181009

Neunter September

Südbahn Tempelhofer Feld, 17:45
Die Tonne brennt, Grillkohle und Feuerwehr. Ich stehe und rolle auf einem Brett, nachdem ich jahrelang Gleichgewichtsprobleme hatte.
Wir hören mehrere Schüsse am Neuköllner Ende des Feldes, sind überrascht und denken an Schreckschusspistolen – L, M und ich schauen einander fragend an. Mehrere Menschen schreien, die Halbstarken von Gegenüber fahren mit Fahrrädern hin, „ey, lass mal glotzen“ schreiend. Ich scrolle durch Twitter. Martinshorn, viel.

Hauptbahnhof, 19:33
Warte darauf, J in die Arme zu nehmen. Der ICE fährt ein, nach ein paar Momenten laufe ich ihr entgegen.

Zehnter September

Kantstraße, 15:40
J und ich stehen vor einer altertümlichen Auslage. Große Parfumflaschen und Plastikblumen. Vor lauter verschiedenen starken Gerüchen brennt es mir die Geruchsrezeptoren weg.

Elfter September

Tiergarten-Süd, 12:10
Mir ist schummrig und ich will nur noch liegen. Der Wunsch danach, dass manches, das nicht werden will, wird, dass das was nicht wurde, trotzdem wird.

Zwölfter September

Tiergarten-Süd, 11:11
J ist auf dem Weg zurück und ich weiß nicht genau, wie ich helfen kann.

Dreizehnter September

Tiergarten-Süd, 17:12
In der Badewanne liegen mit Schüttelfrost, Fieber. Nicht konzentrieren können.

Vierzehnter September

Motzstraße, 12:10
Wartezimmerblues, das erste Mal Blutdruck im Normalbereich seit ich hier Patientin bin. Irgendetwas von Mattigkeit, grippalem Infekt, fühle mich wie mit Männergrippe.

Tiergarten-Süd, 22:40
Finger will ich aufs Philtrum legen oder auf die Kuhlen über und zwischen Schlüsselbeinen, Etwas entlangfahren mit meinen Fingerkuppen, so sanft wie über die ersten Kastanien des Jahres, ich glaube, es wird Herbst. Verpasse alles, liege stattdessen im Bett.

Fünfzehnter September

U3 Wittenbergplatz, 13:22
Ruckeln, warten aufs Aussteigen, ich stelle mich passend vor die Tür. An meinem Rücken bemerke ich, dass es wärmer wird und ich drehe meinen Kopf. Ein Mann, der mich, seit ich eingestiegen bin, beobachtet hat, steht viel zu dicht und unnötig hinter mir, der Waggon ist sonst leer. Traue mich nicht etwas zu sagen, die U-Bahn fährt in den Bahnhof ein, ich muss zum Kurfürstendamm, zu langsam; ein Gefühl der Bedrohung, mir ist etwas schwindelig vom Infekt.
Kurz bevor die U3 steht, spüre ich von dem Mann hinter mir etwas auf Höhe meiner Lendengrube, eine Beule. Ekel. Die Tür geht auf, ich renne fast zur U2 auf dem Gleis gegenüber. Mir ist schlecht.

Sechzehnter September

Leipziger Straße, 13:13
Die Straßen leer nachdem die Marathonläufer abgebogen sind. Eine Mischung aus post-apokalyptischem Szenario und Ruhe. Das Geräusch von hunderten Läufern im gleichen Bereich auf Asphalt. Alles ruhig.

Potsdamer Straße, 13:52
Weniger Läufer als vor zwei Stunden, nur noch ein bisschen mehr als eine Spur belegt. Am Straßenrand sitzen Zuschauer und singen laut zu „Jenny from the Block“ mit.

Siebzehnter September

Magdeburger Platz, 09:45
Wir in der WG haben zu viel Altglas angesammelt.

Tiergarten-Süd, 16:28
Angeblich hat ein Metzger in der Potsdamer Straße den Kassler erfunden, Samuel Fischer traf Besucher an der Ecke zur Bülowstraße, Rowohlt war am Landwehrkanal.
Manchmal fast überfahren in Gedanken vom Wissen um die Füße, die vor Jahrzehnten die gleichen Wege frequentiert haben. Mir fehlt die Neue Nationalgalerie, dieses Bauwerk von Mies hat mich mit seiner Haupthalle gelegentlich traurig, meist aber sehr ruhig gemacht.
Sehe Arbeiten von David Chipperfields Studio und erkenne sie als solche.

Neunzehnter September

Kurfürstendamm, 14:17
Sich übernehmen und den Körper nicht richtig einschätzen können, mir ist schummrig. Ich glaube, ich will mich hinlegen.

Zwanzigster September

Tiergarten-Süd, 22:26
Der Mann, der im Innenhof so komisch widerlich beim Husten zu hören ist, arbeitet am Flughafen Tegel auf dem Rollfeld. Als würde er allen Belag in seinem Mundraum nach außen spülen müssen.

Zweiundzwanzigster September

Tiergarten-Süd, 14:32
Zynismus ist der ultimative Dealbreaker.
Meine Stimme erinnert mich an das Gefühl, das man hat, wenn man mit den Fingernägeln über die feinen Metallgemüseraspeln fährt.

Sechsundzwanzigster September

Okerstraße, 15:00
Die Kreuzung weiter vorn, Bierstuben Eck an Eck, Brockhaus im Taschenbuchformat unten; Bordsteinkanten und riesige Zwischenräume neben Pflastersteinen. E schiebt und ich laufe halb bewundernd, halb entspannt daneben und frage mich, ob sie zur Ruhe kommt.
Ich mag die Gegend mehr als ich möchte, immer noch, dabei habe ich es vor einiger Zeit nur geschafft, nachdenklich aus den Rollberg-Kinos gen U8 zu taumeln.

Siebenundzwanzigster September

Tiergarten-Süd, 13:50
Der Mann am Versorgungskasten starrt mir Löcher in den Körper, eine Art Intermezzo, so als hätte man sich schonmal irgendwo gesehen und gekannt. 

