180725

Achtzehnter Juli

U8 Hermannstraße, 12:10
In der Gruppe reden sie davon, dass es „Anti-Schwitz-Tabletten“ gibt und sie mal den einen fragen wollen, der immer nach Polen fährt, ob er ihnen welche mitbringt. Ich denke an die „Leber-Tabletten“ von T und dass ich ihn das nächste Mal wohl erst in Frankfurt wiedersehe, den Abschied habe ich verpasst.

VHS Neukölln, 12:20
„It‘s Raining Men“ in der Gerri Halliwell Version beim Sicherheitsmann an der Eingangstür in Schleife; der Hall von verqueren Geräuschen, die ich von meinem Gymnasium noch kenne. Flip Flops kündigen sich am durchdringendsten an. Ich höre Cs gutgelauntes Pfeifen aus einiger Entfernung.

Neunzehnter Juli

U Kurfürstendamm, 15:12
J sagt ich sei „a small human“ und ich überlege, wie in welchem Shirt ich das verorten kann. Ich weiß, dass er über verschiedene Arten von Kleidung redet und dann kommt der eine Tätowierer in den Sinn – „you have very delicate skin“. Heute morgen beim mich selbst anstarren in der Dusche war ich mir nicht mehr ganz so sicher, wie weich ich sein möchte, aber genau dafür habe ich auch vor Monaten den Spiegel in die Dusche gestellt.

Einundzwanzigster Juli

S+U Zoologischer Garten, 16:55
Eine Frau mit Gehhilfen an jedem Unterarm klettert in den Baustellengraben zwischen den Fahrbahnen, an jedem der Plastikgriffe hängt ein Beutel voller Brotkrumen, in Würfel geschnitten. Sie wirft den Inhalt einer Tüte in die Menge an Tauben, die sich jetzt schon um sie geschart hat und ruft laut „meine Kinder“ während sich die Touristen nach ihr umdrehen. Bei ihrem Versuch wieder auf die Fahrbahn zu klettern frage ich mich, wie sie es geschafft hat, überhaupt hinunterzukommen.

Zweiundzwanzigster Juli

Potsdamer Straße, 09:00
Als wäre hier nie jemand gewesen, also fast, vielleicht, außer den Menschen, die noch oder schon wieder darauf warten, dass Burger King öffnet.
Eventuell sollte ich endlich wieder mit dem Laufen anfangen.

Schlossbrücke, 09:40
Ich habe noch nie so viele Menschen in Charlottenburg gesehen.

Spreedampfer, irgendwo vor Moabit, 10:25
Die Rentnergruppen trinken schon jetzt das harte Zeug. Steinmeier ist zu Hause.

Tiergarten-Süd, 18:12
Das ist wohl ein Sonnenstich.

Dreiundzwanzigster Juli

U Kottbusser Tor, 09:50
Die Frau vom Blumenladen unterhält sich mit mir über das Preis-Leistungs-Verhältnis großer Blumensträuße. Sie sagt, sie freut sich, wann auch immer sie mich sieht.

Tempelhofer Feld, 11:35
Ein Mann sitzt auf einer Holzbank direkt hinter E und mir und muss wohl nichts anderes machen können als zuhören. Dann gießt er Sonnenblumen. Ich will gerade nicht weg aus Berlin.

Schlesischer Busch, 14:30
C wird von einem Mann angesprochen, sie würden sich doch kennen. Von der-und-der-Straße von damals, von vor Jahren. Ein anderer Mann starrt mir sehr eindringlich auf und in den Ausschnitt.

Schlesische Straße, 17:15
Das Telefon von C heißt Frank. Auf dem Streifen aus dem Fotoautomaten sehen wir aus wie schlecht gelaunte Schauspieler aus den 1920ern. Ein weiteres Relikt für die Reihe „Freunde in 4er-Anordnung“.

Potsdamer Straße, 20:32
Ein Eichhörnchen ist im Schaufenster vom Second Hand Laden gefangen und läuft panisch von der einen Seite der Scheibe zur anderen. Touristen scharen sich um die Ladenfront um Videos von ihm zu machen.
Habe das Gefühl, meine Beine leuchten bestimmt auch im Dunklen. Frage mich, wieso ich mich so sehr mit Issues beschäftige, die nicht meine sind.

Benedict, 21:13
Mein Tag besteht nur aus Essen und Gesprächen, in die sich manches immer wieder einwebt, als wäre es eine Form von Loop oder Sample. Ich hinterfrage, wieso ich mehr treibenden Beat habe als der eigentlich fragende Counterpart.
Statt Pancakes bestelle ich Bratkartoffeln und Spinat; bin bestimmt kaputtgegangen. G sagt, dass wohl niemand seine eigene Nase mag. Sie erkennt mich auf Bildern von mir von vor elf Jahren kaum. Erkenne mich selbst kaum. Ich denke an A.

U Spichernstraße, 23:00
Ein Mann läuft auf G und mich zu, schaut uns an, läuft vorbei und lacht. Er wirkt verwirrt und trotzdem werde ich extrem self-aware. Ich denke an den Mann, der mich an der Klosterstraße in Richtung Gleisbett stoßen wollte kurz bevor die U-Bahn einfuhr; ich nehme an, die Polizei hat die Ermittlungen eingestellt.

Vierundzwanzigster Juli

Tiergarten-Süd, 16:12
Schaue Interviews und Features zum Brexit-Fuckup und werde wieder wütend. Spätestens seit der letzten Wahl will ich mich in meinen Grafiken politisch äußern, werde aber jedes Mal noch zu sauer. Heute klappt es auch nicht. Ich zeichne stattdessen Blutgefäße und einen Querschnitt vom Ischiasnerv.

Tiergarten-Süd, 17:00
Der Mann, der jeden Tag Rotwein unterm Kastanienbaum an der Ecke trinkt, hat den Weg zum Sekt gefunden. Zwei Flaschen und ein Salat stehen neben ihm auf der Bank.

U Wittenbergplatz, 20:38
Eine Frau isst ihren Döner und lässt all dessen Fleisch aus ihrem Mund vor mir auf den Boden fallen. Weinende Kinder neben Fahrkartenautomaten. An der nächsten Bank desinfiziert sich eine ältere Dame sehr fokussiert die Hände. Jemand starrt mir auf die Füße.

Fünfundzwanzigster Juli

Späti Eberswalder, 11:55
Klassik auf 75% Lautstärke, der Verkäufer und ich brüllen uns an um uns zu verstehen, sind aber trotzdem extrem entspannt.

Sredzkistraße, 13:15
Haare eingepackt wie ein Paket und das schlechte Gewissen, weil man viel zu selten da ist. LaChapelle, Seite 1: „I once was lost“. M umarmt mich am Ende sehr lange.

U Kottbusser Tor, 14:13
Kurve 2327, unten an der U8 wie immer leere Diazepam-Blister, dieser Zug hat Verspätung. Ich habe das erste Mal etwas für Berlin geplant, was über Oktober hinausgeht.
Ich frage mich, ab wann man handeln muss. Und wieso man es dann doch nicht tut.
Der große, fast schon übertrainierte Mann trägt ein sehr kleines Shirt mit dem Aufdruck „low expectations, high hopes“. Ich glaube, das Reparaturklebeband der U-Bahn-Sitze hat sich in meinen Hintern eingebrannt, Ü50 Menschen fangen Pokémon.

Tiergarten-Süd, 18:00
Habe dunkle Streifen um meine Knöchel, das muss ein wenig Bräune sein; das ist mehr als alle Jahre zusammen. Baklawa vom libanesischen Feinkostladen und „She has her Mother‘s Laugh“.
Frage nebenbei Siri, eine Münze zu werfen, um eine Entscheidung zu treffen. Die Münze entscheidet sich aber immer dafür, nie dagegen.

„say it how I’m feeling
ain’t easy“
(Jungle – Time)

180712

Vierter Juli

Berlin-Schönefeld, 18:40
Der Flughafenbus sieht aus wie ein kleiner Wal, dessen oberer Teil noch aus dem Boden schaut.

Wien –

S7 21:07
Gegenüber sitzt ein Mann, der genervt seinem Telefon dabei zuschaut, wie es klingelt. Er regt sich darüber auf, dass er die Person am anderen Ende nicht hören kann. Sein Klingelton ist der nervigste, den man aus den Klingeltönen auswählen kann.

S7 Zentralfriedhof
Ich weiß noch nicht, ob die Raffinerie, an der wir vorbeigefahren sind, das für mich malerischste ist, das ich bisher gesehen habe.
Maria wartet auf mich am Ende des Gleises. Ich weine gleich. Ich wünsche mir absurderweise zu hören „bitte bleib“ auch wenn es das alles nicht besser macht.

