181009

Neunter September

Südbahn Tempelhofer Feld, 17:45
Die Tonne brennt, Grillkohle und Feuerwehr. Ich stehe und rolle auf einem Brett, nachdem ich jahrelang Gleichgewichtsprobleme hatte.
Wir hören mehrere Schüsse am Neuköllner Ende des Feldes, sind überrascht und denken an Schreckschusspistolen – L, M und ich schauen einander fragend an. Mehrere Menschen schreien, die Halbstarken von Gegenüber fahren mit Fahrrädern hin, „ey, lass mal glotzen“ schreiend. Ich scrolle durch Twitter. Martinshorn, viel.

Hauptbahnhof, 19:33
Warte darauf, J in die Arme zu nehmen. Der ICE fährt ein, nach ein paar Momenten laufe ich ihr entgegen.

Zehnter September

Kantstraße, 15:40
J und ich stehen vor einer altertümlichen Auslage. Große Parfumflaschen und Plastikblumen. Vor lauter verschiedenen starken Gerüchen brennt es mir die Geruchsrezeptoren weg.

Elfter September

Tiergarten-Süd, 12:10
Mir ist schummrig und ich will nur noch liegen. Der Wunsch danach, dass manches, das nicht werden will, wird, dass das was nicht wurde, trotzdem wird.

Zwölfter September

Tiergarten-Süd, 11:11
J ist auf dem Weg zurück und ich weiß nicht genau, wie ich helfen kann.

Dreizehnter September

Tiergarten-Süd, 17:12
In der Badewanne liegen mit Schüttelfrost, Fieber. Nicht konzentrieren können.

Vierzehnter September

Motzstraße, 12:10
Wartezimmerblues, das erste Mal Blutdruck im Normalbereich seit ich hier Patientin bin. Irgendetwas von Mattigkeit, grippalem Infekt, fühle mich wie mit Männergrippe.

Tiergarten-Süd, 22:40
Finger will ich aufs Philtrum legen oder auf die Kuhlen über und zwischen Schlüsselbeinen, Etwas entlangfahren mit meinen Fingerkuppen, so sanft wie über die ersten Kastanien des Jahres, ich glaube, es wird Herbst. Verpasse alles, liege stattdessen im Bett.

Fünfzehnter September

U3 Wittenbergplatz, 13:22
Ruckeln, warten aufs Aussteigen, ich stelle mich passend vor die Tür. An meinem Rücken bemerke ich, dass es wärmer wird und ich drehe meinen Kopf. Ein Mann, der mich, seit ich eingestiegen bin, beobachtet hat, steht viel zu dicht und unnötig hinter mir, der Waggon ist sonst leer. Traue mich nicht etwas zu sagen, die U-Bahn fährt in den Bahnhof ein, ich muss zum Kurfürstendamm, zu langsam; ein Gefühl der Bedrohung, mir ist etwas schwindelig vom Infekt.
Kurz bevor die U3 steht, spüre ich von dem Mann hinter mir etwas auf Höhe meiner Lendengrube, eine Beule. Ekel. Die Tür geht auf, ich renne fast zur U2 auf dem Gleis gegenüber. Mir ist schlecht.

Sechzehnter September

Leipziger Straße, 13:13
Die Straßen leer nachdem die Marathonläufer abgebogen sind. Eine Mischung aus post-apokalyptischem Szenario und Ruhe. Das Geräusch von hunderten Läufern im gleichen Bereich auf Asphalt. Alles ruhig.

Potsdamer Straße, 13:52
Weniger Läufer als vor zwei Stunden, nur noch ein bisschen mehr als eine Spur belegt. Am Straßenrand sitzen Zuschauer und singen laut zu „Jenny from the Block“ mit.

Siebzehnter September

Magdeburger Platz, 09:45
Wir in der WG haben zu viel Altglas angesammelt.

Tiergarten-Süd, 16:28
Angeblich hat ein Metzger in der Potsdamer Straße den Kassler erfunden, Samuel Fischer traf Besucher an der Ecke zur Bülowstraße, Rowohlt war am Landwehrkanal.
Manchmal fast überfahren in Gedanken vom Wissen um die Füße, die vor Jahrzehnten die gleichen Wege frequentiert haben. Mir fehlt die Neue Nationalgalerie, dieses Bauwerk von Mies hat mich mit seiner Haupthalle gelegentlich traurig, meist aber sehr ruhig gemacht.
Sehe Arbeiten von David Chipperfields Studio und erkenne sie als solche.

Neunzehnter September

Kurfürstendamm, 14:17
Sich übernehmen und den Körper nicht richtig einschätzen können, mir ist schummrig. Ich glaube, ich will mich hinlegen.

Zwanzigster September

Tiergarten-Süd, 22:26
Der Mann, der im Innenhof so komisch widerlich beim Husten zu hören ist, arbeitet am Flughafen Tegel auf dem Rollfeld. Als würde er allen Belag in seinem Mundraum nach außen spülen müssen.

Zweiundzwanzigster September

Tiergarten-Süd, 14:32
Zynismus ist der ultimative Dealbreaker.
Meine Stimme erinnert mich an das Gefühl, das man hat, wenn man mit den Fingernägeln über die feinen Metallgemüseraspeln fährt.

Sechsundzwanzigster September

Okerstraße, 15:00
Die Kreuzung weiter vorn, Bierstuben Eck an Eck, Brockhaus im Taschenbuchformat unten; Bordsteinkanten und riesige Zwischenräume neben Pflastersteinen. E schiebt und ich laufe halb bewundernd, halb entspannt daneben und frage mich, ob sie zur Ruhe kommt.
Ich mag die Gegend mehr als ich möchte, immer noch, dabei habe ich es vor einiger Zeit nur geschafft, nachdenklich aus den Rollberg-Kinos gen U8 zu taumeln.

