190319

5

Da sitzt du also in einem A320 auf der Startbahn in Tegel, hörst wie die Turbinen ihre Leistung erhöhen und kannst an nichts anderes als deine Waschmaschine denken. Hast sie angestarrt vor ein paar Tagen, ihr beim Tanz über die Fliesen zugesehen und dich gefragt, wie oft du in der einen Launderette Marchmont St. Ecke Tavistock Pl. gesessen und den Frontladern zugesehen hast.
Auf einmal kommt sehr viel auf dich zu, als wärst du nie gegangen, hättest ein Stück Kopf dort gelassen. Kannst fast mit verschlossenen Augen durch dein altes Viertel gehen, du kennst noch alle Pubs, weißt, wo der Eingang zum Kino ist, wo im Supermarkt die Digestives stehen. Es ist, als wärest du nur kurz weggewesen, nicht zuhause, nie. Es ist gut, denkst du dir, da ist ein Zurück, vielleicht, immer, da ist ganz viel Sehnsucht gemischt mit Sehnsucht nach Berlin, da ist auf einmal sehr viel drin. N und du sitzen eine Zeit lang im Barbican in der Sonne, Mitte Februar, als wären Geckos an euch verlorengegangen. D zeigt dir, was sich verändert hat, zehn Jahre später und die gleichen Menschen öffnen sich für dich, du, jetzt etwas fester im eigenen Sattel und in dem was du willst.
Du musst dich erst wieder sortieren nachdem du zurückkommst, aber du denkst dir, dass du gerne als Ärztin länger vorbeischauen würdest. Berlin.

Ein Tag so warm, als wäre im Park etwas übergeschwappt, so viele Menschen sind es. Als wäre es wie im Schwimmbad, in einem Becken, das zu viel Wasser führt und jemand springt lachend hinein. Ein Aufatmen, das noch dazu. Aber dann auch: diese Berliner Sonnenuntergänge im Frühling, Gradienten hinter Kurve 2327, auf dich wartet jemand mit einem Lachen an der anderen Seite der U1 und du schon lange noch auf jemand anderen.
Deine Oma hat dir immer gesagt, dass du abwarten sollst mit dem Aufatmen bis Ostern vorbei ist, nein, bis Mitte April vorbei ist, aber erst ab dem fünfzehnten, nicht schon dem Tag davor. Es könnte schließlich noch Frost kommen.

Sich daran erinnern, dass man vom Park um die Ecke aus sogar das Radar vom Tempelhofer Feld sehen kann. Als hätte man das erste Mal die Welt erblickt, die U2 legt sich in die Kurve. Dann wieder, gerade in Charlottenburg, du bist weit weg, du bist zu weit weg, zu weit weg für eben diesen Moment, für jetzt, nicht für immer. Das eine fändest du schön, ja. Change the pace, denkst du dir.

Ein Gefühl als würde deine Luft ohne Vorbereitung für einen Zehnkilometerlauf ausreichen. Du kannst dich noch nicht ganz entscheiden, ob es nun nach Frühling oder Regen oder abgeschalteter Heizung riecht.

„This world is gonna end / but till then / I’ll give you everything I have.“
(Sam Fender – Hypersonic Missiles)

190131

4

J sagt, beim Jackenkauf sollte man darauf achten, dass die Luft nicht von unten oder in die Ärmel hineinkommen kann, sonst sei man beim Radfahren ein Michelin-Männchen und wird krank. Du musst ihn dir also vorstellen, wie er auf dem Rad sitzt und ein riesiger gelber Plastikballon mit Schlaucharmen ist. Gelb wie die Haltestangen in den Bussen, nach zwanzig Uhr ist der Tiergartentunnel auch eher leer, Pendler vorbei. Über allem thronen 21 Etagen, CHARITÉ HEISST BARMHERZIGKEIT und du, wie du auf der einen Seite der Stadt ins Fernweh blickst.

Du seist ein Vulkan, meint F, du wunderst dich ein wenig, dann nickst du und schüttelst gleichzeitig den Kopf. Dieser eine Teil Islands, aus dem immer wieder neues Land entsteht, so eher, denkst du, möglicherweise wächst du dann doch mehr als zweieinhalb Zentimeter pro Jahr. Ein Inneres wie der Mittelatlantische Rücken. Du hörst deinen Puls im rechten Ohr, vielleicht Tinnitus, ein interessantes Pulsieren vielmehr. Wenn du es kannst, magst du dem, der dich berühren darf, dein Ohr auf den nackten Oberkörper legen. Rauschen, ziehen, pochen, tiefe Stimme, manchmal auch der Bauch und dessen Peristaltik.

Ragout fin. Ragout Feng. Du stehst im Supermarkt und zitterst, weil du auf einmal nur noch frieren kannst. Die nächsten Tage schläfst du viel, beim Hausarzt schaut man noch, ob du Probleme mit den Nerven hast. Du kannst nie ernst bleiben und nicht lachen, wenn sie deine Pupillenreflexe testen, wenn du auf einer Linie laufen sollst, wenn du dir vorkommst wie eine Grobmotorikerin. Drehschwindel, so ein bisschen, nicht ganz, nicht sehr, liegen ist toll.

