180712

Vierter Juli

Berlin-Schönefeld, 18:40
Der Flughafenbus sieht aus wie ein kleiner Wal, dessen oberer Teil noch aus dem Boden schaut.

Wien –

S7 21:07
Gegenüber sitzt ein Mann, der genervt seinem Telefon dabei zuschaut, wie es klingelt. Er regt sich darüber auf, dass er die Person am anderen Ende nicht hören kann. Sein Klingelton ist der nervigste, den man aus den Klingeltönen auswählen kann.

S7 Zentralfriedhof
Ich weiß noch nicht, ob die Raffinerie, an der wir vorbeigefahren sind, das für mich malerischste ist, das ich bisher gesehen habe.
Maria wartet auf mich am Ende des Gleises. Ich weine gleich. Ich wünsche mir absurderweise zu hören „bitte bleib“ auch wenn es das alles nicht besser macht.

S7 21:10
Wir stehen in einem Tunnel, an dessen Wand „I just want to see you“ steht und fühle viel, das ich mir mittlerweile nicht mehr erklären kann. Wir fahren weiter, langsam. Ein paar Meter weiter hat jemand „Sehnsucht“ an die Wand gesprüht.
Der Mann mit dem Telefon starrt lange ins Nichts, mein linker Fuß ist eingeschlafen.

S7 20:13
An den Türen steht „Bei Versagen drücken“ und kann nicht aufhören zu grinsen, was ist mit mir los, verdammter Scheiß.

Donaukanal, ca 23:00
„(…) Herrje. Hinter mir spielen sie Easy Baby von Wanda und essen Torte. Weiß nicht, ob das Klischee-Wien ist (…).“ 
Hinter uns streiten sie nun leidenschaftlich in einer Gruppe über Außen- und Innenpolitik, es fällt mir schwer, mich auf das Gespräch vor mir zu konzentrieren. Ich möchte dem einen Mann, der lautstark antieuropäisches und dazu noch populistisch und ausländerfeindlich motiviertes vor sich hinbrüllt, abfällig anspucken. Unsere Seite der Sitzbank: Cola, Cola und Bier. Alle fünf Minuten fährt einer auf dem Fahrrad an uns vorbei und fragt, ob wir Bier kaufen wollen. Fühle mich komisch, weil ich nur Pfandsammler kenne. Unter dem Brückenbogen auf der anderen Seite des Kanals kommt irgendein furchtbares Lied. Ich denke an die Antilopengang, schlafe fast ein. Ich erwarte keine Antwort und doch trifft es mich. 

Fünfter Juli

Dritter Bezirk, 10:30
Ein Mann grantlt sehr laut am Telefon vor sich hin. Ein Oaschloch sei der am anderen Telefon, er brüllt bald, sagt, dass er ohne Auto nicht auskommt. Die Frage danach, wie manche hier so sehr warm sein können während andere hier kälter sind als der kälteste Punkt auf der Erde. Die Frau an der Kasse von Billa ist sichtlich ernüchtert, sie wundert sich, dass man sie anlächelt. Flaschen nur ohne Pfand.

Sehr viele von der Stadt gebaute Wohnhäuser, es steht sehr stolz außen an der Fassade. Manchmal größer, manchmal kleiner. Der Putz fällt an manchen Häusern ab, auch wenn sie im gleichen Jahr gebaut wurden und nur zehn Meter voneinander entfernt stehen, könnte der Unterschied teilweise nicht größer sein.

Aber hier leben, denke ich, gern.

Sechster Juli

Messe Wien, Medizineraufnahmetest, 9:00
Um mich herum ein paar sehr junge Menschen, die mich sehr lange ansehen. Auf meinem T-Shirt steht etwas, das sie zu entziffern versuchen. Immer zu ausgeprägte Schlangen vor den Damentoiletten. Fühle mich weniger alt, wenn ich daran denke, wie ich vor ein paar Jahren war.

Nach dem Test, ca. 17:00
Vor der Messe sind in einer Art Installation ein paar Betonstelen aufgebaut, auf ihnen kann man sitzen. Sie sind darüber hinaus auch scheinbar über sehr lange Schrauben im Boden verankert. Eltern warten auf ihre Kinder und nehmen sie in den Arm oder machen ihnen Vorwürfe. Gesprächen zuhören, die erahnen lassen, dass manche etwas machen müssen, auf das sie keine Laune haben. Es fällt oft das Wort Budapest, gelegentlich das Wort Privatuniversität. Ein paar Eltern demotivieren ihren Nachwuchs mit der Aussage „du bist halt dumm“ – ich frage mich, wie viele Menschen hier eine Psychotherapie akut gebrauchen könnten.

Siebter Juli

AKH, 19:24
Bin wohl Motte und Flamme zugleich. Überall der gleiche Name, Pastell, Rolltreppen heißen hier Fahrsteige.

Achter Juli

U3 Simmering 14:50
Signalfarben und der Gedanke ans Pastell des AKH. Generell – in der Charité fast alles weiß bis gerade so gelb-beige. In der U-Bahn rote Sitze. Türgriffe, an denen man kurz (und stark) ziehen muss. Ich habe leider meine Bleistifte vergessen und hätte einfach länger bleiben sollen.

Es ist sehr still, ich will gern an der U6 wohnen. J. sagt, der vierte Bezirk würde gut zu mir passen; ich bin gespannt, wie der so aussieht.

Neunter Juli

Zwischen Bosch und Henkel, 1:14
Als würde ich endgültig Hautschichten, zusammenhängend, ablegen, vielleicht gekoppelt an ein gehauchtes endlich. Frau N sagte schon vor Jahren, gelegentlich bin ich vielleicht wie ein Hund, der an der Wohnungstür sitzt und darauf wartet, dass die anderen Bewohner wieder zurückkommen. Ich wollte eigentlich viel lieber eine Katze bleiben.

Wien Flughafen 11:04
„Koffer als Handgepäck“ Armada. Schließe mich ihnen wohl bald an. 

„Words are full of indecision
They evince the troubled nimble wit
Oh, nothing in return“
(Lower Dens – I Get Nervous)

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