U Wittenbergplatz, 14:09
In der Sonne sitzen und stricken, im Doppelpack.

Alexanderplatz, 15:10
Irgendein Markt, der ans Oktoberfest erinnern soll, aber eigentlich nur die Fortführung des ganzjährigen Weihnachtsmarktes darstellt, füllt den Platz. Er ist ähnlich freundlich wie die Person an der Kaufhof-Kasse, die nur die Leute freundlich behandelt, die überteuerten „edlen“ Alkohol kaufen. Überall der gleiche Name.

Achtundzwanzigster September

Gropius-Bau, 12:47
An dem Sockel bei den Stufen renken sich E und ich ein, sie ihre Hüfte, ich meine Lendenwirbelsäule. E sagt, ich könnte mich sehr weit nach hinten strecken, ich denke an den schwedischen Mathematiker, den ich in Dresden kennengelernt habe, der mir vom Brückenbauen und Analysis erzählt hat. Mir fällt keine Funktion für meinen Rücken ein.

Neunundzwanzigster September

PalaisPopulaire, 15:18
Eine Mischung aus zu eng und zu weitläufig. Leute, die vor Zeichnungen stehenbleiben, direkt davor, das Telefon zum Schreiben via Messengerdienst in der Hand. Dabei wollte ich doch nur Hanne Darboven sehen.

Dreißigster September

Tiergarten-Süd, 00:07
Die Blasey-Ford-Kavanaugh-Anhörung triggert Emotionen, von denen ich nicht wusste, dass sie immer noch so sehr mit Wut verbunden sind. Doppelstandards, Ohnmacht und Rage; mein Unverständnis, dass vieles als „boys will be boys“ entschuldigt wird – sich daran erinnern, wie es war, von einem sexuellen Übergriff, den ich zum Glück unversehrt überstanden habe, zu erzählen, ohne, dass die Person, mein damaliger Therapeut, mir geglaubt hat. Sich dann daran erinnern, wie ich direkt danach war, wie alle, die mich sahen, im Nachgang sagten, sie hätten mich noch nie so erlebt.
Dann, von Fremden, die Fragen: wieso warst du auch alleine auf dem Bahnsteig, wieso warst du nicht dort, wo die Kameraüberwachung war, wieso hast du nicht geschrien? Und die unverschämteste Frage: wenn es so schlimm war, wieso hast du dich nicht gewehrt?
Als wäre mein Recht auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung etwas, für das es für Fremde im öffentlichen Raum einen Verhandlungsspielraum geben würde. Als müsste man immer wieder Leuten erklären, wie unterschiedlich sich Trauma äußert. Als müsste ich mich überhaupt dafür rechtfertigen, dass ich nicht von Fremden auf dem Weg wohinauchimmer wannauchimmer zwischen meinen Beinen oder sonstwo angefasst werden will.

Erster Oktober

Mitte, 12:14
An einem Experiment teilnehmen, bei dem zur Ablenkung Kayak-Herstellungsvideos gezeigt werden. Bei der Fahrt zum Hauptbahnhof eines der herzzerreißendsten Gespräche seit längerer Zeit haben. Die Frage danach, wieso Menschen sich schön fühlen und wieso sie es gelegentlich oder öfter oder nie tun.

Dritter Oktober

Mitte, 22:02
In einem Bad in Mitte stehen und dem Feuerwerk für die Einheitsfeier zuhören. Ein paar wenige Kilometer entfernt der Verlauf der früheren Mauer.

Vierter Oktober

U Bismarckstraße, 20:47
Die einzigen Momente, bei denen ich Farbe im Gesicht habe, sind die nach dem Saunabesuch. Halb rosé angelaufenes Gesicht vor grünen Kacheln; es schreit nach mir, eigentlich schreit es auch ein bisschen nach dir, auch wenn ich nicht weiß, wo du eigentlich hin verschwunden bist. Mir ist nach gedünstetem Gemüse.

Sechster Oktober

City-West, 19:45
T berichtet vom Arinc-Standard in Flugzeugen und von Datenübertragungsraten. Riesige Aluminiumstrukturen im Himmel mit mittelalterlich anmutenden Technologien an Bord, direkt neben mega leistungsfähigen Computern in Smartphoneform. Wir schauen uns Luftbilder von Landebahnen verschiedener Flughäfen an.

Ebenda, 23:55
Manche erzählen von verschwendeter Zeit und wie sie ähnlich loyal geblieben sind in alledem. Mein persönliches „muss einen Tritt finden in meiner Zeitplanung.“ Kavanaugh zum Richter im Supreme Court gewählt und ich kann nicht aufhören wütend zu sein.

Siebter September

S Hermannstraße, 19:45
Das nennt man dann also das Beginnen als Ateliergemeinschaft oder Kollektiv. Die S-Bahn wie eine Schneise schlagende Schlange.

Achter Oktober

Tiergarten-Süd, 13:07
Seit ich Weißensee den Rücken gekehrt habe, zeichne und probiere ich mehr aus als in den letzten zwei Jahren zusammengenommen. Vorhandene Strukturen als Amboss, der über einem schwebt. Als hätte ich mir selbst diesen Amboss abgenommen. Ich will nicht aufhören mich auszutesten.

„I’m gonna keep rolling on“
(Curtis Harding – On and On)

180908

Zwölfter August

Tiergarten-Süd, 06:27
Bettflucht nach dem Vorabend. Finde Bilder, die ich nach dem Zuhause ankommen gemacht habe. Zeichne also Zellen mit und ohne Mikrovilli, wenn ich angetrunken bin. Nur der Golgi-Apparat sieht wie der lieblose Versuch eines Hundehaufens aus.

Neunzehnter August

Tiergarten-Süd, 21:14
Immer wenn ich Sehnsucht habe, beginnt mein Hirn auf Schwedisch zu denken. Ob es hilft „förlåt dig själv“ zu sagen?