Siebenundzwanzigster September

Tiergarten-Süd, 13:50
Der Mann am Versorgungskasten starrt mir Löcher in den Körper, eine Art Intermezzo, so als hätte man sich schonmal irgendwo gesehen und gekannt. 

U Wittenbergplatz, 14:09
In der Sonne sitzen und stricken, im Doppelpack.

Alexanderplatz, 15:10
Irgendein Markt, der ans Oktoberfest erinnern soll, aber eigentlich nur die Fortführung des ganzjährigen Weihnachtsmarktes darstellt, füllt den Platz. Er ist ähnlich freundlich wie die Person an der Kaufhof-Kasse, die nur die Leute freundlich behandelt, die überteuerten „edlen“ Alkohol kaufen. Überall der gleiche Name.

Achtundzwanzigster September

Gropius-Bau, 12:47
An dem Sockel bei den Stufen renken sich E und ich ein, sie ihre Hüfte, ich meine Lendenwirbelsäule. E sagt, ich könnte mich sehr weit nach hinten strecken, ich denke an den schwedischen Mathematiker, den ich in Dresden kennengelernt habe, der mir vom Brückenbauen und Analysis erzählt hat. Mir fällt keine Funktion für meinen Rücken ein.

Neunundzwanzigster September

PalaisPopulaire, 15:18
Eine Mischung aus zu eng und zu weitläufig. Leute, die vor Zeichnungen stehenbleiben, direkt davor, das Telefon zum Schreiben via Messengerdienst in der Hand. Dabei wollte ich doch nur Hanne Darboven sehen.

Dreißigster September

Tiergarten-Süd, 00:07
Die Blasey-Ford-Kavanaugh-Anhörung triggert Emotionen, von denen ich nicht wusste, dass sie immer noch so sehr mit Wut verbunden sind. Doppelstandards, Ohnmacht und Rage; mein Unverständnis, dass vieles als „boys will be boys“ entschuldigt wird – sich daran erinnern, wie es war, von einem sexuellen Übergriff, den ich zum Glück unversehrt überstanden habe, zu erzählen, ohne, dass die Person, mein damaliger Therapeut, mir geglaubt hat. Sich dann daran erinnern, wie ich direkt danach war, wie alle, die mich sahen, im Nachgang sagten, sie hätten mich noch nie so erlebt.
Dann, von Fremden, die Fragen: wieso warst du auch alleine auf dem Bahnsteig, wieso warst du nicht dort, wo die Kameraüberwachung war, wieso hast du nicht geschrien? Und die unverschämteste Frage: wenn es so schlimm war, wieso hast du dich nicht gewehrt?
Als wäre mein Recht auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung etwas, für das es für Fremde im öffentlichen Raum einen Verhandlungsspielraum geben würde. Als müsste man immer wieder Leuten erklären, wie unterschiedlich sich Trauma äußert. Als müsste ich mich überhaupt dafür rechtfertigen, dass ich nicht von Fremden auf dem Weg wohinauchimmer wannauchimmer zwischen meinen Beinen oder sonstwo angefasst werden will.

Erster Oktober

Mitte, 12:14
An einem Experiment teilnehmen, bei dem zur Ablenkung Kayak-Herstellungsvideos gezeigt werden. Bei der Fahrt zum Hauptbahnhof eines der herzzerreißendsten Gespräche seit längerer Zeit haben. Die Frage danach, wieso Menschen sich schön fühlen und wieso sie es gelegentlich oder öfter oder nie tun.

Dritter Oktober

Mitte, 22:02
In einem Bad in Mitte stehen und dem Feuerwerk für die Einheitsfeier zuhören. Ein paar wenige Kilometer entfernt der Verlauf der früheren Mauer.

Vierter Oktober

U Bismarckstraße, 20:47
Die einzigen Momente, bei denen ich Farbe im Gesicht habe, sind die nach dem Saunabesuch. Halb rosé angelaufenes Gesicht vor grünen Kacheln; es schreit nach mir, eigentlich schreit es auch ein bisschen nach dir, auch wenn ich nicht weiß, wo du eigentlich hin verschwunden bist. Mir ist nach gedünstetem Gemüse.

Sechster Oktober

City-West, 19:45
T berichtet vom Arinc-Standard in Flugzeugen und von Datenübertragungsraten. Riesige Aluminiumstrukturen im Himmel mit mittelalterlich anmutenden Technologien an Bord, direkt neben mega leistungsfähigen Computern in Smartphoneform. Wir schauen uns Luftbilder von Landebahnen verschiedener Flughäfen an.

Ebenda, 23:55
Manche erzählen von verschwendeter Zeit und wie sie ähnlich loyal geblieben sind in alledem. Mein persönliches „muss einen Tritt finden in meiner Zeitplanung.“ Kavanaugh zum Richter im Supreme Court gewählt und ich kann nicht aufhören wütend zu sein.

Siebter September

S Hermannstraße, 19:45
Das nennt man dann also das Beginnen als Ateliergemeinschaft oder Kollektiv. Die S-Bahn wie eine Schneise schlagende Schlange.

Achter Oktober

Tiergarten-Süd, 13:07
Seit ich Weißensee den Rücken gekehrt habe, zeichne und probiere ich mehr aus als in den letzten zwei Jahren zusammengenommen. Vorhandene Strukturen als Amboss, der über einem schwebt. Als hätte ich mir selbst diesen Amboss abgenommen. Ich will nicht aufhören mich auszutesten.

„I’m gonna keep rolling on“
(Curtis Harding – On and On)

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