„Mein Magen tut mir weh, ich will nicht allein sein.“
(International Music – Du Hund)

190116

3

Nach der Sauna drehst du dich vor dem Spiegel um. Ein Dreieck, hinten links, auf dem Gluteus maximus. Schulterblatt rechts, dein Tierkreiszeichen. Wenn du lange genug suchst, findest du bestimmt auch Punkt-zu-Punkt Bilder, die wie ein Bett aussehen.
Mittlerweile weißt du, wie die Stimmungen aussehen, durch die du dich bewegst. Du denkst an Wellenformen, an Rauschen, bis vor einiger Zeit nicht an ein sanftes, stetes, kaum bemerkbares Schaukeln. S sagt, deine Stimmung wirkt seit sehr langer Zeit immer sehr stabil, keine Ausschläge nach oben oder unten, vielleicht ist das eine Emanzipation von dir selbst. Das meiste machst du mit dir aus, mit dir und deinem Skizzenbuch. Wenn du zu viel schreibst, ist etwas im Argen, gibt es irgendwo ein Ungleichgewicht. „I hurt more when I write.“ Dein Vater und du, wie ihr über das Wechseln von Autoreifen sprecht und du, wie du dich gefühlt hast, als du emotional nur auf drei Rädern unterwegs warst. Introspektion, denkst du dir, muss man sich erarbeiten – du hattest in Begleitung sechs Jahre dafür Zeit. Sortieren kann nur gut sein, irgendwann ist es aber auch mal alles in Ordnung.

M sagt, du seist sehr lange nicht mehr so hyper gewesen; in deinem Kopf Pneumothorax und Spannungspneumothorax und wie du manchen Menschen noch viel mehr erzählen willst, mehr als nur Brotkrummen hinwerfen magst.

Samstage zerschneiden dir das Zeitgefühl, auf einmal dreißig Stunden Schlaf am Stück, eventuell war das ein Kranksein, eventuell hast du weder etwas gegessen noch getrunken. Cholecalciferol markiert den Beginn, eine Wochendosis Kreta. Hunderterpack, du willst während der Parlamentsdebatte durch den Bildschirm schreien. Fifty Shades of Wrong.
Bell Yard, Royal Courts of Justice, Bond Street, Waterloo Bridge und zurück nach Southampton Row. Sie fragen, wieso du nicht öfter an der Themse bist und du nur entgegnest, dass du so schon genug Heimfernweh hast. Einen Tag später sitzt du also wieder vorm Bildschirm und willst durch ihn steigen, denkst an die ältere Dame aus dem House of Lords, die von Generationen nach ihr spricht, du hast die Selbstverständlichkeiten im Kopf mit denen du aufgewachsen bist. Keine Grenzen, ein Zusammenrücken.

„take off your layers“
(Charlotte Hatherley – Alexander

190109

2

Armageddon, denkst du dir, dieser unsägliche Film, dessen Titelmusik sich gerade aus unerklärlichen Gründen durch deinen Kopf walzt. Die Heizung im Bad geht wie immer nicht, es ist Mittwoch, 7:55Uhr, zu kalt, Dusche heiß, fast Sauna. Generell, Sauna wäre mal wieder etwas. Du erinnerst dich an diesen einen abgefahrenen Traum, den du vor fast exakt drei Jahren hattest, das war einer mit David Bowie und einer Rakete und einer Soyuz-Kapsel, wartend auf dich hinter dem Haus deiner Eltern. Auf der Streuobstwiese, da, wo du seit Jahren nicht mehr warst. Bowie, wie er sich mit dir unterhielt, wie er sagte, „I’m dead but don’t tell anyone yet“ und du, wie du aufwachst und die Tagesschau dich darüber informiert, Bowie sei den Tag zuvor verstorben. Zeitunterschied, Lazarus. Vor dem Haus, an dem du zwei Mal die Woche vorbei musstest, ein Blumenmeer. Dir rinnt das Shampoo in die Augen – die sind wieder grün.

Mit C kommst du sehr kurz ins Gespräch, aber sie erzählt dir aus ihrem Leben und von ihren Herausforderungen mit Geschlecht und Gesellschaft. Du unterhältst dich mit ihr über Sprache und ob sie in einer anderen denkt, wenn sie aufgeregt ist oder emotional. Englisch schafft bei dir ein wenig Abstand, kannst damit besser sortieren, auf Schwedisch fluchst oder liebst du, auf Deutsch ist fast alles andere. Und Französisch? Arthur est un perroquet. Man muss eine Sprache oder einen Menschen, sagt C, schon sehr nah an sich heranlassen, damit man wegen ihr emotional wird. Du nickst, sie lacht, dann erzählt sie dir von ihren traurigsten Erlebnissen, du nimmst sie an wie ein Buch, das einen zum Weinen bringt. Du stellst es später ins Regal, damit du nicht wirklich weinen musst.

Donnerstags ist Ladies’ Day im Laden mit Träumen und Sex und Liebe vorne an der Kreuzung, du siehst weder Ladies noch Träume, Sex oder Liebe davor oder darin. Du hast dich beim Straße überqueren bei dem Gedanken ertappt, wirklich wissen zu wollen, wie man Blutungen in Menschen stillen kann und wie Herr C deswegen wohl den Kopf geschüttelt hätte, würdest du deinen noch ein Mal pro Woche bei ihm auskippen müssen. Mittlerweile gäbe es von dir ein schelmisches Lachen.

Die kleinen Scherben auf dem Mittelstreifen im Scheinwerferlicht, als wäre auf einmal alles Gold, trotz Berlin im Winter. Du trägst keine Brille mehr, irgendetwas zwischen Hagel und feinem Regen. Auf die Ferne kannst du nichts sehen, nimmst hin, dass Farben verschwimmen. Eine Art natürlicher Bokeh-Effekt, du bist sehr ruhig. Früher wäre es ein Gefühl wie bei „Der fremde Freund“ gewesen, heute hast du wieder ganz dringend das Bedürfnis zu laufen.

