190109

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Armageddon, denkst du dir, dieser unsägliche Film, dessen Titelmusik sich gerade aus unerklärlichen Gründen durch deinen Kopf walzt. Die Heizung im Bad geht wie immer nicht, es ist Mittwoch, 7:55Uhr, zu kalt, Dusche heiß, fast Sauna. Generell, Sauna wäre mal wieder etwas. Du erinnerst dich an diesen einen abgefahrenen Traum, den du vor fast exakt drei Jahren hattest, das war einer mit David Bowie und einer Rakete und einer Soyuz-Kapsel, wartend auf dich hinter dem Haus deiner Eltern. Auf der Streuobstwiese, da, wo du seit Jahren nicht mehr warst. Bowie, wie er sich mit dir unterhielt, wie er sagte, „I’m dead but don’t tell anyone yet“ und du, wie du aufwachst und die Tagesschau dich darüber informiert, Bowie sei den Tag zuvor verstorben. Zeitunterschied, Lazarus. Vor dem Haus, an dem du zwei Mal die Woche vorbei musstest, ein Blumenmeer. Dir rinnt das Shampoo in die Augen – die sind wieder grün.

Mit C kommst du sehr kurz ins Gespräch, aber sie erzählt dir aus ihrem Leben und von ihren Herausforderungen mit Geschlecht und Gesellschaft. Du unterhältst dich mit ihr über Sprache und ob sie in einer anderen denkt, wenn sie aufgeregt ist oder emotional. Englisch schafft bei dir ein wenig Abstand, kannst damit besser sortieren, auf Schwedisch fluchst oder liebst du, auf Deutsch ist fast alles andere. