180211

Das waren die Spuren im so halb frisch gefallenen Schnee und die Lichter in deren geschmolzener Version, da auf den Straßen zwischen der Treppe zur U1 und dem kalten Wind in meinem Rücken.

Als hätte ich das alles nur geträumt mit dem Leben hier, ein wenig viel Schönes, der Blick aufs LSD siebenuhrdreißig, Bülowstraße, Bögen, als wäre ich gerade erst hier angekommen; da in dem Transporter neben meinem Vater, Autobahnabfahrt Innsbrucker Platz, zweitausenddreizehn. Nicht viel Freiraum, Holz, Möbel, Waschmaschine, das erste Mal Ochsenblutdielen und die Holzssplitter in meinen Fußsohlen vom Abschleifen, das nie passiert ist.
Das Gefühl, als müsste ich ganz dringend, sofort, anfangen zu rennen. Vielleicht in deine Arme, vielleicht an einen Ort, von dem ich noch nicht so viel weiß. Du weißt, du stehst immer dann fest mit beiden Beinen auf dem Boden, wenn du nicht überlegst, wo du jetzt gern lieber wärst.
Du beginnst den Abschied in Raten zu feiern. Das letzte Mal Winter, das letzte Mal Sibirische Steppe. In London hat es dich härter getroffen, da war das Bewusstsein, dass du immer wiederkommen aber nie wieder so ankommen würdest. Andere Menschen in deinem Zimmer, ein Beobachten der Hausfassade, andere Menschen dort, wo du einst standest, in Uniform und mit weißem Hemd. Um die Ecke noch die Bloomsbury Ambulance Station.

Einige Brücken lässt du brennen, über brennbares Material hinaus, als gäbe es noch etwas zu sagen oder etwas wiedergutzumachen; aber du hast niemandem bisher gesagt, dass die Brücken immer Plätze und nie Personen waren. Als könnte man Erinnerungen ausradieren oder das Vergessen beschleunigen. Stattdessen fällst du, wenn schon nicht über deine Füße, dann wenigstens aufs Herz oder den Kopf. Im besten Fall kein Herzinfarkt, keine Gehirnblutung, im schlimmsten Fall ein gebrochenes Herz und das Scatterbrain, das alles will und zwar sofort, aber zugleich dann doch wieder nichts. Du weißt, dass manches dauert und mit Dauer weißt du um deine Fahrlässigkeit dir gegenüber. Ist schließlich nicht wie mit den roten Blutkörperchen, die Leber oder Milz nach einhundertzwanzig Tagen voller Kernlosigkeit abbauen. Dabei hast du doch deinen Kern nie verloren.

Am Ende aber denkst du mit Leidenschaft an diesen einen Satz, den J zu dir über dich sagte und den du an alle spiegeln möchtest, die deinen Weg kreuzen. Manche Menschen haben einen unglaublich schönen Verstand. Du fügst in Gedanken etwas hinzu: manche Menschen gehen weit darüber hinaus.

„for we owe it to ourselves
to bury yesterday and leave it quaking in the earth“
(Son Lux – Aquatic)

180201

Du wunderst dich über ihren Gesundheitszustand und schaust beschämt an deinem Körper herunter. Offener Mantel, immer, außer bei Minusgraden und stechender Brise. Die Hände werden schon rot und rau, je nachdem, wie der Wind steht. Das warst du dann aber auch mit den Quadratmetern und den Worten, fünfuhrdreizehn, du hast genau auf dein Telefon gesehen, bevor du auf den blauen Pfeil getippt hast, am anderen Ende einer Stadt kann es eigentlich nicht viel kälter sein.
Doch dann die Befürchtung, noch nicht einmal eine Fußnote zu sein, zu werden, kein sanftes Betätigen einer Klingel. Rainald Goetz hatte Unrecht, nicht wütend schrittst du voran, du taumelst vielmehr. Weswegen, worin und wohin kannst auch du nicht sagen.

Generell lässt du dir exorbitant viel Zeit, denke ich, denkst du vielleicht ebenso, ein Spiel aus Internalisierung und Externalisierung. Blauer Mond, Supermond und Blutmond in einem, in dir drin nichts verregnet, ein Perspektivenraster womöglich. Alle neunzehn Jahre ein Lebensabschnitt, das hält doch niemand so lange aus.
Aber gibt es nur cool und uncool und wie man sich fühlt und die, die fragen und antworten, und die, die es nicht tun. Stille oder Bewegung zwischen zwei Punkten. Das geht schon alles vorbei, mehr oder weniger, dabei habe ich noch nicht einmal einen Plan oder ein Ziel, das bis zur nächsten Mondkonstellation von irgendetwas hätte erzählen können.

Du drehst also deine Runden, stet und bebend, eine Lichtglocke hängt über Berlin, selbst hier. Selbst hier.
In ein paar Monaten gehen die Feuerwerke wieder hoch, aber schon jetzt rieche ich nach Baum, nach Blüten, nach Frühling, doch davon wirst du nichts wissen, egal, wie sehr sich unsere Kreise berühren.

„tell me what’s next
tell me what’s best“
(Kraków Loves Adana – Rapture)

180115

Vor Jahren diese aberwitzige Idee, einen Roman über Berlin zu schreiben, kein Berlin Alexanderplatz, kein Roman über den Prenzlauer Berg, keine Grausamkeiten, keine Morde. Diese aberwitzige Idee hast du dann eine Zeit lang dir gegenüber verteidigt, nur um sie nach längerer Recherche mit einem Seufzen abzuschließen. Du hast festgestellt, dass sie in all der Zeit, die du schon in dieser Stadt wohnst, sich in all deine Worte, deine Musik, deine Fotografien, deine Zeichnungen gelegt hat wie ein futuristischer Roman, den man nicht unbedingt greifen kann. Eine Art Zettelsammlung, ein Albtraum für jeden Nachlassverwalter, sollte dieser irgendwann einmal irgendetwas von dir zu verwalten haben. Du klaubst dir also diese kleinen Stücke Berlin zusammen, sitzt am Humboldthafen, denkst daran zurück, wie sie in Hedwig wollten, dass du durch den Monbijoupark joggst und du sie nur ungläubig ansahst, spürst die Momente in dir, in denen du genau wusstest, dass diese Metropole gut zu dir ist und du im Umkehrschluss gut zu ihr und ihren Einwohnern.

Wenn du durch dieses hunderte Seiten dicke Buch von Döblin blätterst, bemerkst du die Ortsverweise, die du dir angestrichen hast. Du bemerkst, dass du dich von allein an diese Orte hast ziehen lassen. Vielleicht hat dich einfach nur Mitte in seine Mitte zitiert. 
Du denkst an Sauen und den Sauener Wald und einen Absatz, über den du immer noch lachst und der für dich irgendwie mehr mit Berlin zu tun hat als du es verstehen kannst: August war ein ziemlicher Badass Motherfucker, bevor er Nazi-Sympathisant wurde. Ich hätte mir keine Nadel in die Wirbelsäule in einem Selbstversuch gerammt, nur um herauszufinden, ob da ne Anästhesie möglich ist. Charité heißt Barmherzigkeit.

Du hast deinen eigenen Takt, du beginnst, nicht mehr zu spät zu kommen, du verstehst den Takt manch anderer Menschen nicht. Beschäftigst dich seit Zuzug noch viel mehr mit Anwesenheit und Abwesenheit, mit Sprachlosigkeit. Du beobachtest, wie schnell sich Haltungen und Gefüge ändern können, manchmal sogar innerhalb von wenigen Tagen. Du rennst nicht mehr so sehr hinterher, willst aber anfangen zu joggen, schließlich läufst du schon schnell, da fehlt nicht mehr viel.

Grundsätzlich rennst du aber zumindest nicht mehr nach der U-Bahn.

„I was a ghost
Hunted and fled“
(RY X – Only)