„oh, this fever is like Rome
everything leads right back to it.“
(Kraków Loves Adana – The Day The Internet Died)

190102

Du stehst also unter dem Stahlbogen der einen Brücke über die Spree, da kann dir kein Raketenrest auf den Kopf fallen, kein Glas, da ist eben Stahl und irgendwo dahinter Feuerwerk. Moabit. Eine Frau radelt unbeirrt durch kleine Explosionen und dichten Rauch. 
Die letzten vier Wochen und vor allem die letzte davon lässt du dir durch den Kopf gehen, während du in den Himmel starrst. Leise, manchmal laut, ein Leuchten zwischen deinen Fingerspitzen. Ein stetes Beben. Sich erinnern an das Beben vor einem Jahr und wie sehr du damit gewachsen bist, auch an deinem eigenen.

Am Samstag auf dem Weg zur Arbeit fast zusammengebrochen, du hast dich festgehalten an den Rillen in den Holztischen, hast beinahe geschrien vor Schmerz und dann den ganzen Nachmittag und Abend verschlafen mit Revoluzzer-Unterleib. Lange her, all das, das letzte Mal vor zwei Jahren, da war noch Sommer, du lagst im Bad wie ein Knäuel, fast stabile Seitenlage, immer den Kopf auf den Fliesen. Aber heute ist Samstag, Tag zwei von fünf, das geht hoffentlich alles bald vorbei.
In der Nacht willst, wolltest du sehen, viel bei diesem Beben stehen. Du stellst fest, dass diese Woche nicht deine beste ist, auch wenn du Sehnsucht hast. Dabei ist es nur der Beginn der anderen Seite der Stadt, nicht eine andere.
Dann auf einmal ein Knick. Stille.

Die Dame im Parfumladen wünscht dir ebenso ein gutes neues Jahr, sie erkennt dich von deinem letzten Besuch. Es riecht nach zu viel zu schwerem Duft, im Nebenraum Plastikblumen, opulent.

„yes, I’ll come back to you
no, I won’t ask where you run“
(DIIV – Under The Sun)

181009

Neunter September

Südbahn Tempelhofer Feld, 17:45
Die Tonne brennt, Grillkohle und Feuerwehr. Ich stehe und rolle auf einem Brett, nachdem ich jahrelang Gleichgewichtsprobleme hatte.
Wir hören mehrere Schüsse am Neuköllner Ende des Feldes, sind überrascht und denken an Schreckschusspistolen – L, M und ich schauen einander fragend an. Mehrere Menschen schreien, die Halbstarken von Gegenüber fahren mit Fahrrädern hin, „ey, lass mal glotzen“ schreiend. Ich scrolle durch Twitter. Martinshorn, viel.

Hauptbahnhof, 19:33
Warte darauf, J in die Arme zu nehmen. Der ICE fährt ein, nach ein paar Momenten laufe ich ihr entgegen.

Zehnter September

Kantstraße, 15:40
J und ich stehen vor einer altertümlichen Auslage. Große Parfumflaschen und Plastikblumen. Vor lauter verschiedenen starken Gerüchen brennt es mir die Geruchsrezeptoren weg.

Elfter September

Tiergarten-Süd, 12:10
Mir ist schummrig und ich will nur noch liegen. Der Wunsch danach, dass manches, das nicht werden will, wird, dass das was nicht wurde, trotzdem wird.

Zwölfter September

Tiergarten-Süd, 11:11
J ist auf dem Weg zurück und ich weiß nicht genau, wie ich helfen kann.

Dreizehnter September

Tiergarten-Süd, 17:12
In der Badewanne liegen mit Schüttelfrost, Fieber. Nicht konzentrieren können.

Vierzehnter September

Motzstraße, 12:10
Wartezimmerblues, das erste Mal Blutdruck im Normalbereich seit ich hier Patientin bin. Irgendetwas von Mattigkeit, grippalem Infekt, fühle mich wie mit Männergrippe.

Tiergarten-Süd, 22:40
Finger will ich aufs Philtrum legen oder auf die Kuhlen über und zwischen Schlüsselbeinen, Etwas entlangfahren mit meinen Fingerkuppen, so sanft wie über die ersten Kastanien des Jahres, ich glaube, es wird Herbst. Verpasse alles, liege stattdessen im Bett.

Fünfzehnter September

U3 Wittenbergplatz, 13:22
Ruckeln, warten aufs Aussteigen, ich stelle mich passend vor die Tür. An meinem Rücken bemerke ich, dass es wärmer wird und ich drehe meinen Kopf. Ein Mann, der mich, seit ich eingestiegen bin, beobachtet hat, steht viel zu dicht und unnötig hinter mir, der Waggon ist sonst leer. Traue mich nicht etwas zu sagen, die U-Bahn fährt in den Bahnhof ein, ich muss zum Kurfürstendamm, zu langsam; ein Gefühl der Bedrohung, mir ist etwas schwindelig vom Infekt.
Kurz bevor die U3 steht, spüre ich von dem Mann hinter mir etwas auf Höhe meiner Lendengrube, eine Beule. Ekel. Die Tür geht auf, ich renne fast zur U2 auf dem Gleis gegenüber. Mir ist schlecht.

Sechzehnter September

Leipziger Straße, 13:13
Die Straßen leer nachdem die Marathonläufer abgebogen sind. Eine Mischung aus post-apokalyptischem Szenario und Ruhe. Das Geräusch von hunderten Läufern im gleichen Bereich auf Asphalt. Alles ruhig.

Potsdamer Straße, 13:52
Weniger Läufer als vor zwei Stunden, nur noch ein bisschen mehr als eine Spur belegt. Am Straßenrand sitzen Zuschauer und singen laut zu „Jenny from the Block“ mit.

Siebzehnter September

Magdeburger Platz, 09:45
Wir in der WG haben zu viel Altglas angesammelt.

Tiergarten-Süd, 16:28
Angeblich hat ein Metzger in der Potsdamer Straße den Kassler erfunden, Samuel Fischer traf Besucher an der Ecke zur Bülowstraße, Rowohlt war am Landwehrkanal.
Manchmal fast überfahren in Gedanken vom Wissen um die Füße, die vor Jahrzehnten die gleichen Wege frequentiert haben. Mir fehlt die Neue Nationalgalerie, dieses Bauwerk von Mies hat mich mit seiner Haupthalle gelegentlich traurig, meist aber sehr ruhig gemacht.
Sehe Arbeiten von David Chipperfields Studio und erkenne sie als solche.

Neunzehnter September

Kurfürstendamm, 14:17
Sich übernehmen und den Körper nicht richtig einschätzen können, mir ist schummrig. Ich glaube, ich will mich hinlegen.

Zwanzigster September

Tiergarten-Süd, 22:26
Der Mann, der im Innenhof so komisch widerlich beim Husten zu hören ist, arbeitet am Flughafen Tegel auf dem Rollfeld. Als würde er allen Belag in seinem Mundraum nach außen spülen müssen.

Zweiundzwanzigster September

Tiergarten-Süd, 14:32
Zynismus ist der ultimative Dealbreaker.
Meine Stimme erinnert mich an das Gefühl, das man hat, wenn man mit den Fingernägeln über die feinen Metallgemüseraspeln fährt.

Sechsundzwanzigster September

Okerstraße, 15:00
Die Kreuzung weiter vorn, Bierstuben Eck an Eck, Brockhaus im Taschenbuchformat unten; Bordsteinkanten und riesige Zwischenräume neben Pflastersteinen. E schiebt und ich laufe halb bewundernd, halb entspannt daneben und frage mich, ob sie zur Ruhe kommt.
Ich mag die Gegend mehr als ich möchte, immer noch, dabei habe ich es vor einiger Zeit nur geschafft, nachdenklich aus den Rollberg-Kinos gen U8 zu taumeln.

Siebenundzwanzigster September

Tiergarten-Süd, 13:50
Der Mann am Versorgungskasten starrt mir Löcher in den Körper, eine Art Intermezzo, so als hätte man sich schonmal irgendwo gesehen und gekannt. 

U Wittenbergplatz, 14:09
In der Sonne sitzen und stricken, im Doppelpack.

Alexanderplatz, 15:10
Irgendein Markt, der ans Oktoberfest erinnern soll, aber eigentlich nur die Fortführung des ganzjährigen Weihnachtsmarktes darstellt, füllt den Platz. Er ist ähnlich freundlich wie die Person an der Kaufhof-Kasse, die nur die Leute freundlich behandelt, die überteuerten „edlen“ Alkohol kaufen. Überall der gleiche Name.

Achtundzwanzigster September

Gropius-Bau, 12:47
An dem Sockel bei den Stufen renken sich E und ich ein, sie ihre Hüfte, ich meine Lendenwirbelsäule. E sagt, ich könnte mich sehr weit nach hinten strecken, ich denke an den schwedischen Mathematiker, den ich in Dresden kennengelernt habe, der mir vom Brückenbauen und Analysis erzählt hat. Mir fällt keine Funktion für meinen Rücken ein.

Neunundzwanzigster September

PalaisPopulaire, 15:18
Eine Mischung aus zu eng und zu weitläufig. Leute, die vor Zeichnungen stehenbleiben, direkt davor, das Telefon zum Schreiben via Messengerdienst in der Hand. Dabei wollte ich doch nur Hanne Darboven sehen.

Dreißigster September

Tiergarten-Süd, 00:07
Die Blasey-Ford-Kavanaugh-Anhörung triggert Emotionen, von denen ich nicht wusste, dass sie immer noch so sehr mit Wut verbunden sind. Doppelstandards, Ohnmacht und Rage; mein Unverständnis, dass vieles als „boys will be boys“ entschuldigt wird – sich daran erinnern, wie es war, von einem sexuellen Übergriff, den ich zum Glück unversehrt überstanden habe, zu erzählen, ohne, dass die Person, mein damaliger Therapeut, mir geglaubt hat. Sich dann daran erinnern, wie ich direkt danach war, wie alle, die mich sahen, im Nachgang sagten, sie hätten mich noch nie so erlebt.
Dann, von Fremden, die Fragen: wieso warst du auch alleine auf dem Bahnsteig, wieso warst du nicht dort, wo die Kameraüberwachung war, wieso hast du nicht geschrien? Und die unverschämteste Frage: wenn es so schlimm war, wieso hast du dich nicht gewehrt?
Als wäre mein Recht auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung etwas, für das es für Fremde im öffentlichen Raum einen Verhandlungsspielraum geben würde. Als müsste man immer wieder Leuten erklären, wie unterschiedlich sich Trauma äußert. Als müsste ich mich überhaupt dafür rechtfertigen, dass ich nicht von Fremden auf dem Weg wohinauchimmer wannauchimmer zwischen meinen Beinen oder sonstwo angefasst werden will.

Erster Oktober

Mitte, 12:14
An einem Experiment teilnehmen, bei dem zur Ablenkung Kayak-Herstellungsvideos gezeigt werden. Bei der Fahrt zum Hauptbahnhof eines der herzzerreißendsten Gespräche seit längerer Zeit haben. Die Frage danach, wieso Menschen sich schön fühlen und wieso sie es gelegentlich oder öfter oder nie tun.

Dritter Oktober

Mitte, 22:02
In einem Bad in Mitte stehen und dem Feuerwerk für die Einheitsfeier zuhören. Ein paar wenige Kilometer entfernt der Verlauf der früheren Mauer.

Vierter Oktober

U Bismarckstraße, 20:47
Die einzigen Momente, bei denen ich Farbe im Gesicht habe, sind die nach dem Saunabesuch. Halb rosé angelaufenes Gesicht vor grünen Kacheln; es schreit nach mir, eigentlich schreit es auch ein bisschen nach dir, auch wenn ich nicht weiß, wo du eigentlich hin verschwunden bist. Mir ist nach gedünstetem Gemüse.

Sechster Oktober

City-West, 19:45
T berichtet vom Arinc-Standard in Flugzeugen und von Datenübertragungsraten. Riesige Aluminiumstrukturen im Himmel mit mittelalterlich anmutenden Technologien an Bord, direkt neben mega leistungsfähigen Computern in Smartphoneform. Wir schauen uns Luftbilder von Landebahnen verschiedener Flughäfen an.

Ebenda, 23:55
Manche erzählen von verschwendeter Zeit und wie sie ähnlich loyal geblieben sind in alledem. Mein persönliches „muss einen Tritt finden in meiner Zeitplanung.“ Kavanaugh zum Richter im Supreme Court gewählt und ich kann nicht aufhören wütend zu sein.

Siebter September

S Hermannstraße, 19:45
Das nennt man dann also das Beginnen als Ateliergemeinschaft oder Kollektiv. Die S-Bahn wie eine Schneise schlagende Schlange.

Achter Oktober

Tiergarten-Süd, 13:07
Seit ich Weißensee den Rücken gekehrt habe, zeichne und probiere ich mehr aus als in den letzten zwei Jahren zusammengenommen. Vorhandene Strukturen als Amboss, der über einem schwebt. Als hätte ich mir selbst diesen Amboss abgenommen. Ich will nicht aufhören mich auszutesten.

„I’m gonna keep rolling on“
(Curtis Harding – On and On)

180908

Zwölfter August

Tiergarten-Süd, 06:27
Bettflucht nach dem Vorabend. Finde Bilder, die ich nach dem Zuhause ankommen gemacht habe. Zeichne also Zellen mit und ohne Mikrovilli, wenn ich angetrunken bin. Nur der Golgi-Apparat sieht wie der lieblose Versuch eines Hundehaufens aus.

Neunzehnter August

Tiergarten-Süd, 21:14
Immer wenn ich Sehnsucht habe, beginnt mein Hirn auf Schwedisch zu denken. Ob es hilft „förlåt dig själv“ zu sagen?

Vierundzwanzigster August

Friedrichstraße, 17:30
Häuser von Pierre Koenig im Kopf. Stahl und Glas, Flachbau, Ausblick. Mehr als Quadrate, dann irgendetwas von Sibylle Berg, Meyerhoff und Teju Cole.

Siebenundzwanzigster August

Café Dix, 11:30
Berlinische Galerie und ich schaffe es nicht, nicht wütend zu sein, mich nicht zu schämen wegen meines Herkunftsbundeslandes.
E sagt „you’re a yummy pie, who wouldn’t want to have a piece of you“ und sie lacht dabei.

Achtundzwanzigster August

Gedenkstätte Deutscher Widerstand, 14:39
Bilder von Menschen, die Fremden, Bekannten oder Freunden beim Unterschlupf geholfen oder ihnen einen gegeben haben. Und ein paar hundert Kilometer weiter südlich haben sie Menschen durch die Straßen gejagt.

Neunundzwanzigster August

Tempelhofer Feld, 18:53
Wespen versus Naturradler. Die Südbahn hat mehr Läufer in meinem Tempo, Schnecke. Barfuss, Stroh in Kleinstteilen an meinen Socken.

Am Luftgarten, 20:19
Als würde der Himmel, dunkel, Sonnenuntergang, sich durch die Häuser bohren wie ein Sandsturm.
Panikattacke als Erinnerung an das, was ich vor Jahren hinter mir gelassen habe.

Einunddreißigster August

Sächsische Landesvertretung, 14:24
Zu sagen ich bin wütend ist eine Untertreibung. Im Teil einer Straße sein, in der man im Prinzip eingekesselt ist.

Ebenda, 15:17
Ein Mann mit Deutschlandfahne brüllt in die Redebeiträge der Demo, steht hinter den Polizeibussen. Manche schauen sehr panisch hinter uns alle, die Fotografen rennen. Ich glaube, ich habe Angst gesehen.
Dann erinnere ich mich an den Tag in Dresden, an dem Neonazis Pflastersteine nach mir und weiteren Passanten warfen, die Polizei untätig daneben.

Jungfernbrücke, 15:51
Um die Ecke der Landesvertretung ein alter DDR-Bau, ein paar Meter weiter der Kupfergraben. Zwei schwer bewaffnete Polizisten schauen einem Paar beim Angeln zu. Ein Fisch wird aus dem Wasser gezogen, die Polizisten direkt daneben, als würde gerade ein Schatz gehoben. So stehen sie mehrere Minuten da, die Anglerin lacht unentwegt, ich stehe gegenüber, auf der anderen Seite des Kanals.

Friedrichstraße, 16:30
Ich sortiere LPs, die ich mag, grundsätzlich innerhalb ihres Fachs nach vorne. Vinyl-Guerilla. Bis heute lange nicht mehr wegen eines Liedes auf Anhieb geweint. Dreams can be so cruel sometimes.

Erster September

St. Paulus Kirche, 15:30
Das Brautpaar und meine Freunde und ich, im Slav Squat auf den Stufen vor der Kirche, der Priester macht mit. Danach stehen wir natürlich nochmal brav.

