180330

Du hast damit vor Jahren schon angefangen. Hase, Reh, Löwe, was auch immer gerade nötig war. Haken schlagen kannst du mit Leidenschaft, egal, in welcher Form. Der Geruch von halbstehendem Wasser, die Sonne brennt auf deine eingepackten Beine. Irgendetwas zwischen Warten und Losgehen, du denkst an all das davor, nein, das Davor, denn manches musst du mit Großbuchstaben versehen, auch wenn es das eigentlich nicht verdient hat.

Ein, zwei Momente überlegst du, das sind dann die Momente zu viel, in denen dich so ein Heureka-Erlebnis hätte überkommen können oder deine ganz persönliche Katharsis. Gelegentlich stehst du in Gedanken noch auf diesem Bordstein, dem vor dem Fußgängerüberweg, der mit den gelben Streifen und der Ampel. Du fragst dich, wie viel Feinstaub deine Lungen eingefärbt haben wie Schoko-Streusel Yoghurt. Aber nein, du bist laktoseintolerant und manchmal wachst du nachts lachend auf, einfach so, selten weinst du und wenn, dann sitzt da etwas in deinem Hinterkopf.

Dann trifft es dich doch, dieses berühmte Backstein–im–Gesicht–Gefühl und du schlägst neue Haken, weil du jetzt manches ganz anders vernetzen kannst. Wie bei diesen Nagel–und–Faden–Kunstwerken an den Wänden in fremden Wohnzimmern, solchen, die du als Kind immer Stube genannt hast. Heute denkst du an deine Großmütter, weißt nicht, ob sie beide schon im Sterben liegen oder ob sie wohlauf sind.
Deine Mitochondrien hast du sowieso geerbt von der Linie mütterlicherseits und du weißt oft nicht, wozu dich das macht, schließlich wolltest du seit du denken kannst, nicht so werden oder sein wie deine weiblichen Vorfahren. Dafür ist das alles in dir drin manchmal viel zu schwer, also eigentlich nur noch, wenn du davon erzählen musst. Irgendwie tanzt du gerade viel durch den Alltag, aber nicht so als würdest du taumeln, sondern als wüsstest du genau, was du da gerade tust. Jeder Schritt ins Ungewisse gewollt, manche Berührung erwünscht; du weißt jetzt, wo in der Bibliothek die bequemen Stühle stehen, wo die meiste Ruhe ist, wo die Sonne hinein scheint und du immer Steckdosen hast. Eine Steckdose willst du nicht sein.

Die eine Gesichtshälfte ist deine Lieblingshälfte, da ist die Augenform wie die einer Mandel, deine Lippen fahren auf die Mundwinkel in einem Bogen zu. Du fragst dich, wieso du das all die Jahre nicht gemerkt hast und immer nur auf den Leberfleck in Island–Form gestarrt hast, der auf der Innenseite deines rechten kleinen Fingers von der Haut verwirbelt wird. Teil davon sein, trotzdem unter dem Einfluss von den umgebenden Umständen sein. Und dann schwirrt dir alles der letzten Monate durch den Kopf und du hast das dringende Bedürfnis zu sprinten, nicht wegzurennen, einfach nur zu sprinten, eine Art Fast Forward Taste, eine, die bei dem Radio deines Vaters, mit dem du von einem Radiosender die Top 20 sonntags auf Kassette aufgenommen und überspielt hast, wöchentlich, kaputt war. 

In die Dusche hast du einen Spiegel gestellt und das zu einer bestimmten Uhrzeit reflektierte Sonnenlicht fällt dann auf deine Beine. Morgenlicht, gebrochen von Glas, generell Morgenlicht fehlt dir sehr. Ein Eingang mit wenig Verhandlungsmöglichkeit.
Dann stehst du in Gedanken wieder an dem Bordstein, in der Nähe der Straße, die deinen Geburtsort als Namen trägt und schaust nach links und denkst dir, oh, da bist du. Und lachst.

„I know you wanna, say you wanna
I never said I was a saint, I was sent again
Sin again and then a sinner
Again, again, again, again“
(Young Fathers – In My View)

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