171231

Du trägst Murmeln mit dir herum, sie klappern bei fast jedem Schritt. Eigentlich wollte ich dir noch von Günter erzählen und dem Ort da am Wasser am Bahnhof am Betonstrand, wieso weiß ich nicht genau. Eventuell, weil ich schon angefangen habe, darüber zu schreiben. Wenn ich mir selbst ein Echo gebe, geht es für mich um etwas, zumeist um meine Zeit, zumeist um eine Sektion meiner inneren Schichten. Davonlaufen oder stehenbleiben oder beides im gleichen Moment.
Du lässt das alte Jahr ausklingen, ich zeichne an gegen ein Vergessen, nur meinem eigenen Gehirn muss ich im kommenden Jahr noch etwas beweisen. Das meiste ist nur in deinem Kopf, Projektionen, die sich durch die Gesichter und Pixel ziehen, Bildschirmoberflächen und die Suche nach etwas tiefem. Aber dann gibt es da Webseiten und Profile und Menschen, die gleichzeitig existieren und dann doch nicht mehr. Du starrst weiterhin darauf, ich gehe sicher, dass noch alles da ist, ohne selbst etwas zu tun. Von meinem sich weigern, jemanden an die weichsten Stellen meiner Haut zu lassen, den man schnell durchschaut hat, wie bei den anderen, ich langweile mich schnell. Von einem Zeit nach oben zählen. 

Ich trage leise Fragen mit mir herum, irgendetwas zwischen unbekannt und seltsam vertraut, deshalb verschlucke ich mich so leicht an ihnen.
Aber dann: kein Fahren ohne Anfahren. Fahr bitte los.

„I’ll take a rest from walking too slow
I’m running too fast“
(WEBERMICHELSON – We take it slow)

171227

Als gäbe es ein Fass in mir drin, eines, das aufnimmt, was mich umtreibt. Wenn ich will, möchte, muss, kann ich einfach das, was ich fühlen will, denken. Ein Hineindenken als wäre da etwas wie eine wohlig warme Decke, eine, von der ich denke, dass ich sie aushalten und tragen möchte. Früher immer nur ein Hineindenken, heute ein Wollen.

Von einem Gehen und Werden und der Frage, was mein Gehen bedeuten würde, würde ich bleiben können, sollen, dürfen. Ein Herausfiltern eines vielleicht. The suspense is killing me.

„bring yourselves to me“
(Rhye – Count to Five)

171212

Du lässt dir generell viel Zeit, denke ich weiter und beschäftige mich wieder mit Fragestellungen, die ich alleine nicht lösen möchte. Auf der Haut über meiner rechten Clavicula ein Leberfleck, ansonsten der große Wagen auf dem oberen Teil meines Brustkorbes. Ich frage mich, wie sich eine Berührung davon anfühlt.

Berlinmomente, die sich durch alle Beobachtungen ziehen. Hier ein wenig Psychose, dort etwas viel Einsamkeit. Du vermutest, dass das etwas mit dem Wetter zu tun hat und hastest voran. Splitt, wieder, unter den Sohlen, das Gefühl, als könntest du eigentlich jetzt schon mit dem Schlitten fahren. Über Steine oder Schnee: es ist dir herzlich egal, vielleicht läufst du aber doch lieber.

Deine Muskeln erinnern sich an das letzte Mal, als du sie benutzt hast, ein Wurf nach der länger verschwundenen Kondition hin und Kälte, wenn du dir dann nachts beim Schlafen doch wieder diesen einen Nerv einklemmst und beim Aufwachen lachen musst. So ein Moment.

Du verortest dich regelmäßig, täglich fast, du hörst aufmerksam zu, schreibst gelegentlich mit. Die Poesie der Zwischenzustände, alles auf dem Weg zum Anderen. Wenn du nach etwas Bestimmtem suchst, bist du auch nur an einem zukünftigen Zwischenzustand interessiert. Du weißt, dass du wirst, du weißt, dass du nicht aufhörst zu werden.

Dinge, von denen ich nicht wusste, dass sie durch meinen Kopf fliegen. Ich habe das Gefühl, ich muss mich wieder schreiben.

„it’s unfortunate but when we feel a storm“
(Massive Attack – Paradise Circus)

171203

Du hast dir Zeit gelassen, denke ich, ich stehe seit ein paar Minuten am Bordstein der Straße, in der die Busse gelegentlich in Kolonnen kommen. Um die Ecke eine Straße, die den Namen meines Geburtsortes trägt. Bist du verwebt in die Textur des Wissens, das du dir hast aneignen müssen seit deiner Geburt, wo fangen die Versatzstücke an, hast du Sollbruchstellen? Wo beginnen deine intertextuellen Bezüge, gibt es da etwas, das größer ist als alles, was du hättest werden wollen?
Vielleicht habe ich von etwas erzählt, aus Versehen, etwas, an das ich mich selbst nicht erinnern kann und will; 256 Varianten von allem. Momente, in denen die Stadt mir näher ist, als ich es gebrauchen kann. War das fahrlässig? Das Paar, das zu einem schief singenden älteren Herren über den leeren Columbiadamm tanzt, Menschen, die sich um die Hälse fallen. Ich laufe jede Rolltreppe sehr schnell hoch, fast so als wäre ich eine Fata Morgana gewesen.