BrewDog, 22:13
Fremde Augen beißen sich am Tresen in mein Gesicht hinein, ich warte auf etwas anderes. Mein Telefon bleibt dunkel.

Vierter September

Tiergarten-Süd, 07:12
Ein Traum, verquer. Eingeschlafen zu Podcasts, aufgewacht, nachdem in meinem Traum ein Hubschrauber mit seiner Kufe am Atomium hängengeblieben ist. Es kippt um. Bin bisher weder in Brüssel gewesen noch habe ich in einem Hubschrauber gesessen.

Fünfter September

Kurfürstendamm, 14:21
Das Buch mit den sechshundert Seiten bewegt Menschen dazu, offensiv ihre Hälse zu renken, zu nicken. Manchmal wollen sie den Titel sehen und fragen danach, weil sie ihn wegen meiner Hand nicht lesen können. Bin verwundert, dass Genetik Leute so zu interessieren scheint.

Sechster September

Mitte/Kreuzberg – 18:17
Im Park so lange auf der Bank sitzen und lesen bis es zu dunkel ist. Dann so richtig einatmen.

Siebter September

Potsdamer Straße, 20:34
Mein Kiez ist sehr rau, denke ich, irgendetwas zwischen Schmirgelpapier und Kärcher. Dann ein Mann in Lederjacke, groß und stämmig, der auf einmal laut „I Wanna Dance With Somebody“ singt. Presse in meinem Kopf „Joy as an Act of Resistance“ in die Melodie des Refrains und kann bis zur Wohnungstür nicht aufhören zu lachen. Laufe konsequenterweise in einen der Poller vor unserem Haus.

Achter September

Tiergarten-Süd, 08:12
Die drei Notizhefte, die ich mit Joy, Love und Time beschriftet habe, als ich über die letzten Monate sinniert habe und der Brief der Rentenversicherung, der mir meine bisher gezahlten Beiträge zeigt. Denke an M, der mir gestern sagte, meine witzige Seite sei die, die man erst beim genauen Hinschauen bemerkt, nach der emphatischen, aber die Mischung mache es so besonders. Ich frage mich, ob ich zu loyal bin, ob das überhaupt geht.
In meinem Gesicht klebt Surgical Tape.

„I can go with the flow
but don’t say it doesn’t matter anymore“
(Queens Of The Stone Age – Go With The Flow)

180725

Achtzehnter Juli

U8 Hermannstraße, 12:10
In der Gruppe reden sie davon, dass es „Anti-Schwitz-Tabletten“ gibt und sie mal den einen fragen wollen, der immer nach Polen fährt, ob er ihnen welche mitbringt. Ich denke an die „Leber-Tabletten“ von T und dass ich ihn das nächste Mal wohl erst in Frankfurt wiedersehe, den Abschied habe ich verpasst.

VHS Neukölln, 12:20
„It‘s Raining Men“ in der Gerri Halliwell Version beim Sicherheitsmann an der Eingangstür in Schleife; der Hall von verqueren Geräuschen, die ich von meinem Gymnasium noch kenne. Flip Flops kündigen sich am durchdringendsten an. Ich höre Cs gutgelauntes Pfeifen aus einiger Entfernung.

Neunzehnter Juli

U Kurfürstendamm, 15:12
J sagt ich sei „a small human“ und ich überlege, wie in welchem Shirt ich das verorten kann. Ich weiß, dass er über verschiedene Arten von Kleidung redet und dann kommt der eine Tätowierer in den Sinn – „you have very delicate skin“. Heute morgen beim mich selbst anstarren in der Dusche war ich mir nicht mehr ganz so sicher, wie weich ich sein möchte, aber genau dafür habe ich auch vor Monaten den Spiegel in die Dusche gestellt.

Einundzwanzigster Juli

S+U Zoologischer Garten, 16:55
Eine Frau mit Gehhilfen an jedem Unterarm klettert in den Baustellengraben zwischen den Fahrbahnen, an jedem der Plastikgriffe hängt ein Beutel voller Brotkrumen, in Würfel geschnitten. Sie wirft den Inhalt einer Tüte in die Menge an Tauben, die sich jetzt schon um sie geschart hat und ruft laut „meine Kinder“ während sich die Touristen nach ihr umdrehen. Bei ihrem Versuch wieder auf die Fahrbahn zu klettern frage ich mich, wie sie es geschafft hat, überhaupt hinunterzukommen.

Zweiundzwanzigster Juli

Potsdamer Straße, 09:00
Als wäre hier nie jemand gewesen, also fast, vielleicht, außer den Menschen, die noch oder schon wieder darauf warten, dass Burger King öffnet.
Eventuell sollte ich endlich wieder mit dem Laufen anfangen.

Schlossbrücke, 09:40
Ich habe noch nie so viele Menschen in Charlottenburg gesehen.

Spreedampfer, irgendwo vor Moabit, 10:25
Die Rentnergruppen trinken schon jetzt das harte Zeug. Steinmeier ist zu Hause.

Tiergarten-Süd, 18:12
Das ist wohl ein Sonnenstich.

Dreiundzwanzigster Juli

U Kottbusser Tor, 09:50
Die Frau vom Blumenladen unterhält sich mit mir über das Preis-Leistungs-Verhältnis großer Blumensträuße. Sie sagt, sie freut sich, wann auch immer sie mich sieht.

Tempelhofer Feld, 11:35
Ein Mann sitzt auf einer Holzbank direkt hinter E und mir und muss wohl nichts anderes machen können als zuhören. Dann gießt er Sonnenblumen. Ich will gerade nicht weg aus Berlin.

