorm Lila an der Kreuzung. Ich werde dich lange nicht gesehen und trotzdem wieder erkannt haben.

(Kiasmos – Shed)

190402

7

Es riecht nach Sommerregen auf dem Weg zum U2-Bogen, das Geräusch von Schritten auf Kieselsteinen, zugeschlagene Autotüren, die Stadt kurz vor zu ruhig. Sie hupen übereinander, weil sie aneinander nicht vorbeikommen.
Du starrst auf die eine Seite des Waggons, durchs Fenster, durch die alten Versionen des Brandenburger Tors, das mit der falschen Perspektive an allen Säulen und der Quadriga in Wurstform; der Geruch von Rauchern an deiner Nase und die Schatten des Tors auf deinen Armen. Etwas anders hast du dir den letzten Monat schon vorgestellt, mehr nach vorne, weniger zurück.

T sagt, man soll das Gefühl umarmen, sonst umarmt es im Schlechten einen selbst wie Stacheldraht. Du beobachtest die Reflexion der S-Bahn gen Osten am Bürokomplex, der dramatische Berliner Himmel brennt so sehr wie das, was in dir wütet. Du hörst deinen Freunden dabei zu, wie sie für dich verstehen wollen und gelegentlich möchtest du wissen, was Herr C sagen würde, würdest du bei ihm noch deinen Kopf ausschütteln gehen.
Die Barmherzigkeit thront hinter den Katakomben, die dich wundern lassen, ob du in einem Schwimmbad oder einer Bibliothek bist. Während man die Frage nach dem Jetzt mit Zäunen und Kränen umstellt hat, schwebst du zu Hedwig für einen kleinen Besuch. Irgendetwas zwischen das war einmal und gut, dass es nie mehr so ist; das Haus mit den Einschusslöchern wenige hundert Meter weiter, von dem du dachtest, es sei wie du. Den Kokon hast du jedoch schon lange abgelegt und du kommst nur noch vorbei, wenn du nicht fassen kannst, wie gut du dich akklimatisiert hast an das Leben, vor dem du früher weggelaufen bist. Generell, wie oft und nachhaltig du weggerannt bist. Life says: here I am and here be danger ist mittlerweile keine Drohung mehr. Oh, wenn du, ja, Du, das nur auch wüsstest. Es könnte eine Berührung werden. Für dein Martenitsa suchst du noch einen blühenden Baum am Wasser.

„Det är inte hur man har det, det är hur man tar det och när man längtar tar saker tid.“
(Markus Krunegård – Ibland Gör Man Rätt, Ibland Gör Man Fel)

190327

6

Hast du nach den Ecken und Kanten gesucht, die Rundungen in einem Menschen so erfühlt wie das Dunkle? Das, von dem du dachtest, es fast schmecken zu können? Hast du dich dafür entschieden, es trotzdem zu versuchen, hast du eventuell ständig darüber geschrieben, niemandem davon erzählt und erhofft, dich würde jemand von sich aus danach fragen? Konntest du dir den Bauch kaum halten vor lachen, konntest du vergleichen mit dem wechselhaften Wetter im Frühling mit Frizz, dachtest du an die Geburtstage derer, die dich an April erinnern?
Wurdest du um Zeit gebeten und hast deinen Augen dabei zugesehen, wie sie von grün zu grau zu grün gesprungen sind, ganz ohne Augenlidzucken?
Musstest du schonmal über den Gedanken den Kopf schütteln, über dich in der dritten Person zu schreiben, nur um von dir erzählen zu können ohne dich hinterm Sofa hervorholen zu müssen? Vermisst du gelegentlich die Art und Weise, wie du schreiben konntest und hinterfragst, wie viel davon Krankheit war? Genießt du die Momente mit deinen Freunden und Städten einfach so sehr, dass du nichts verpassen möchtest, dass etwas zu dokumentieren die Gefahr birgt, eben doch etwas wertvolles vorbeiziehen zu lassen? Oder lernst du immer wieder von vorn wie das geht mit dem Finden der Balance zwischen Wertschätzung und Erinnerung?

Hast du Fragen gestellt und Antworten bekommen und es sind noch mehr Fragen und Antworten übrig geblieben?

“They say the hearts and minds are on your side.“
(boygenius – Salt in the Wound)

190319

5

Da sitzt du also in einem A320 auf der Startbahn in Tegel, hörst wie die Turbinen ihre Leistung erhöhen und kannst an nichts anderes als deine Waschmaschine denken. Hast sie angestarrt vor ein paar Tagen, ihr beim Tanz über die Fliesen zugesehen und dich gefragt, wie oft du in der einen Launderette Marchmont St. Ecke Tavistock Pl. gesessen und den Frontladern zugesehen hast.
Auf einmal kommt sehr viel auf dich zu, als wärst du nie gegangen, hättest ein Stück Kopf dort gelassen. Kannst fast mit verschlossenen Augen durch dein altes Viertel gehen, du kennst noch alle Pubs, weißt, wo der Eingang zum Kino ist, wo im Supermarkt die Digestives stehen. Es ist, als wärest du nur kurz weggewesen, nicht zuhause, nie. Es ist gut, denkst du dir, da ist ein Zurück, vielleicht, immer, da ist ganz viel Sehnsucht gemischt mit Sehnsucht nach Berlin, da ist auf einmal sehr viel drin. N und du sitzen eine Zeit lang im Barbican in der Sonne, Mitte Februar, als wären Geckos an euch verlorengegangen. D zeigt dir, was sich verändert hat, zehn Jahre später und die gleichen Menschen öffnen sich für dich, du, jetzt etwas fester im eigenen Sattel und in dem was du willst.
Du musst dich erst wieder sortieren nachdem du zurückkommst, aber du denkst dir, dass du gerne als Ärztin länger vorbeischauen würdest. Berlin.

Ein Tag so warm, als wäre im Park etwas übergeschwappt, so viele Menschen sind es. Als wäre es wie im Schwimmbad, in einem Becken, das zu viel Wasser führt und jemand springt lachend hinein. Ein Aufatmen, das noch dazu. Aber dann auch: diese Berliner Sonnenuntergänge im Frühling, Gradienten hinter Kurve 2327, auf dich wartet jemand mit einem Lachen an der anderen Seite der U1 und du schon lange noch auf jemand anderen.
Deine Oma hat dir immer gesagt, dass du abwarten sollst mit dem Aufatmen bis Ostern vorbei ist, nein, bis Mitte April vorbei ist, aber erst ab dem fünfzehnten, nicht schon dem Tag davor. Es könnte schließlich noch Frost kommen.

Sich daran erinnern, dass man vom Park um die Ecke aus sogar das Radar vom Tempelhofer Feld sehen kann. Als hätte man das erste Mal die Welt erblickt, die U2 legt sich in die Kurve. Dann wieder, gerade in Charlottenburg, du bist weit weg, du bist zu weit weg, zu weit weg für eben diesen Moment, für jetzt, nicht für immer. Das eine fändest du schön, ja. Change the pace, denkst du dir.

Ein Gefühl als würde deine Luft ohne Vorbereitung für einen Zehnkilometerlauf ausreichen. Du kannst dich noch nicht ganz entscheiden, ob es nun nach Frühling oder Regen oder abgeschalteter Heizung riecht.

„This world is gonna end / but till then / I’ll give you everything I have.“
(Sam Fender – Hypersonic Missiles)

190131

4

J sagt, beim Jackenkauf sollte man darauf achten, dass die Luft nicht von unten oder in die Ärmel hineinkommen kann, sonst sei man beim Radfahren ein Michelin-Männchen und wird krank. Du musst ihn dir also vorstellen, wie er auf dem Rad sitzt und ein riesiger gelber Plastikballon mit Schlaucharmen ist. Gelb wie die Haltestangen in den Bussen, nach zwanzig Uhr ist der Tiergartentunnel auch eher leer, Pendler vorbei. Über allem thronen 21 Etagen, CHARITÉ HEISST BARMHERZIGKEIT und du, wie du auf der einen Seite der Stadt ins Fernweh blickst.