S7 21:10
Wir stehen in einem Tunnel, an dessen Wand „I just want to see you“ steht und fühle viel, das ich mir mittlerweile nicht mehr erklären kann. Wir fahren weiter, langsam. Ein paar Meter weiter hat jemand „Sehnsucht“ an die Wand gesprüht.
Der Mann mit dem Telefon starrt lange ins Nichts, mein linker Fuß ist eingeschlafen.

S7 20:13
An den Türen steht „Bei Versagen drücken“ und kann nicht aufhören zu grinsen, was ist mit mir los, verdammter Scheiß.

Donaukanal, ca 23:00
„(…) Herrje. Hinter mir spielen sie Easy Baby von Wanda und essen Torte. Weiß nicht, ob das Klischee-Wien ist (…).“ 
Hinter uns streiten sie nun leidenschaftlich in einer Gruppe über Außen- und Innenpolitik, es fällt mir schwer, mich auf das Gespräch vor mir zu konzentrieren. Ich möchte dem einen Mann, der lautstark antieuropäisches und dazu noch populistisch und ausländerfeindlich motiviertes vor sich hinbrüllt, abfällig anspucken. Unsere Seite der Sitzbank: Cola, Cola und Bier. Alle fünf Minuten fährt einer auf dem Fahrrad an uns vorbei und fragt, ob wir Bier kaufen wollen. Fühle mich komisch, weil ich nur Pfandsammler kenne. Unter dem Brückenbogen auf der anderen Seite des Kanals kommt irgendein furchtbares Lied. Ich denke an die Antilopengang, schlafe fast ein. Ich erwarte keine Antwort und doch trifft es mich. 

Fünfter Juli

Dritter Bezirk, 10:30
Ein Mann grantlt sehr laut am Telefon vor sich hin. Ein Oaschloch sei der am anderen Telefon, er brüllt bald, sagt, dass er ohne Auto nicht auskommt. Die Frage danach, wie manche hier so sehr warm sein können während andere hier kälter sind als der kälteste Punkt auf der Erde. Die Frau an der Kasse von Billa ist sichtlich ernüchtert, sie wundert sich, dass man sie anlächelt. Flaschen nur ohne Pfand.

Sehr viele von der Stadt gebaute Wohnhäuser, es steht sehr stolz außen an der Fassade. Manchmal größer, manchmal kleiner. Der Putz fällt an manchen Häusern ab, auch wenn sie im gleichen Jahr gebaut wurden und nur zehn Meter voneinander entfernt stehen, könnte der Unterschied teilweise nicht größer sein.

Aber hier leben, denke ich, gern.

Sechster Juli

Messe Wien, Medizineraufnahmetest, 9:00
Um mich herum ein paar sehr junge Menschen, die mich sehr lange ansehen. Auf meinem T-Shirt steht etwas, das sie zu entziffern versuchen. Immer zu ausgeprägte Schlangen vor den Damentoiletten. Fühle mich weniger alt, wenn ich daran denke, wie ich vor ein paar Jahren war.

Nach dem Test, ca. 17:00
Vor der Messe sind in einer Art Installation ein paar Betonstelen aufgebaut, auf ihnen kann man sitzen. Sie sind darüber hinaus auch scheinbar über sehr lange Schrauben im Boden verankert. Eltern warten auf ihre Kinder und nehmen sie in den Arm oder machen ihnen Vorwürfe. Gesprächen zuhören, die erahnen lassen, dass manche etwas machen müssen, auf das sie keine Laune haben. Es fällt oft das Wort Budapest, gelegentlich das Wort Privatuniversität. Ein paar Eltern demotivieren ihren Nachwuchs mit der Aussage „du bist halt dumm“ – ich frage mich, wie viele Menschen hier eine Psychotherapie akut gebrauchen könnten.

Siebter Juli

AKH, 19:24
Bin wohl Motte und Flamme zugleich. Überall der gleiche Name, Pastell, Rolltreppen heißen hier Fahrsteige.

Achter Juli

U3 Simmering 14:50
Signalfarben und der Gedanke ans Pastell des AKH. Generell – in der Charité fast alles weiß bis gerade so gelb-beige. In der U-Bahn rote Sitze. Türgriffe, an denen man kurz (und stark) ziehen muss. Ich habe leider meine Bleistifte vergessen und hätte einfach länger bleiben sollen.