Vierundzwanzigster August

Friedrichstraße, 17:30
Häuser von Pierre Koenig im Kopf. Stahl und Glas, Flachbau, Ausblick. Mehr als Quadrate, dann irgendetwas von Sibylle Berg, Meyerhoff und Teju Cole.

Siebenundzwanzigster August

Café Dix, 11:30
Berlinische Galerie und ich schaffe es nicht, nicht wütend zu sein, mich nicht zu schämen wegen meines Herkunftsbundeslandes.
E sagt „you’re a yummy pie, who wouldn’t want to have a piece of you“ und sie lacht dabei.

Achtundzwanzigster August

Gedenkstätte Deutscher Widerstand, 14:39
Bilder von Menschen, die Fremden, Bekannten oder Freunden beim Unterschlupf geholfen oder ihnen einen gegeben haben. Und ein paar hundert Kilometer weiter südlich haben sie Menschen durch die Straßen gejagt.

Neunundzwanzigster August

Tempelhofer Feld, 18:53
Wespen versus Naturradler. Die Südbahn hat mehr Läufer in meinem Tempo, Schnecke. Barfuss, Stroh in Kleinstteilen an meinen Socken.

Am Luftgarten, 20:19
Als würde der Himmel, dunkel, Sonnenuntergang, sich durch die Häuser bohren wie ein Sandsturm.
Panikattacke als Erinnerung an das, was ich vor Jahren hinter mir gelassen habe.

Einunddreißigster August

Sächsische Landesvertretung, 14:24
Zu sagen ich bin wütend ist eine Untertreibung. Im Teil einer Straße sein, in der man im Prinzip eingekesselt ist.

Ebenda, 15:17
Ein Mann mit Deutschlandfahne brüllt in die Redebeiträge der Demo, steht hinter den Polizeibussen. Manche schauen sehr panisch hinter uns alle, die Fotografen rennen. Ich glaube, ich habe Angst gesehen.
Dann erinnere ich mich an den Tag in Dresden, an dem Neonazis Pflastersteine nach mir und weiteren Passanten warfen, die Polizei untätig daneben.

Jungfernbrücke, 15:51
Um die Ecke der Landesvertretung ein alter DDR-Bau, ein paar Meter weiter der Kupfergraben. Zwei schwer bewaffnete Polizisten schauen einem Paar beim Angeln zu. Ein Fisch wird aus dem Wasser gezogen, die Polizisten direkt daneben, als würde gerade ein Schatz gehoben. So stehen sie mehrere Minuten da, die Anglerin lacht unentwegt, ich stehe gegenüber, auf der anderen Seite des Kanals.

Friedrichstraße, 16:30
Ich sortiere LPs, die ich mag, grundsätzlich innerhalb ihres Fachs nach vorne. Vinyl-Guerilla. Bis heute lange nicht mehr wegen eines Liedes auf Anhieb geweint. Dreams can be so cruel sometimes.

Erster September

St. Paulus Kirche, 15:30
Das Brautpaar und meine Freunde und ich, im Slav Squat auf den Stufen vor der Kirche, der Priester macht mit. Danach stehen wir natürlich nochmal brav.

BrewDog, 22:13
Fremde Augen beißen sich am Tresen in mein Gesicht hinein, ich warte auf etwas anderes. Mein Telefon bleibt dunkel.

Vierter September

Tiergarten-Süd, 07:12
Ein Traum, verquer. Eingeschlafen zu Podcasts, aufgewacht, nachdem in meinem Traum ein Hubschrauber mit seiner Kufe am Atomium hängengeblieben ist. Es kippt um. Bin bisher weder in Brüssel gewesen noch habe ich in einem Hubschrauber gesessen.

Fünfter September

Kurfürstendamm, 14:21
Das Buch mit den sechshundert Seiten bewegt Menschen dazu, offensiv ihre Hälse zu renken, zu nicken. Manchmal wollen sie den Titel sehen und fragen danach, weil sie ihn wegen meiner Hand nicht lesen können. Bin verwundert, dass Genetik Leute so zu interessieren scheint.

Sechster September

Mitte/Kreuzberg – 18:17
Im Park so lange auf der Bank sitzen und lesen bis es zu dunkel ist. Dann so richtig einatmen.

Siebter September

Potsdamer Straße, 20:34
Mein Kiez ist sehr rau, denke ich, irgendetwas zwischen Schmirgelpapier und Kärcher. Dann ein Mann in Lederjacke, groß und stämmig, der auf einmal laut „I Wanna Dance With Somebody“ singt. Presse in meinem Kopf „Joy as an Act of Resistance“ in die Melodie des Refrains und kann bis zur Wohnungstür nicht aufhören zu lachen. Laufe konsequenterweise in einen der Poller vor unserem Haus.

Achter September

Tiergarten-Süd, 08:12
Die drei Notizhefte, die ich mit Joy, Love und Time beschriftet habe, als ich über die letzten Monate sinniert habe und der Brief der Rentenversicherung, der mir meine bisher gezahlten Beiträge zeigt. Denke an M, der mir gestern sagte, meine witzige Seite sei die, die man erst beim genauen Hinschauen bemerkt, nach der emphatischen, aber die Mischung mache es so besonders. Ich frage mich, ob ich zu loyal bin, ob das überhaupt geht.
In meinem Gesicht klebt Surgical Tape.

„I can go with the flow
but don’t say it doesn’t matter anymore“
(Queens Of The Stone Age – Go With The Flow)

180725

Achtzehnter Juli

U8 Hermannstraße, 12:10
In der Gruppe reden sie davon, dass es „Anti-Schwitz-Tabletten“ gibt und sie mal den einen fragen wollen, der immer nach Polen fährt, ob er ihnen welche mitbringt. Ich denke an die „Leber-Tabletten“ von T und dass ich ihn das nächste Mal wohl erst in Frankfurt wiedersehe, den Abschied habe ich verpasst.

