190102

Du stehst also unter dem Stahlbogen der einen Brücke über die Spree, da kann dir kein Raketenrest auf den Kopf fallen, kein Glas, da ist eben Stahl und irgendwo dahinter Feuerwerk. Moabit. Eine Frau radelt unbeirrt durch kleine Explosionen und dichten Rauch. 
Die letzten vier Wochen und vor allem die letzte davon lässt du dir durch den Kopf gehen, während du in den Himmel starrst. Leise, manchmal laut, ein Leuchten zwischen deinen Fingerspitzen. Ein stetes Beben. Sich erinnern an das Beben vor einem Jahr und wie sehr du damit gewachsen bist, auch an deinem eigenen.

Am Samstag auf dem Weg zur Arbeit fast zusammengebrochen, du hast dich festgehalten an den Rillen in den Holztischen, hast beinahe geschrien vor Schmerz und dann den ganzen Nachmittag und Abend verschlafen mit Revoluzzer-Unterleib. Lange her, all das, das letzte Mal vor zwei Jahren, da war noch Sommer, du lagst im Bad wie ein Knäuel, fast stabile Seitenlage, immer den Kopf auf den Fliesen. Aber heute ist Samstag, Tag zwei von fünf, das geht hoffentlich alles bald vorbei.
In der Nacht willst, wolltest du sehen, viel bei diesem Beben stehen. Du stellst fest, dass diese Woche nicht deine beste ist, auch wenn du Sehnsucht hast. Dabei ist es nur der Beginn der anderen Seite der Stadt, nicht eine andere.
Dann auf einmal ein Knick. Stille.

Die Dame im Parfumladen wünscht dir ebenso ein gutes neues Jahr, sie erkennt dich von deinem letzten Besuch. Es riecht nach zu viel zu schwerem Duft, im Nebenraum Plastikblumen, opulent.

„yes, I’ll come back to you
no, I won’t ask where you run“
(DIIV – Under The Sun)

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