Schlesischer Busch, 14:30
C wird von einem Mann angesprochen, sie würden sich doch kennen. Von der-und-der-Straße von damals, von vor Jahren. Ein anderer Mann starrt mir sehr eindringlich auf und in den Ausschnitt.

Schlesische Straße, 17:15
Das Telefon von C heißt Frank. Auf dem Streifen aus dem Fotoautomaten sehen wir aus wie schlecht gelaunte Schauspieler aus den 1920ern. Ein weiteres Relikt für die Reihe „Freunde in 4er-Anordnung“.

Potsdamer Straße, 20:32
Ein Eichhörnchen ist im Schaufenster vom Second Hand Laden gefangen und läuft panisch von der einen Seite der Scheibe zur anderen. Touristen scharen sich um die Ladenfront um Videos von ihm zu machen.
Habe das Gefühl, meine Beine leuchten bestimmt auch im Dunklen. Frage mich, wieso ich mich so sehr mit Issues beschäftige, die nicht meine sind.

Benedict, 21:13
Mein Tag besteht nur aus Essen und Gesprächen, in die sich manches immer wieder einwebt, als wäre es eine Form von Loop oder Sample. Ich hinterfrage, wieso ich mehr treibenden Beat habe als der eigentlich fragende Counterpart.
Statt Pancakes bestelle ich Bratkartoffeln und Spinat; bin bestimmt kaputtgegangen. G sagt, dass wohl niemand seine eigene Nase mag. Sie erkennt mich auf Bildern von mir von vor elf Jahren kaum. Erkenne mich selbst kaum. Ich denke an A.

U Spichernstraße, 23:00
Ein Mann läuft auf G und mich zu, schaut uns an, läuft vorbei und lacht. Er wirkt verwirrt und trotzdem werde ich extrem self-aware. Ich denke an den Mann, der mich an der Klosterstraße in Richtung Gleisbett stoßen wollte kurz bevor die U-Bahn einfuhr; ich nehme an, die Polizei hat die Ermittlungen eingestellt.

Vierundzwanzigster Juli

Tiergarten-Süd, 16:12
Schaue Interviews und Features zum Brexit-Fuckup und werde wieder wütend. Spätestens seit der letzten Wahl will ich mich in meinen Grafiken politisch äußern, werde aber jedes Mal noch zu sauer. Heute klappt es auch nicht. Ich zeichne stattdessen Blutgefäße und einen Querschnitt vom Ischiasnerv.

Tiergarten-Süd, 17:00
Der Mann, der jeden Tag Rotwein unterm Kastanienbaum an der Ecke trinkt, hat den Weg zum Sekt gefunden. Zwei Flaschen und ein Salat stehen neben ihm auf der Bank.

U Wittenbergplatz, 20:38
Eine Frau isst ihren Döner und lässt all dessen Fleisch aus ihrem Mund vor mir auf den Boden fallen. Weinende Kinder neben Fahrkartenautomaten. An der nächsten Bank desinfiziert sich eine ältere Dame sehr fokussiert die Hände. Jemand starrt mir auf die Füße.

Fünfundzwanzigster Juli

Späti Eberswalder, 11:55
Klassik auf 75% Lautstärke, der Verkäufer und ich brüllen uns an um uns zu verstehen, sind aber trotzdem extrem entspannt.

Sredzkistraße, 13:15
Haare eingepackt wie ein Paket und das schlechte Gewissen, weil man viel zu selten da ist. LaChapelle, Seite 1: „I once was lost“. M umarmt mich am Ende sehr lange.

U Kottbusser Tor, 14:13
Kurve 2327, unten an der U8 wie immer leere Diazepam-Blister, dieser Zug hat Verspätung. Ich habe das erste Mal etwas für Berlin geplant, was über Oktober hinausgeht.
Ich frage mich, ab wann man handeln muss. Und wieso man es dann doch nicht tut.
Der große, fast schon übertrainierte Mann trägt ein sehr kleines Shirt mit dem Aufdruck „low expectations, high hopes“. Ich glaube, das Reparaturklebeband der U-Bahn-Sitze hat sich in meinen Hintern eingebrannt, Ü50 Menschen fangen Pokémon.

Tiergarten-Süd, 18:00
Habe dunkle Streifen um meine Knöchel, das muss ein wenig Bräune sein; das ist mehr als alle Jahre zusammen. Baklawa vom libanesischen Feinkostladen und „She has her Mother‘s Laugh“.
Frage nebenbei Siri, eine Münze zu werfen, um eine Entscheidung zu treffen. Die Münze entscheidet sich aber immer dafür, nie dagegen.

„say it how I’m feeling
ain’t easy“
(Jungle – Time)

180712

Vierter Juli

Berlin-Schönefeld, 18:40
Der Flughafenbus sieht aus wie ein kleiner Wal, dessen oberer Teil noch aus dem Boden schaut.

Wien –

S7 21:07
Gegenüber sitzt ein Mann, der genervt seinem Telefon dabei zuschaut, wie es klingelt. Er regt sich darüber auf, dass er die Person am anderen Ende nicht hören kann. Sein Klingelton ist der nervigste, den man aus den Klingeltönen auswählen kann.

S7 Zentralfriedhof
Ich weiß noch nicht, ob die Raffinerie, an der wir vorbeigefahren sind, das für mich malerischste ist, das ich bisher gesehen habe.
Maria wartet auf mich am Ende des Gleises. Ich weine gleich. Ich wünsche mir absurderweise zu hören „bitte bleib“ auch wenn es das alles nicht besser macht.