VHS Neukölln, 12:20
„It‘s Raining Men“ in der Gerri Halliwell Version beim Sicherheitsmann an der Eingangstür in Schleife; der Hall von verqueren Geräuschen, die ich von meinem Gymnasium noch kenne. Flip Flops kündigen sich am durchdringendsten an. Ich höre Cs gutgelauntes Pfeifen aus einiger Entfernung.

Neunzehnter Juli

U Kurfürstendamm, 15:12
J sagt ich sei „a small human“ und ich überlege, wie in welchem Shirt ich das verorten kann. Ich weiß, dass er über verschiedene Arten von Kleidung redet und dann kommt der eine Tätowierer in den Sinn – „you have very delicate skin“. Heute morgen beim mich selbst anstarren in der Dusche war ich mir nicht mehr ganz so sicher, wie weich ich sein möchte, aber genau dafür habe ich auch vor Monaten den Spiegel in die Dusche gestellt.

Einundzwanzigster Juli

S+U Zoologischer Garten, 16:55
Eine Frau mit Gehhilfen an jedem Unterarm klettert in den Baustellengraben zwischen den Fahrbahnen, an jedem der Plastikgriffe hängt ein Beutel voller Brotkrumen, in Würfel geschnitten. Sie wirft den Inhalt einer Tüte in die Menge an Tauben, die sich jetzt schon um sie geschart hat und ruft laut „meine Kinder“ während sich die Touristen nach ihr umdrehen. Bei ihrem Versuch wieder auf die Fahrbahn zu klettern frage ich mich, wie sie es geschafft hat, überhaupt hinunterzukommen.

Zweiundzwanzigster Juli

Potsdamer Straße, 09:00
Als wäre hier nie jemand gewesen, also fast, vielleicht, außer den Menschen, die noch oder schon wieder darauf warten, dass Burger King öffnet.
Eventuell sollte ich endlich wieder mit dem Laufen anfangen.

Schlossbrücke, 09:40
Ich habe noch nie so viele Menschen in Charlottenburg gesehen.

Spreedampfer, irgendwo vor Moabit, 10:25
Die Rentnergruppen trinken schon jetzt das harte Zeug. Steinmeier ist zu Hause.

Tiergarten-Süd, 18:12
Das ist wohl ein Sonnenstich.

Dreiundzwanzigster Juli

U Kottbusser Tor, 09:50
Die Frau vom Blumenladen unterhält sich mit mir über das Preis-Leistungs-Verhältnis großer Blumensträuße. Sie sagt, sie freut sich, wann auch immer sie mich sieht.

Tempelhofer Feld, 11:35
Ein Mann sitzt auf einer Holzbank direkt hinter E und mir und muss wohl nichts anderes machen können als zuhören. Dann gießt er Sonnenblumen. Ich will gerade nicht weg aus Berlin.

Schlesischer Busch, 14:30
C wird von einem Mann angesprochen, sie würden sich doch kennen. Von der-und-der-Straße von damals, von vor Jahren. Ein anderer Mann starrt mir sehr eindringlich auf und in den Ausschnitt.

Schlesische Straße, 17:15
Das Telefon von C heißt Frank. Auf dem Streifen aus dem Fotoautomaten sehen wir aus wie schlecht gelaunte Schauspieler aus den 1920ern. Ein weiteres Relikt für die Reihe „Freunde in 4er-Anordnung“.

Potsdamer Straße, 20:32
Ein Eichhörnchen ist im Schaufenster vom Second Hand Laden gefangen und läuft panisch von der einen Seite der Scheibe zur anderen. Touristen scharen sich um die Ladenfront um Videos von ihm zu machen.
Habe das Gefühl, meine Beine leuchten bestimmt auch im Dunklen. Frage mich, wieso ich mich so sehr mit Issues beschäftige, die nicht meine sind.

Benedict, 21:13
Mein Tag besteht nur aus Essen und Gesprächen, in die sich manches immer wieder einwebt, als wäre es eine Form von Loop oder Sample. Ich hinterfrage, wieso ich mehr treibenden Beat habe als der eigentlich fragende Counterpart.
Statt Pancakes bestelle ich Bratkartoffeln und Spinat; bin bestimmt kaputtgegangen. G sagt, dass wohl niemand seine eigene Nase mag. Sie erkennt mich auf Bildern von mir von vor elf Jahren kaum. Erkenne mich selbst kaum. Ich denke an A.

U Spichernstraße, 23:00
Ein Mann läuft auf G und mich zu, schaut uns an, läuft vorbei und lacht. Er wirkt verwirrt und trotzdem werde ich extrem self-aware. Ich denke an den Mann, der mich an der Klosterstraße in Richtung Gleisbett stoßen wollte kurz bevor die U-Bahn einfuhr; ich nehme an, die Polizei hat die Ermittlungen eingestellt.

Vierundzwanzigster Juli

Tiergarten-Süd, 16:12
Schaue Interviews und Features zum Brexit-Fuckup und werde wieder wütend. Spätestens seit der letzten Wahl will ich mich in meinen Grafiken politisch äußern, werde aber jedes Mal noch zu sauer. Heute klappt es auch nicht. Ich zeichne stattdessen Blutgefäße und einen Querschnitt vom Ischiasnerv.

Tiergarten-Süd, 17:00
Der Mann, der jeden Tag Rotwein unterm Kastanienbaum an der Ecke trinkt, hat den Weg zum Sekt gefunden. Zwei Flaschen und ein Salat stehen neben ihm auf der Bank.

U Wittenbergplatz, 20:38
Eine Frau isst ihren Döner und lässt all dessen Fleisch aus ihrem Mund vor mir auf den Boden fallen. Weinende Kinder neben Fahrkartenautomaten. An der nächsten Bank desinfiziert sich eine ältere Dame sehr fokussiert die Hände. Jemand starrt mir auf die Füße.

Fünfundzwanzigster Juli

Späti Eberswalder, 11:55
Klassik auf 75% Lautstärke, der Verkäufer und ich brüllen uns an um uns zu verstehen, sind aber trotzdem extrem entspannt.