Es ist sehr still, ich will gern an der U6 wohnen. J. sagt, der vierte Bezirk würde gut zu mir passen; ich bin gespannt, wie der so aussieht.

Neunter Juli

Zwischen Bosch und Henkel, 1:14
Als würde ich endgültig Hautschichten, zusammenhängend, ablegen, vielleicht gekoppelt an ein gehauchtes endlich. Frau N sagte schon vor Jahren, gelegentlich bin ich vielleicht wie ein Hund, der an der Wohnungstür sitzt und darauf wartet, dass die anderen Bewohner wieder zurückkommen. Ich wollte eigentlich viel lieber eine Katze bleiben.

Wien Flughafen 11:04
„Koffer als Handgepäck“ Armada. Schließe mich ihnen wohl bald an. 

„Words are full of indecision
They evince the troubled nimble wit
Oh, nothing in return“
(Lower Dens – I Get Nervous)

180609

1105
Fotos von vor Jahren und wie du mit Leidenschaft weggerannt bist, fast immer, und wie einige geduldig mit dir waren und wussten, dass manches sich herauswächst. So wie die weißen Punkte auf den Fingernägeln oder die blauen Flecke am Knie.

2505
Und dann hast du eben einfach weitergelebt.

„dass man weiß,
dass man drüber hinwegkommt

wie man früher einmal war“
(Tomte – Du bist den ganzen Weg gerannt)

180418

Du lächelst dich zu dem einen Lied, dessen Video du vor Jahren großartig fandest, durch den Abend. Irgendwo da drüben Gewitter, Unwetter. Du bist der feine Regen, aber du weißt, dass das nichts zu bedeuten hat. Vielleicht bist du von Anfang an ein Frühlingsgewitter gewesen. Von dir erzählen, ist das möglich? Die kleinen feinen Nuancen, die dir aufgefallen sind, Kopfbewegungen, Muster, Spieltriebe. Du fragst dich, was du gewesen bist.

Dann der Mann, der Blumen verkauft, Rosen, rot, im Bündel, zwei Pakete. Deine Fersen hast du blutig gelaufen. Fleischwunde, Blase, irgendetwas war zu klein. Ein roter Streifen aus Grind, die Möglichkeit einer Insel, die Möglichkeit einer Möglichkeit. Rosen, pink, der Mann, der sowieso nie kommt und die roten Zeichen, die die U-Bahn fast überfahren hätte. Ausstieg links.

Dir fällt auf, dass man überall verloren gehen kann, auch und vor allem in sich selbst. Du hast damit aber schon aufgehört, mit Leidenschaft.
Auf der Straße um die Ecke, genauer auf dem Bürgersteig, drei junge Männer vor einem kleinen Tisch mit einem noch kleineren Fernseher, je eine Flasche Gösser – dessen Geschmack du nie ganz nachvollziehen konntest, aber was weißt du schon, in London hast du immer Bananenweizen getrunken – und ein Kabel, das in ihre Wohnung zu führen scheint. Ein paar Meter weiter an dem einen Ufer, das Namen trägt, bei denen du gelegentlich schluckst, Ruhe. Es könnte fast die Côte d’Azur sein, wenn du die Augen schließt und nur lange und fest genug daran glaubst. Von dem großen Feld mit den beiden langen Betonbahnen klingeln dir noch die Ohren. 
Die Stadt hört sich für dich ganz anders an, vor allem, wenn du genau hinhörst. Bewusster, weniger selektiv wahrgenommen, du wählst die einzelnen Klangscheibchen aus, als würdest du bei einer Datei die eingefügten Formen der Reihe nach abklopfen.
Dann bemerkst du: an manche Stimmen kannst du dich nicht mehr erinnern, sie klingen nicht mehr nach in deinem Kopf, wenn du Worte der dazugehörigen Personen liest. Vielleicht noch ein Lachen, ein Einatmen. Normalerweise bist du sehr gut darin, in diesem Erinnern. Günter Litfins Grabstein steht alleine am Humboldthafen, manchmal setzt sich jemand neben ihn und hat ihn doch schon längst vergessen.

„we choose the way we’ll be remembered“
(Her – We Choose)

180330

Du hast damit vor Jahren schon angefangen. Hase, Reh, Löwe, was auch immer gerade nötig war. Haken schlagen kannst du mit Leidenschaft, egal, in welcher Form. Der Geruch von halbstehendem Wasser, die Sonne brennt auf deine eingepackten Beine. Irgendetwas zwischen Warten und Losgehen, du denkst an all das davor, nein, das Davor, denn manches musst du mit Großbuchstaben versehen, auch wenn es das eigentlich nicht verdient hat.