Beim Fotofachhändler meines erzwungenen Vertrauens hassen sie mich, die Alte Schönhauser Straße mag ich nur bei Regen und untergehender Sonne. Hedwig, nicht zu weit entfernt, thront in Ruhe zwischen den Häusern, gelegentlich kann man noch die Synagoge sehen. Das Haus mit den Einschusslöchern, das am Zugang zur Kirche, verlangt nach meiner Berührung. Ich verlange ebenso nach Berührung. In der S-Bahn riecht es noch wie vor drei Jahren.

Vielleicht bist du aber wie eine Pipette, lernst, alles in dir aufzunehmen. Vereinzelte Glanzmomente und dann doch die Prognose von Herrndorf, die dich auch damals schon getroffen hat. Du stellst dir vor, wie er in der Klinik am CCM in seinem Pinguinkostüm sitzt und wartet. Um ihn herum alles still.
Lese mich dementsprechend ein paar Tage später durch die verschiedenen Neoplasien des Körpers und deren WHO-Klassifikation. Ich bekomme den Kopf nicht frei. Hier bauen sie Weihnachtsbäume auf, etwas schief, etwas off-centre. Für mehr Herzlichkeit, für ein Rückbesinnen auf sich selbst, ich mag es nicht, wenn ich zu aufgeregt bin.

Ich beobachte zwischendrin den Fluss der Menschen auf der Straße an dem Bordstein, auf dem ich gerade noch stand, mir ist kalt. Ein bisschen versagt mir die Stimme und ich stelle lieber Fragen. Schon Hölderlin warnte davor, dass man auch in die Höhe fallen kann, ich rieche dein Waschmittel, in dir drin scheinbar auch ein stetes Beben.

„oh you think so much and live so little“
(Kraków Loves Adana – American Boy)

171116

Sauen I, Brandenburg, 2017

Das meiste könntest du dir noch nicht einmal ausdenken, selbst wenn du es wolltest. Wie du dich verortest und dir einen Zeitrahmen gibst. Ein Hin- und Herhangeln durch Nachrichtensendungen, all die kleinen Dinge, die du nicht mitbekommst, trotz alledem. Vielleicht ist der Wald in Brandenburg die Antwort auf alle Fragen, vielleicht willst du alles zu sehr und befürchtest, du willst nichts so richtig. Dir selbst eine Heimat sein, heimisch sein im eigenen Körper und doch oft schwer verstehen, was die Hülle und ihre Innereien von dir wollen. Blood, in mint condition, leider nicht mehr neu, nicht mehr OVP, nicht mehr so klein wie am Anfang.
Du fragst dich, wer die Kapitelseiten der Dualen Reihe gestaltet und beschließt, wieder mehr zu lernen. Wortwolken, freie Assoziation, du fragst dich, was das Leser interessieren soll. Du siehst dabei zu, wie die Menschen sich von sich selbst emanzipieren und die gleichen Mittel und Medien nutzen wie du. Die Angst vor Sartre, vor unausweichlichem Existenzialismus. Du beißt auf ein hartes Stück Plätzchen, der eine Zahn will nicht mehr ganz so sehr wie du.

Das waren einfach andere Bilder, da waren Bilder in dir drin, deren Inhalt nie exakt so sein kann wie in einem anderen Kopf. Die Einsamkeit der zentralen Nervensysteme.

Aber dann bist nicht nur du unsicher, dann sind es auch alle anderen. Denn nicht nur an deinen Ausgängen ist es immer frisch gestrichen, auch an denen von allen anderen und an allen anderen Stellen. Minimalinvasiv als Versprechen.