Du seist ein Vulkan, meint F, du wunderst dich ein wenig, dann nickst du und schüttelst gleichzeitig den Kopf. Dieser eine Teil Islands, aus dem immer wieder neues Land entsteht, so eher, denkst du, möglicherweise wächst du dann doch mehr als zweieinhalb Zentimeter pro Jahr. Ein Inneres wie der Mittelatlantische Rücken. Du hörst deinen Puls im rechten Ohr, vielleicht Tinnitus, ein interessantes Pulsieren vielmehr. Wenn du es kannst, magst du dem, der dich berühren darf, dein Ohr auf den nackten Oberkörper legen. Rauschen, ziehen, pochen, tiefe Stimme, manchmal auch der Bauch und dessen Peristaltik.

Ragout fin. Ragout Feng. Du stehst im Supermarkt und zitterst, weil du auf einmal nur noch frieren kannst. Die nächsten Tage schläfst du viel, beim Hausarzt schaut man noch, ob du Probleme mit den Nerven hast. Du kannst nie ernst bleiben und nicht lachen, wenn sie deine Pupillenreflexe testen, wenn du auf einer Linie laufen sollst, wenn du dir vorkommst wie eine Grobmotorikerin. Drehschwindel, so ein bisschen, nicht ganz, nicht sehr, liegen ist toll.

„Mein Magen tut mir weh, ich will nicht allein sein.“
(International Music – Du Hund)

190116

3

Nach der Sauna drehst du dich vor dem Spiegel um. Ein Dreieck, hinten links, auf dem Gluteus maximus. Schulterblatt rechts, dein Tierkreiszeichen. Wenn du lange genug suchst, findest du bestimmt auch Punkt-zu-Punkt Bilder, die wie ein Bett aussehen.
Mittlerweile weißt du, wie die Stimmungen aussehen, durch die du dich bewegst. Du denkst an Wellenformen, an Rauschen, bis vor einiger Zeit nicht an ein sanftes, stetes, kaum bemerkbares Schaukeln. S sagt, deine Stimmung wirkt seit sehr langer Zeit immer sehr stabil, keine Ausschläge nach oben oder unten, vielleicht ist das eine Emanzipation von dir selbst. Das meiste machst du mit dir aus, mit dir und deinem Skizzenbuch. Wenn du zu viel schreibst, ist etwas im Argen, gibt es irgendwo ein Ungleichgewicht. „I hurt more when I write.“ Dein Vater und du, wie ihr über das Wechseln von Autoreifen sprecht und du, wie du dich gefühlt hast, als du emotional nur auf drei Rädern unterwegs warst. Introspektion, denkst du dir, muss man sich erarbeiten – du hattest in Begleitung sechs Jahre dafür Zeit. Sortieren kann nur gut sein, irgendwann ist es aber auch mal alles in Ordnung.

M sagt, du seist sehr lange nicht mehr so hyper gewesen; in deinem Kopf Pneumothorax und Spannungspneumothorax und wie du manchen Menschen noch viel mehr erzählen willst, mehr als nur Brotkrummen hinwerfen magst.