Ein, zwei Momente überlegst du, das sind dann die Momente zu viel, in denen dich so ein Heureka-Erlebnis hätte überkommen können oder deine ganz persönliche Katharsis. Gelegentlich stehst du in Gedanken noch auf diesem Bordstein, dem vor dem Fußgängerüberweg, der mit den gelben Streifen und der Ampel. Du fragst dich, wie viel Feinstaub deine Lungen eingefärbt haben wie Schoko-Streusel Yoghurt. Aber nein, du bist laktoseintolerant und manchmal wachst du nachts lachend auf, einfach so, selten weinst du und wenn, dann sitzt da etwas in deinem Hinterkopf.

Dann trifft es dich doch, dieses berühmte Backstein–im–Gesicht–Gefühl und du schlägst neue Haken, weil du jetzt manches ganz anders vernetzen kannst. Wie bei diesen Nagel–und–Faden–Kunstwerken an den Wänden in fremden Wohnzimmern, solchen, die du als Kind immer Stube genannt hast. Heute denkst du an deine Großmütter, weißt nicht, ob sie beide schon im Sterben liegen oder ob sie wohlauf sind.
Deine Mitochondrien hast du sowieso geerbt von der Linie mütterlicherseits und du weißt oft nicht, wozu dich das macht, schließlich wolltest du seit du denken kannst, nicht so werden oder sein wie deine weiblichen Vorfahren. Dafür ist das alles in dir drin manchmal viel zu schwer, also eigentlich nur noch, wenn du davon erzählen musst. Irgendwie tanzt du gerade viel durch den Alltag, aber nicht so als würdest du taumeln, sondern als wüsstest du genau, was du da gerade tust. Jeder Schritt ins Ungewisse gewollt, manche Berührung erwünscht; du weißt jetzt, wo in der Bibliothek die bequemen Stühle stehen, wo die meiste Ruhe ist, wo die Sonne hinein scheint und du immer Steckdosen hast. Eine Steckdose willst du nicht sein.

Die eine Gesichtshälfte ist deine Lieblingshälfte, da ist die Augenform wie die einer Mandel, deine Lippen fahren auf die Mundwinkel in einem Bogen zu. Du fragst dich, wieso du das all die Jahre nicht gemerkt hast und immer nur auf den Leberfleck in Island–Form gestarrt hast, der auf der Innenseite deines rechten kleinen Fingers von der Haut verwirbelt wird. Teil davon sein, trotzdem unter dem Einfluss von den umgebenden Umständen sein. Und dann schwirrt dir alles der letzten Monate durch den Kopf und du hast das dringende Bedürfnis zu sprinten, nicht wegzurennen, einfach nur zu sprinten, eine Art Fast Forward Taste, eine, die bei dem Radio deines Vaters, mit dem du von einem Radiosender die Top 20 sonntags auf Kassette aufgenommen und überspielt hast, wöchentlich, kaputt war. 

In die Dusche hast du einen Spiegel gestellt und das zu einer bestimmten Uhrzeit reflektierte Sonnenlicht fällt dann auf deine Beine. Morgenlicht, gebrochen von Glas, generell Morgenlicht fehlt dir sehr. Ein Eingang mit wenig Verhandlungsmöglichkeit.
Dann stehst du in Gedanken wieder an dem Bordstein, in der Nähe der Straße, die deinen Geburtsort als Namen trägt und schaust nach links und denkst dir, oh, da bist du. Und lachst.

„I know you wanna, say you wanna
I never said I was a saint, I was sent again
Sin again and then a sinner
Again, again, again, again“
(Young Fathers – In My View)

180312

E. sagt, wenn sie an dich denkt, denkt sie an Knoppers und hat dir knoppersartige Waffeln aus Wien mitgebracht. Eigentlich lachst du, dann stellst du dir vor, wie du dir bald ein angemessenes Kleid kaufen musst. Wie du dich beim letzten Mal so gefühlt hast wie ein im Dunklen leuchtender Weihnachtsbaum, alternativ wie ein Vampir.