Sredzkistraße, 13:15
Haare eingepackt wie ein Paket und das schlechte Gewissen, weil man viel zu selten da ist. LaChapelle, Seite 1: „I once was lost“. M umarmt mich am Ende sehr lange.

U Kottbusser Tor, 14:13
Kurve 2327, unten an der U8 wie immer leere Diazepam-Blister, dieser Zug hat Verspätung. Ich habe das erste Mal etwas für Berlin geplant, was über Oktober hinausgeht.
Ich frage mich, ab wann man handeln muss. Und wieso man es dann doch nicht tut.
Der große, fast schon übertrainierte Mann trägt ein sehr kleines Shirt mit dem Aufdruck „low expectations, high hopes“. Ich glaube, das Reparaturklebeband der U-Bahn-Sitze hat sich in meinen Hintern eingebrannt, Ü50 Menschen fangen Pokémon.

Tiergarten-Süd, 18:00
Habe dunkle Streifen um meine Knöchel, das muss ein wenig Bräune sein; das ist mehr als alle Jahre zusammen. Baklawa vom libanesischen Feinkostladen und „She has her Mother‘s Laugh“.
Frage nebenbei Siri, eine Münze zu werfen, um eine Entscheidung zu treffen. Die Münze entscheidet sich aber immer dafür, nie dagegen.

„say it how I’m feeling
ain’t easy“
(Jungle – Time)

180712

Vierter Juli

Berlin-Schönefeld, 18:40
Der Flughafenbus sieht aus wie ein kleiner Wal, dessen oberer Teil noch aus dem Boden schaut.

Wien –

S7 21:07
Gegenüber sitzt ein Mann, der genervt seinem Telefon dabei zuschaut, wie es klingelt. Er regt sich darüber auf, dass er die Person am anderen Ende nicht hören kann. Sein Klingelton ist der nervigste, den man aus den Klingeltönen auswählen kann.

S7 Zentralfriedhof
Ich weiß noch nicht, ob die Raffinerie, an der wir vorbeigefahren sind, das für mich malerischste ist, das ich bisher gesehen habe.
Maria wartet auf mich am Ende des Gleises. Ich weine gleich. Ich wünsche mir absurderweise zu hören „bitte bleib“ auch wenn es das alles nicht besser macht.

S7 21:10
Wir stehen in einem Tunnel, an dessen Wand „I just want to see you“ steht und fühle viel, das ich mir mittlerweile nicht mehr erklären kann. Wir fahren weiter, langsam. Ein paar Meter weiter hat jemand „Sehnsucht“ an die Wand gesprüht.
Der Mann mit dem Telefon starrt lange ins Nichts, mein linker Fuß ist eingeschlafen.

S7 20:13
An den Türen steht „Bei Versagen drücken“ und kann nicht aufhören zu grinsen, was ist mit mir los, verdammter Scheiß.

Donaukanal, ca 23:00
„(…) Herrje. Hinter mir spielen sie Easy Baby von Wanda und essen Torte. Weiß nicht, ob das Klischee-Wien ist (…).“ 
Hinter uns streiten sie nun leidenschaftlich in einer Gruppe über Außen- und Innenpolitik, es fällt mir schwer, mich auf das Gespräch vor mir zu konzentrieren. Ich möchte dem einen Mann, der lautstark antieuropäisches und dazu noch populistisch und ausländerfeindlich motiviertes vor sich hinbrüllt, abfällig anspucken. Unsere Seite der Sitzbank: Cola, Cola und Bier. Alle fünf Minuten fährt einer auf dem Fahrrad an uns vorbei und fragt, ob wir Bier kaufen wollen. Fühle mich komisch, weil ich nur Pfandsammler kenne. Unter dem Brückenbogen auf der anderen Seite des Kanals kommt irgendein furchtbares Lied. Ich denke an die Antilopengang, schlafe fast ein. Ich erwarte keine Antwort und doch trifft es mich. 

Fünfter Juli

Dritter Bezirk, 10:30
Ein Mann grantlt sehr laut am Telefon vor sich hin. Ein Oaschloch sei der am anderen Telefon, er brüllt bald, sagt, dass er ohne Auto nicht auskommt. Die Frage danach, wie manche hier so sehr warm sein können während andere hier kälter sind als der kälteste Punkt auf der Erde. Die Frau an der Kasse von Billa ist sichtlich ernüchtert, sie wundert sich, dass man sie anlächelt. Flaschen nur ohne Pfand.

Sehr viele von der Stadt gebaute Wohnhäuser, es steht sehr stolz außen an der Fassade. Manchmal größer, manchmal kleiner. Der Putz fällt an manchen Häusern ab, auch wenn sie im gleichen Jahr gebaut wurden und nur zehn Meter voneinander entfernt stehen, könnte der Unterschied teilweise nicht größer sein.

Aber hier leben, denke ich, gern.

Sechster Juli

Messe Wien, Medizineraufnahmetest, 9:00
Um mich herum ein paar sehr junge Menschen, die mich sehr lange ansehen. Auf meinem T-Shirt steht etwas, das sie zu entziffern versuchen. Immer zu ausgeprägte Schlangen vor den Damentoiletten. Fühle mich weniger alt, wenn ich daran denke, wie ich vor ein paar Jahren war.

Nach dem Test, ca. 17:00
Vor der Messe sind in einer Art Installation ein paar Betonstelen aufgebaut, auf ihnen kann man sitzen. Sie sind darüber hinaus auch scheinbar über sehr lange Schrauben im Boden verankert. Eltern warten auf ihre Kinder und nehmen sie in den Arm oder machen ihnen Vorwürfe. Gesprächen zuhören, die erahnen lassen, dass manche etwas machen müssen, auf das sie keine Laune haben. Es fällt oft das Wort Budapest, gelegentlich das Wort Privatuniversität. Ein paar Eltern demotivieren ihren Nachwuchs mit der Aussage „du bist halt dumm“ – ich frage mich, wie viele Menschen hier eine Psychotherapie akut gebrauchen könnten.