Samstage zerschneiden dir das Zeitgefühl, auf einmal dreißig Stunden Schlaf am Stück, eventuell war das ein Kranksein, eventuell hast du weder etwas gegessen noch getrunken. Cholecalciferol markiert den Beginn, eine Wochendosis Kreta. Hunderterpack, du willst während der Parlamentsdebatte durch den Bildschirm schreien. Fifty Shades of Wrong.
Bell Yard, Royal Courts of Justice, Bond Street, Waterloo Bridge und zurück nach Southampton Row. Sie fragen, wieso du nicht öfter an der Themse bist und du nur entgegnest, dass du so schon genug Heimfernweh hast. Einen Tag später sitzt du also wieder vorm Bildschirm und willst durch ihn steigen, denkst an die ältere Dame aus dem House of Lords, die von Generationen nach ihr spricht, du hast die Selbstverständlichkeiten im Kopf mit denen du aufgewachsen bist. Keine Grenzen, ein Zusammenrücken.

„take off your layers“
(Charlotte Hatherley – Alexander

190109

2

Armageddon, denkst du dir, dieser unsägliche Film, dessen Titelmusik sich gerade aus unerklärlichen Gründen durch deinen Kopf walzt. Die Heizung im Bad geht wie immer nicht, es ist Mittwoch, 7:55Uhr, zu kalt, Dusche heiß, fast Sauna. Generell, Sauna wäre mal wieder etwas. Du erinnerst dich an diesen einen abgefahrenen Traum, den du vor fast exakt drei Jahren hattest, das war einer mit David Bowie und einer Rakete und einer Soyuz-Kapsel, wartend auf dich hinter dem Haus deiner Eltern. Auf der Streuobstwiese, da, wo du seit Jahren nicht mehr warst. Bowie, wie er sich mit dir unterhielt, wie er sagte, „I’m dead but don’t tell anyone yet“ und du, wie du aufwachst und die Tagesschau dich darüber informiert, Bowie sei den Tag zuvor verstorben. Zeitunterschied, Lazarus. Vor dem Haus, an dem du zwei Mal die Woche vorbei musstest, ein Blumenmeer. Dir rinnt das Shampoo in die Augen – die sind wieder grün.

Mit C kommst du sehr kurz ins Gespräch, aber sie erzählt dir aus ihrem Leben und von ihren Herausforderungen mit Geschlecht und Gesellschaft. Du unterhältst dich mit ihr über Sprache und ob sie in einer anderen denkt, wenn sie aufgeregt ist oder emotional. Englisch schafft bei dir ein wenig Abstand, kannst damit besser sortieren, auf Schwedisch fluchst oder liebst du, auf Deutsch ist fast alles andere. Und Französisch? Arthur est un perroquet. Man muss eine Sprache oder einen Menschen, sagt C, schon sehr nah an sich heranlassen, damit man wegen ihr emotional wird. Du nickst, sie lacht, dann erzählt sie dir von ihren traurigsten Erlebnissen, du nimmst sie an wie ein Buch, das einen zum Weinen bringt. Du stellst es später ins Regal, damit du nicht wirklich weinen musst.

Donnerstags ist Ladies’ Day im Laden mit Träumen und Sex und Liebe vorne an der Kreuzung, du siehst weder Ladies noch Träume, Sex oder Liebe davor oder darin. Du hast dich beim Straße überqueren bei dem Gedanken ertappt, wirklich wissen zu wollen, wie man Blutungen in Menschen stillen kann und wie Herr C deswegen wohl den Kopf geschüttelt hätte, würdest du deinen noch ein Mal pro Woche bei ihm auskippen müssen. Mittlerweile gäbe es von dir ein schelmisches Lachen.

Die kleinen Scherben auf dem Mittelstreifen im Scheinwerferlicht, als wäre auf einmal alles Gold, trotz Berlin im Winter. Du trägst keine Brille mehr, irgendetwas zwischen Hagel und feinem Regen. Auf die Ferne kannst du nichts sehen, nimmst hin, dass Farben verschwimmen. Eine Art natürlicher Bokeh-Effekt, du bist sehr ruhig. Früher wäre es ein Gefühl wie bei „Der fremde Freund“ gewesen, heute hast du wieder ganz dringend das Bedürfnis zu laufen.

„oh, this fever is like Rome
everything leads right back to it.“
(Kraków Loves Adana – The Day The Internet Died)