Du denkst daran, wie sie dir sagen, deine Haut sei sehr weich, du denkst daran, wie du dich früher durch die Gegend geschleppt hast wie eine offene Wunde. Warst verwundert, als nichts mehr wehgetan hat; wann es aufgehört hat wehzutun, weißt du nicht, vielleicht vor einem Jahr. Du lernst neu zu sehen, machst das seitdem fast wie Malte Laurids Brigge. Kein Panther mehr sein.
Ein paar Klicks auf einer Website und du beginnst ungläubig zu weinen, obwohl gerade erst alles beginnt. Vielleicht weinst du, weil es um etwas geht. Generell hat man ja eher Angst, wenn es so ist. In dir drin bebt es immer noch, du willst immer noch nichts und niemanden verpassen, was und der etwas in dir anspricht, von dem du in der Art nichts wusstest. In deinem Kopf Ebenen, denen du gelassen entgegensiehst. Das muss dieser Moment nach dem Sturm sein, dem in einem selbst.

Dem Mann am anderen Ende der Kreuzung siehst du dabei zu, wie er sich über den Bauch streichelt, du denkst an Viszeralfett, an Stammfettsucht und betrachtest dein Profil in einer dieser unsäglichen Werbetafeln, die in der Nacht meist aufhören zu leuchten. Du kannst kaum noch zeichnen, du beginnst in Fachbegriffen zu denken.
Dann der Jahrestag der großen Flut und wie diese eine dreiköpfige Familie in ihr verschwand und du seitdem ihre Briefe nicht mehr in die Hand nehmen kannst. Du willst den ganzen Abend über mit niemandem reden, eine Art Schuldgefühl kriecht dir die Haut von den Lenden zum Hals entlang; keine Gänsehaut, nicht einmal das, etwas verwandtes.

Im Buchladen suchst du nach Namen, die du schonmal hast durchblättern wollen, bei dem einen kleben die Seiten zusammen, bei dem anderen lachst du schon auf der ersten Zeile vor Hilflosigkeit und ein bisschen selbst erlebter Fremdscham. Der dringende Wunsch zu schreiben, gleich, also dann in der U-Bahn auf dem Weg nach Hause. Die laute Stadt erreicht dich, bevor du genug Ruhe gefunden hast; ein paar Muster dieser Hauptstadt und ihrer Einwohner haben sich in dein Bewusstsein gedrängt. Die Frage, ob das Angst oder etwas ähnliches bis anders gelagertes ist. Du weißt es nicht, traust dich aber auch nicht nachzuhaken.

Du beobachtest die Mikrobewegungen der Muskeln in deinem Gesicht, eine Reihe aus Neugier und Reaktion auf die Musik, die im Hintergrund läuft. Im Treppenhaus Spuren von den Leuten, die sich mit dir ein Gebäude teilen – du siehst sie selten; an der Wand neben dir Aufnahmen deines Gehirns, dem, von dem du manchmal gerne wissen möchtest, wieso manches sich unnötig verkompliziert und wieso es so lange gedauert hat, zum jetzigen Stand zu kommen, von dem du nicht weißt, was du über ihn erzählen kannst, weil du ihn erst seit kurzem als so angenehm wahrnimmst.

Dann wieder Bilder der großen Flut, du tanzt dich aus der Starre hinaus, hast kaum jemandem davon erzählt, weder damals noch jetzt. Nicht alles ist so eineindeutig wie der Tod einer Person.

Der Herbst wirkt wie eine Drohung. Irgendwann fragst du all die Fragen, die du fragen willst. Frag sie doch vielleicht jetzt schon, die Zeit beeilt sich zu sehr.

(The Tallest Man On Earth – The Wild Hunt)

180211

Das waren die Spuren im so halb frisch gefallenen Schnee und die Lichter in deren geschmolzener Version, da auf den Straßen zwischen der Treppe zur U1 und dem kalten Wind in meinem Rücken.