Siebter Juli

AKH, 19:24
Bin wohl Motte und Flamme zugleich. Überall der gleiche Name, Pastell, Rolltreppen heißen hier Fahrsteige.

Achter Juli

U3 Simmering 14:50
Signalfarben und der Gedanke ans Pastell des AKH. Generell – in der Charité fast alles weiß bis gerade so gelb-beige. In der U-Bahn rote Sitze. Türgriffe, an denen man kurz (und stark) ziehen muss. Ich habe leider meine Bleistifte vergessen und hätte einfach länger bleiben sollen.

Es ist sehr still, ich will gern an der U6 wohnen. J. sagt, der vierte Bezirk würde gut zu mir passen; ich bin gespannt, wie der so aussieht.

Neunter Juli

Zwischen Bosch und Henkel, 1:14
Als würde ich endgültig Hautschichten, zusammenhängend, ablegen, vielleicht gekoppelt an ein gehauchtes endlich. Frau N sagte schon vor Jahren, gelegentlich bin ich vielleicht wie ein Hund, der an der Wohnungstür sitzt und darauf wartet, dass die anderen Bewohner wieder zurückkommen. Ich wollte eigentlich viel lieber eine Katze bleiben.

Wien Flughafen 11:04
„Koffer als Handgepäck“ Armada. Schließe mich ihnen wohl bald an. 

„Words are full of indecision
They evince the troubled nimble wit
Oh, nothing in return“
(Lower Dens – I Get Nervous)

180609

1105
Fotos von vor Jahren und wie du mit Leidenschaft weggerannt bist, fast immer, und wie einige geduldig mit dir waren und wussten, dass manches sich herauswächst. So wie die weißen Punkte auf den Fingernägeln oder die blauen Flecke am Knie.

2505
Und dann hast du eben einfach weitergelebt.

„dass man weiß,
dass man drüber hinwegkommt

wie man früher einmal war“
(Tomte – Du bist den ganzen Weg gerannt)

180418

Du lächelst dich zu dem einen Lied, dessen Video du vor Jahren großartig fandest, durch den Abend. Irgendwo da drüben Gewitter, Unwetter. Du bist der feine Regen, aber du weißt, dass das nichts zu bedeuten hat. Vielleicht bist du von Anfang an ein Frühlingsgewitter gewesen. Von dir erzählen, ist das möglich? Die kleinen feinen Nuancen, die dir aufgefallen sind, Kopfbewegungen, Muster, Spieltriebe. Du fragst dich, was du gewesen bist.

Dann der Mann, der Blumen verkauft, Rosen, rot, im Bündel, zwei Pakete. Deine Fersen hast du blutig gelaufen. Fleischwunde, Blase, irgendetwas war zu klein. Ein roter Streifen aus Grind, die Möglichkeit einer Insel, die Möglichkeit einer Möglichkeit. Rosen, pink, der Mann, der sowieso nie kommt und die roten Zeichen, die die U-Bahn fast überfahren hätte. Ausstieg links.

Dir fällt auf, dass man überall verloren gehen kann, auch und vor allem in sich selbst. Du hast damit aber schon aufgehört, mit Leidenschaft.
Auf der Straße um die Ecke, genauer auf dem Bürgersteig, drei junge Männer vor einem kleinen Tisch mit einem noch kleineren Fernseher, je eine Flasche Gösser – dessen Geschmack du nie ganz nachvollziehen konntest, aber was weißt du schon, in London hast du immer Bananenweizen getrunken – und ein Kabel, das in ihre Wohnung zu führen scheint. Ein paar Meter weiter an dem einen Ufer, das Namen trägt, bei denen du gelegentlich schluckst, Ruhe. Es könnte fast die Côte d’Azur sein, wenn du die Augen schließt und nur lange und fest genug daran glaubst. Von dem großen Feld mit den beiden langen Betonbahnen klingeln dir noch die Ohren. 
Die Stadt hört sich für dich ganz anders an, vor allem, wenn du genau hinhörst. Bewusster, weniger selektiv wahrgenommen, du wählst die einzelnen Klangscheibchen aus, als würdest du bei einer Datei die eingefügten Formen der Reihe nach abklopfen.
Dann bemerkst du: an manche Stimmen kannst du dich nicht mehr erinnern, sie klingen nicht mehr nach in deinem Kopf, wenn du Worte der dazugehörigen Personen liest. Vielleicht noch ein Lachen, ein Einatmen. Normalerweise bist du sehr gut darin, in diesem Erinnern. Günter Litfins Grabstein steht alleine am Humboldthafen, manchmal setzt sich jemand neben ihn und hat ihn doch schon längst vergessen.

„we choose the way we’ll be remembered“
(Her – We Choose)

180330

Du hast damit vor Jahren schon angefangen. Hase, Reh, Löwe, was auch immer gerade nötig war. Haken schlagen kannst du mit Leidenschaft, egal, in welcher Form. Der Geruch von halbstehendem Wasser, die Sonne brennt auf deine eingepackten Beine. Irgendetwas zwischen Warten und Losgehen, du denkst an all das davor, nein, das Davor, denn manches musst du mit Großbuchstaben versehen, auch wenn es das eigentlich nicht verdient hat.

Ein, zwei Momente überlegst du, das sind dann die Momente zu viel, in denen dich so ein Heureka-Erlebnis hätte überkommen können oder deine ganz persönliche Katharsis. Gelegentlich stehst du in Gedanken noch auf diesem Bordstein, dem vor dem Fußgängerüberweg, der mit den gelben Streifen und der Ampel. Du fragst dich, wie viel Feinstaub deine Lungen eingefärbt haben wie Schoko-Streusel Yoghurt. Aber nein, du bist laktoseintolerant und manchmal wachst du nachts lachend auf, einfach so, selten weinst du und wenn, dann sitzt da etwas in deinem Hinterkopf.