S7 21:10
Wir stehen in einem Tunnel, an dessen Wand „I just want to see you“ steht und fühle viel, das ich mir mittlerweile nicht mehr erklären kann. Wir fahren weiter, langsam. Ein paar Meter weiter hat jemand „Sehnsucht“ an die Wand gesprüht.
Der Mann mit dem Telefon starrt lange ins Nichts, mein linker Fuß ist eingeschlafen.

S7 20:13
An den Türen steht „Bei Versagen drücken“ und kann nicht aufhören zu grinsen, was ist mit mir los, verdammter Scheiß.

Donaukanal, ca 23:00
„(…) Herrje. Hinter mir spielen sie Easy Baby von Wanda und essen Torte. Weiß nicht, ob das Klischee-Wien ist (…).“ 
Hinter uns streiten sie nun leidenschaftlich in einer Gruppe über Außen- und Innenpolitik, es fällt mir schwer, mich auf das Gespräch vor mir zu konzentrieren. Ich möchte dem einen Mann, der lautstark antieuropäisches und dazu noch populistisch und ausländerfeindlich motiviertes vor sich hinbrüllt, abfällig anspucken. Unsere Seite der Sitzbank: Cola, Cola und Bier. Alle fünf Minuten fährt einer auf dem Fahrrad an uns vorbei und fragt, ob wir Bier kaufen wollen. Fühle mich komisch, weil ich nur Pfandsammler kenne. Unter dem Brückenbogen auf der anderen Seite des Kanals kommt irgendein furchtbares Lied. Ich denke an die Antilopengang, schlafe fast ein. Ich erwarte keine Antwort und doch trifft es mich. 

Fünfter Juli

Dritter Bezirk, 10:30
Ein Mann grantlt sehr laut am Telefon vor sich hin. Ein Oaschloch sei der am anderen Telefon, er brüllt bald, sagt, dass er ohne Auto nicht auskommt. Die Frage danach, wie manche hier so sehr warm sein können während andere hier kälter sind als der kälteste Punkt auf der Erde. Die Frau an der Kasse von Billa ist sichtlich ernüchtert, sie wundert sich, dass man sie anlächelt. Flaschen nur ohne Pfand.

Sehr viele von der Stadt gebaute Wohnhäuser, es steht sehr stolz außen an der Fassade. Manchmal größer, manchmal kleiner. Der Putz fällt an manchen Häusern ab, auch wenn sie im gleichen Jahr gebaut wurden und nur zehn Meter voneinander entfernt stehen, könnte der Unterschied teilweise nicht größer sein.

Aber hier leben, denke ich, gern.

Sechster Juli

Messe Wien, Medizineraufnahmetest, 9:00
Um mich herum ein paar sehr junge Menschen, die mich sehr lange ansehen. Auf meinem T-Shirt steht etwas, das sie zu entziffern versuchen. Immer zu ausgeprägte Schlangen vor den Damentoiletten. Fühle mich weniger alt, wenn ich daran denke, wie ich vor ein paar Jahren war.

Nach dem Test, ca. 17:00
Vor der Messe sind in einer Art Installation ein paar Betonstelen aufgebaut, auf ihnen kann man sitzen. Sie sind darüber hinaus auch scheinbar über sehr lange Schrauben im Boden verankert. Eltern warten auf ihre Kinder und nehmen sie in den Arm oder machen ihnen Vorwürfe. Gesprächen zuhören, die erahnen lassen, dass manche etwas machen müssen, auf das sie keine Laune haben. Es fällt oft das Wort Budapest, gelegentlich das Wort Privatuniversität. Ein paar Eltern demotivieren ihren Nachwuchs mit der Aussage „du bist halt dumm“ – ich frage mich, wie viele Menschen hier eine Psychotherapie akut gebrauchen könnten.

Siebter Juli

AKH, 19:24
Bin wohl Motte und Flamme zugleich. Überall der gleiche Name, Pastell, Rolltreppen heißen hier Fahrsteige.

Achter Juli

U3 Simmering 14:50
Signalfarben und der Gedanke ans Pastell des AKH. Generell – in der Charité fast alles weiß bis gerade so gelb-beige. In der U-Bahn rote Sitze. Türgriffe, an denen man kurz (und stark) ziehen muss. Ich habe leider meine Bleistifte vergessen und hätte einfach länger bleiben sollen.

Es ist sehr still, ich will gern an der U6 wohnen. J. sagt, der vierte Bezirk würde gut zu mir passen; ich bin gespannt, wie der so aussieht.

Neunter Juli

Zwischen Bosch und Henkel, 1:14
Als würde ich endgültig Hautschichten, zusammenhängend, ablegen, vielleicht gekoppelt an ein gehauchtes endlich. Frau N sagte schon vor Jahren, gelegentlich bin ich vielleicht wie ein Hund, der an der Wohnungstür sitzt und darauf wartet, dass die anderen Bewohner wieder zurückkommen. Ich wollte eigentlich viel lieber eine Katze bleiben.

Wien Flughafen 11:04
„Koffer als Handgepäck“ Armada. Schließe mich ihnen wohl bald an. 

„Words are full of indecision
They evince the troubled nimble wit
Oh, nothing in return“
(Lower Dens – I Get Nervous)

180609

1105
Fotos von vor Jahren und wie du mit Leidenschaft weggerannt bist, fast immer, und wie einige geduldig mit dir waren und wussten, dass manches sich herauswächst. So wie die weißen Punkte auf den Fingernägeln oder die blauen Flecke am Knie.

2505
Und dann hast du eben einfach weitergelebt.

„dass man weiß,
dass man drüber hinwegkommt

wie man früher einmal war“
(Tomte – Du bist den ganzen Weg gerannt)