Als hätte ich das alles nur geträumt mit dem Leben hier, ein wenig viel Schönes, der Blick aufs LSD siebenuhrdreißig, Bülowstraße, Bögen, als wäre ich gerade erst hier angekommen; da in dem Transporter neben meinem Vater, Autobahnabfahrt Innsbrucker Platz, zweitausenddreizehn. Nicht viel Freiraum, Holz, Möbel, Waschmaschine, das erste Mal Ochsenblutdielen und die Holzssplitter in meinen Fußsohlen vom Abschleifen, das nie passiert ist.
Das Gefühl, als müsste ich ganz dringend, sofort, anfangen zu rennen. Vielleicht in deine Arme, vielleicht an einen Ort, von dem ich noch nicht so viel weiß. Du weißt, du stehst immer dann fest mit beiden Beinen auf dem Boden, wenn du nicht überlegst, wo du jetzt gern lieber wärst.
Du beginnst den Abschied in Raten zu feiern. Das letzte Mal Winter, das letzte Mal Sibirische Steppe. In London hat es dich härter getroffen, da war das Bewusstsein, dass du immer wiederkommen aber nie wieder so ankommen würdest. Andere Menschen in deinem Zimmer, ein Beobachten der Hausfassade, andere Menschen dort, wo du einst standest, in Uniform und mit weißem Hemd. Um die Ecke noch die Bloomsbury Ambulance Station.

Einige Brücken lässt du brennen, über brennbares Material hinaus, als gäbe es noch etwas zu sagen oder etwas wiedergutzumachen; aber du hast niemandem bisher gesagt, dass die Brücken immer Plätze und nie Personen waren. Als könnte man Erinnerungen ausradieren oder das Vergessen beschleunigen. Stattdessen fällst du, wenn schon nicht über deine Füße, dann wenigstens aufs Herz oder den Kopf. Im besten Fall kein Herzinfarkt, keine Gehirnblutung, im schlimmsten Fall ein gebrochenes Herz und das Scatterbrain, das alles will und zwar sofort, aber zugleich dann doch wieder nichts. Du weißt, dass manches dauert und mit Dauer weißt du um deine Fahrlässigkeit dir gegenüber. Ist schließlich nicht wie mit den roten Blutkörperchen, die Leber oder Milz nach einhundertzwanzig Tagen voller Kernlosigkeit abbauen. Dabei hast du doch deinen Kern nie verloren.

Am Ende aber denkst du mit Leidenschaft an diesen einen Satz, den J zu dir über dich sagte und den du an alle spiegeln möchtest, die deinen Weg kreuzen. Manche Menschen haben einen unglaublich schönen Verstand. Du fügst in Gedanken etwas hinzu: manche Menschen gehen weit darüber hinaus.

„for we owe it to ourselves
to bury yesterday and leave it quaking in the earth“
(Son Lux – Aquatic)

180201

Du wunderst dich über ihren Gesundheitszustand und schaust beschämt an deinem Körper herunter. Offener Mantel, immer, außer bei Minusgraden und stechender Brise. Die Hände werden schon rot und rau, je nachdem, wie der Wind steht. Das warst du dann aber auch mit den Quadratmetern und den Worten, fünfuhrdreizehn, du hast genau auf dein Telefon gesehen, bevor du auf den blauen Pfeil getippt hast, am anderen Ende einer Stadt kann es eigentlich nicht viel kälter sein.
Doch dann die Befürchtung, noch nicht einmal eine Fußnote zu sein, zu werden, kein sanftes Betätigen einer Klingel. Rainald Goetz hatte Unrecht, nicht wütend schrittst du voran, du taumelst vielmehr. Weswegen, worin und wohin kannst auch du nicht sagen.

Generell lässt du dir exorbitant viel Zeit, denke ich, denkst du vielleicht ebenso, ein Spiel aus Internalisierung und Externalisierung. Blauer Mond, Supermond und Blutmond in einem, in dir drin nichts verregnet, ein Perspektivenraster womöglich. Alle neunzehn Jahre ein Lebensabschnitt, das hält doch niemand so lange aus.
Aber gibt es nur cool und uncool und wie man sich fühlt und die, die fragen und antworten, und die, die es nicht tun. Stille oder Bewegung zwischen zwei Punkten. Das geht schon alles vorbei, mehr oder weniger, dabei habe ich noch nicht einmal einen Plan oder ein Ziel, das bis zur nächsten Mondkonstellation von irgendetwas hätte erzählen können.

Du drehst also deine Runden, stet und bebend, eine Lichtglocke hängt über Berlin, selbst hier. Selbst hier.
In ein paar Monaten gehen die Feuerwerke wieder hoch, aber schon jetzt rieche ich nach Baum, nach Blüten, nach Frühling, doch davon wirst du nichts wissen, egal, wie sehr sich unsere Kreise berühren.