Dann trifft es dich doch, dieses berühmte Backstein–im–Gesicht–Gefühl und du schlägst neue Haken, weil du jetzt manches ganz anders vernetzen kannst. Wie bei diesen Nagel–und–Faden–Kunstwerken an den Wänden in fremden Wohnzimmern, solchen, die du als Kind immer Stube genannt hast. Heute denkst du an deine Großmütter, weißt nicht, ob sie beide schon im Sterben liegen oder ob sie wohlauf sind.
Deine Mitochondrien hast du sowieso geerbt von der Linie mütterlicherseits und du weißt oft nicht, wozu dich das macht, schließlich wolltest du seit du denken kannst, nicht so werden oder sein wie deine weiblichen Vorfahren. Dafür ist das alles in dir drin manchmal viel zu schwer, also eigentlich nur noch, wenn du davon erzählen musst. Irgendwie tanzt du gerade viel durch den Alltag, aber nicht so als würdest du taumeln, sondern als wüsstest du genau, was du da gerade tust. Jeder Schritt ins Ungewisse gewollt, manche Berührung erwünscht; du weißt jetzt, wo in der Bibliothek die bequemen Stühle stehen, wo die meiste Ruhe ist, wo die Sonne hinein scheint und du immer Steckdosen hast. Eine Steckdose willst du nicht sein.

Die eine Gesichtshälfte ist deine Lieblingshälfte, da ist die Augenform wie die einer Mandel, deine Lippen fahren auf die Mundwinkel in einem Bogen zu. Du fragst dich, wieso du das all die Jahre nicht gemerkt hast und immer nur auf den Leberfleck in Island–Form gestarrt hast, der auf der Innenseite deines rechten kleinen Fingers von der Haut verwirbelt wird. Teil davon sein, trotzdem unter dem Einfluss von den umgebenden Umständen sein. Und dann schwirrt dir alles der letzten Monate durch den Kopf und du hast das dringende Bedürfnis zu sprinten, nicht wegzurennen, einfach nur zu sprinten, eine Art Fast Forward Taste, eine, die bei dem Radio deines Vaters, mit dem du von einem Radiosender die Top 20 sonntags auf Kassette aufgenommen und überspielt hast, wöchentlich, kaputt war. 

In die Dusche hast du einen Spiegel gestellt und das zu einer bestimmten Uhrzeit reflektierte Sonnenlicht fällt dann auf deine Beine. Morgenlicht, gebrochen von Glas, generell Morgenlicht fehlt dir sehr. Ein Eingang mit wenig Verhandlungsmöglichkeit.
Dann stehst du in Gedanken wieder an dem Bordstein, in der Nähe der Straße, die deinen Geburtsort als Namen trägt und schaust nach links und denkst dir, oh, da bist du. Und lachst.

„I know you wanna, say you wanna
I never said I was a saint, I was sent again
Sin again and then a sinner
Again, again, again, again“
(Young Fathers – In My View)

180312

E. sagt, wenn sie an dich denkt, denkt sie an Knoppers und hat dir knoppersartige Waffeln aus Wien mitgebracht. Eigentlich lachst du, dann stellst du dir vor, wie du dir bald ein angemessenes Kleid kaufen musst. Wie du dich beim letzten Mal so gefühlt hast wie ein im Dunklen leuchtender Weihnachtsbaum, alternativ wie ein Vampir.

Du denkst daran, wie sie dir sagen, deine Haut sei sehr weich, du denkst daran, wie du dich früher durch die Gegend geschleppt hast wie eine offene Wunde. Warst verwundert, als nichts mehr wehgetan hat; wann es aufgehört hat wehzutun, weißt du nicht, vielleicht vor einem Jahr. Du lernst neu zu sehen, machst das seitdem fast wie Malte Laurids Brigge. Kein Panther mehr sein.
Ein paar Klicks auf einer Website und du beginnst ungläubig zu weinen, obwohl gerade erst alles beginnt. Vielleicht weinst du, weil es um etwas geht. Generell hat man ja eher Angst, wenn es so ist. In dir drin bebt es immer noch, du willst immer noch nichts und niemanden verpassen, was und der etwas in dir anspricht, von dem du in der Art nichts wusstest. In deinem Kopf Ebenen, denen du gelassen entgegensiehst. Das muss dieser Moment nach dem Sturm sein, dem in einem selbst.

Dem Mann am anderen Ende der Kreuzung siehst du dabei zu, wie er sich über den Bauch streichelt, du denkst an Viszeralfett, an Stammfettsucht und betrachtest dein Profil in einer dieser unsäglichen Werbetafeln, die in der Nacht meist aufhören zu leuchten. Du kannst kaum noch zeichnen, du beginnst in Fachbegriffen zu denken.
Dann der Jahrestag der großen Flut und wie diese eine dreiköpfige Familie in ihr verschwand und du seitdem ihre Briefe nicht mehr in die Hand nehmen kannst. Du willst den ganzen Abend über mit niemandem reden, eine Art Schuldgefühl kriecht dir die Haut von den Lenden zum Hals entlang; keine Gänsehaut, nicht einmal das, etwas verwandtes.

Im Buchladen suchst du nach Namen, die du schonmal hast durchblättern wollen, bei dem einen kleben die Seiten zusammen, bei dem anderen lachst du schon auf der ersten Zeile vor Hilflosigkeit und ein bisschen selbst erlebter Fremdscham. Der dringende Wunsch zu schreiben, gleich, also dann in der U-Bahn auf dem Weg nach Hause. Die laute Stadt erreicht dich, bevor du genug Ruhe gefunden hast; ein paar Muster dieser Hauptstadt und ihrer Einwohner haben sich in dein Bewusstsein gedrängt. Die Frage, ob das Angst oder etwas ähnliches bis anders gelagertes ist. Du weißt es nicht, traust dich aber auch nicht nachzuhaken.