(Corrina Repp – Lost At Sea)

171010

In meinem Pass steht etwas von blau-grau, ein paar Nummern unten und oben rechts. Ich frage mich, was die Handwerker, die unsere Heizung repariert haben, die ganze Zeit machen. Das Wasser plätschert jetzt nur so durch den Heizkörper.
Gelegentlich das Gefühl, alle finden bald heraus, dass ich das, was ich kann, eigentlich nicht richtig kann. Hochstapler-Syndrom, nichts da mit ICD-10 oder dem DSM-V. Lebensgefühl, Lebensbefürchtung. Seit fast fünf Monaten medikamentenfrei, im Kopf allerdings schon lange an einem anderen Ort.
Ich dünste Gemüse, kaufe frisch ein, halte Ordnung. Morgens wache ich auf ohne mich zu fühlen als hätte ein Traktor mich überrollt. Meist stehe ich nicht auf, wenn ich das erste Mal meine Lider für den Tag öffne. Auf meinem Nachttisch ein Wecker, der meinen Vornamen trägt und unangenehm laut tickt und noch viel schlimmer klingt, wenn er läutet.
Die Frage früher, also damals, wie die normalen Leute planen und sich motivieren und wie sie erkennen, dass sie Ziele haben. Ich möchte wissen, wie es denen geht, die ich kurz kannte. Jahrestage, die sich überschlagen, Besuche, Bedauern, Retraumatisierung, ein geplatzter Knoten. Zwei Bücher in Erinnerung. Eines, da war ich vier und konnte Fraktur lesen und schreiben – Märchen; eines, da war ich sechs und wollte mir die ganze Zeit Krankheitsbilder ansehen, auch wenn ich von den Erläuterungen eigentlich nichts verstand: Psychrembel. Jetzt bedeutet elf Auflagen später.

Auf meinem Ausweis steht etwas von blau-grau, ich frage mich, ob sie nie richtig hingesehen haben. Mein Gesicht als Hologramm, daneben, Haare wie ein Helm. Im Spiegel ist da Wald und an einigen Tagen in besonderem Licht auch Beton, am anderen Ende von diesem Kranz um den Lichtstrahl wohl vom Namen her mehr waldartiges.
Ein Jahr und letzte Stufen Abgrund bevor die Genesung so richtig einsetzen konnte. Teilweise Fremden dabei zusehen, wie sie über meine klar gezogenen Grenzen trampeln, sich fragen, was Menschen dazu berechtigt, dass sie in Leben preschen. Ein Jahr, in dem ich auf die harte Tour gelernt habe, was toxisch ist, was auf die Rückbank gehört und irgendwann zu vergessen ist. Denken und sich lieber erinnern an das und die, die nie nur Dickicht oder eine exotische Topfpflanze sahen.
Weißt du, in meinem Gehirn gibt es einen eineindeutigen Ort, in dem du wohnst, im besten Fall lebst du in mehreren. Vielleicht ist das der Spuk, von dem manche sprechen. Deine Ecken und Kanten konnte ich nie ganz ausloten, meine waren eher wie der Marianengraben. Weißt du, der Konjunktiv ist niemandes Freund, aber besser ein Lernen im Großen und Kleinen als ein langsames Ablösen.

Weißt du, große Fenster sind mein Fluch und mein Segen zugleich. Möglicherweise ist das hier das größte Fenster, das ich habe. Früher, beinahe ein von außen auf mich selbst sehen, eine Rekonstruktion von Teilchen, die in Chronologie nicht immer ein Ganzes bilden.
Ich wollte dir hier in Regelmäßigkeit etwas hinterlassen, eine Art Haltegriff, eine Art warme Decke. Weißt du, es gibt mehrere Versionen von dir, du bist alle Personen, die ich kenne, du bist nur eine Person davon.

a thousand vacant stares won’t make it true
(Andrew Bird – Roma Fade)

170827

Ich wünsche mir ein Haus, von dem ich erzählen will, keinen Kokon, der mich traurig macht. Keinen, in den ich schon lange nicht mehr hineinpasse. Das ist wie mit einem Handschuh, der einem zu klein ist und dessen Nähte sich in die Nagelbetten der Fingerkuppen einschneiden, kurz vorm Bluten.
Manchmal braucht es eine andere Stadt um zu sehen, dass die Stadt, in der ich lebe, wie ein Buch ist, das mir nichts mehr sagt.

Du weißt schon: das geht bestimmt alles weg vom Herzen und dann wiederum irgendwann zurück dahin.

Hurray for the Riff Raff – Hungry Ghost