„tell me what’s next
tell me what’s best“
(Kraków Loves Adana – Rapture)

180115

Vor Jahren diese aberwitzige Idee, einen Roman über Berlin zu schreiben, kein Berlin Alexanderplatz, kein Roman über den Prenzlauer Berg, keine Grausamkeiten, keine Morde. Diese aberwitzige Idee hast du dann eine Zeit lang dir gegenüber verteidigt, nur um sie nach längerer Recherche mit einem Seufzen abzuschließen. Du hast festgestellt, dass sie in all der Zeit, die du schon in dieser Stadt wohnst, sich in all deine Worte, deine Musik, deine Fotografien, deine Zeichnungen gelegt hat wie ein futuristischer Roman, den man nicht unbedingt greifen kann. Eine Art Zettelsammlung, ein Albtraum für jeden Nachlassverwalter, sollte dieser irgendwann einmal irgendetwas von dir zu verwalten haben. Du klaubst dir also diese kleinen Stücke Berlin zusammen, sitzt am Humboldthafen, denkst daran zurück, wie sie in Hedwig wollten, dass du durch den Monbijoupark joggst und du sie nur ungläubig ansahst, spürst die Momente in dir, in denen du genau wusstest, dass diese Metropole gut zu dir ist und du im Umkehrschluss gut zu ihr und ihren Einwohnern.

Wenn du durch dieses hunderte Seiten dicke Buch von Döblin blätterst, bemerkst du die Ortsverweise, die du dir angestrichen hast. Du bemerkst, dass du dich von allein an diese Orte hast ziehen lassen. Vielleicht hat dich einfach nur Mitte in seine Mitte zitiert. 
Du denkst an Sauen und den Sauener Wald und einen Absatz, über den du immer noch lachst und der für dich irgendwie mehr mit Berlin zu tun hat als du es verstehen kannst: August war ein ziemlicher Badass Motherfucker, bevor er Nazi-Sympathisant wurde. Ich hätte mir keine Nadel in die Wirbelsäule in einem Selbstversuch gerammt, nur um herauszufinden, ob da ne Anästhesie möglich ist. Charité heißt Barmherzigkeit.

Du hast deinen eigenen Takt, du beginnst, nicht mehr zu spät zu kommen, du verstehst den Takt manch anderer Menschen nicht. Beschäftigst dich seit Zuzug noch viel mehr mit Anwesenheit und Abwesenheit, mit Sprachlosigkeit. Du beobachtest, wie schnell sich Haltungen und Gefüge ändern können, manchmal sogar innerhalb von wenigen Tagen. Du rennst nicht mehr so sehr hinterher, willst aber anfangen zu joggen, schließlich läufst du schon schnell, da fehlt nicht mehr viel.

Grundsätzlich rennst du aber zumindest nicht mehr nach der U-Bahn.

„I was a ghost
Hunted and fled“
(RY X – Only)

171231

Du trägst Murmeln mit dir herum, sie klappern bei fast jedem Schritt. Eigentlich wollte ich dir noch von Günter erzählen und dem Ort da am Wasser am Bahnhof am Betonstrand, wieso weiß ich nicht genau. Eventuell, weil ich schon angefangen habe, darüber zu schreiben. Wenn ich mir selbst ein Echo gebe, geht es für mich um etwas, zumeist um meine Zeit, zumeist um eine Sektion meiner inneren Schichten. Davonlaufen oder stehenbleiben oder beides im gleichen Moment.
Du lässt das alte Jahr ausklingen, ich zeichne an gegen ein Vergessen, nur meinem eigenen Gehirn muss ich im kommenden Jahr noch etwas beweisen. Das meiste ist nur in deinem Kopf, Projektionen, die sich durch die Gesichter und Pixel ziehen, Bildschirmoberflächen und die Suche nach etwas tiefem. Aber dann gibt es da Webseiten und Profile und Menschen, die gleichzeitig existieren und dann doch nicht mehr. Du starrst weiterhin darauf, ich gehe sicher, dass noch alles da ist, ohne selbst etwas zu tun. Von meinem sich weigern, jemanden an die weichsten Stellen meiner Haut zu lassen, den man schnell durchschaut hat, wie bei den anderen, ich langweile mich schnell. Von einem Zeit nach oben zählen. 

Ich trage leise Fragen mit mir herum, irgendetwas zwischen unbekannt und seltsam vertraut, deshalb verschlucke ich mich so leicht an ihnen.
Aber dann: kein Fahren ohne Anfahren. Fahr bitte los.

„I’ll take a rest from walking too slow
I’m running too fast“
(WEBERMICHELSON – We take it slow)