Du beobachtest die Mikrobewegungen der Muskeln in deinem Gesicht, eine Reihe aus Neugier und Reaktion auf die Musik, die im Hintergrund läuft. Im Treppenhaus Spuren von den Leuten, die sich mit dir ein Gebäude teilen – du siehst sie selten; an der Wand neben dir Aufnahmen deines Gehirns, dem, von dem du manchmal gerne wissen möchtest, wieso manches sich unnötig verkompliziert und wieso es so lange gedauert hat, zum jetzigen Stand zu kommen, von dem du nicht weißt, was du über ihn erzählen kannst, weil du ihn erst seit kurzem als so angenehm wahrnimmst.

Dann wieder Bilder der großen Flut, du tanzt dich aus der Starre hinaus, hast kaum jemandem davon erzählt, weder damals noch jetzt. Nicht alles ist so eineindeutig wie der Tod einer Person.

Der Herbst wirkt wie eine Drohung. Irgendwann fragst du all die Fragen, die du fragen willst. Frag sie doch vielleicht jetzt schon, die Zeit beeilt sich zu sehr.

(The Tallest Man On Earth – The Wild Hunt)

180211

Das waren die Spuren im so halb frisch gefallenen Schnee und die Lichter in deren geschmolzener Version, da auf den Straßen zwischen der Treppe zur U1 und dem kalten Wind in meinem Rücken.

Als hätte ich das alles nur geträumt mit dem Leben hier, ein wenig viel Schönes, der Blick aufs LSD siebenuhrdreißig, Bülowstraße, Bögen, als wäre ich gerade erst hier angekommen; da in dem Transporter neben meinem Vater, Autobahnabfahrt Innsbrucker Platz, zweitausenddreizehn. Nicht viel Freiraum, Holz, Möbel, Waschmaschine, das erste Mal Ochsenblutdielen und die Holzssplitter in meinen Fußsohlen vom Abschleifen, das nie passiert ist.
Das Gefühl, als müsste ich ganz dringend, sofort, anfangen zu rennen. Vielleicht in deine Arme, vielleicht an einen Ort, von dem ich noch nicht so viel weiß. Du weißt, du stehst immer dann fest mit beiden Beinen auf dem Boden, wenn du nicht überlegst, wo du jetzt gern lieber wärst.
Du beginnst den Abschied in Raten zu feiern. Das letzte Mal Winter, das letzte Mal Sibirische Steppe. In London hat es dich härter getroffen, da war das Bewusstsein, dass du immer wiederkommen aber nie wieder so ankommen würdest. Andere Menschen in deinem Zimmer, ein Beobachten der Hausfassade, andere Menschen dort, wo du einst standest, in Uniform und mit weißem Hemd. Um die Ecke noch die Bloomsbury Ambulance Station.

Einige Brücken lässt du brennen, über brennbares Material hinaus, als gäbe es noch etwas zu sagen oder etwas wiedergutzumachen; aber du hast niemandem bisher gesagt, dass die Brücken immer Plätze und nie Personen waren. Als könnte man Erinnerungen ausradieren oder das Vergessen beschleunigen. Stattdessen fällst du, wenn schon nicht über deine Füße, dann wenigstens aufs Herz oder den Kopf. Im besten Fall kein Herzinfarkt, keine Gehirnblutung, im schlimmsten Fall ein gebrochenes Herz und das Scatterbrain, das alles will und zwar sofort, aber zugleich dann doch wieder nichts. Du weißt, dass manches dauert und mit Dauer weißt du um deine Fahrlässigkeit dir gegenüber. Ist schließlich nicht wie mit den roten Blutkörperchen, die Leber oder Milz nach einhundertzwanzig Tagen voller Kernlosigkeit abbauen. Dabei hast du doch deinen Kern nie verloren.

Am Ende aber denkst du mit Leidenschaft an diesen einen Satz, den J zu dir über dich sagte und den du an alle spiegeln möchtest, die deinen Weg kreuzen. Manche Menschen haben einen unglaublich schönen Verstand. Du fügst in Gedanken etwas hinzu: manche Menschen gehen weit darüber hinaus.

„for we owe it to ourselves
to bury yesterday and leave it quaking in the earth“
(Son Lux – Aquatic)

180201

Du wunderst dich über ihren Gesundheitszustand und schaust beschämt an deinem Körper herunter. Offener Mantel, immer, außer bei Minusgraden und stechender Brise. Die Hände werden schon rot und rau, je nachdem, wie der Wind steht. Das warst du dann aber auch mit den Quadratmetern und den Worten, fünfuhrdreizehn, du hast genau auf dein Telefon gesehen, bevor du auf den blauen Pfeil getippt hast, am anderen Ende einer Stadt kann es eigentlich nicht viel kälter sein.
Doch dann die Befürchtung, noch nicht einmal eine Fußnote zu sein, zu werden, kein sanftes Betätigen einer Klingel. Rainald Goetz hatte Unrecht, nicht wütend schrittst du voran, du taumelst vielmehr. Weswegen, worin und wohin kannst auch du nicht sagen.

Generell lässt du dir exorbitant viel Zeit, denke ich, denkst du vielleicht ebenso, ein Spiel aus Internalisierung und Externalisierung. Blauer Mond, Supermond und Blutmond in einem, in dir drin nichts verregnet, ein Perspektivenraster womöglich. Alle neunzehn Jahre ein Lebensabschnitt, das hält doch niemand so lange aus.
Aber gibt es nur cool und uncool und wie man sich fühlt und die, die fragen und antworten, und die, die es nicht tun. Stille oder Bewegung zwischen zwei Punkten. Das geht schon alles vorbei, mehr oder weniger, dabei habe ich noch nicht einmal einen Plan oder ein Ziel, das bis zur nächsten Mondkonstellation von irgendetwas hätte erzählen können.

Du drehst also deine Runden, stet und bebend, eine Lichtglocke hängt über Berlin, selbst hier. Selbst hier.
In ein paar Monaten gehen die Feuerwerke wieder hoch, aber schon jetzt rieche ich nach Baum, nach Blüten, nach Frühling, doch davon wirst du nichts wissen, egal, wie sehr sich unsere Kreise berühren.

„tell me what’s next
tell me what’s best“
(Kraków Loves Adana – Rapture)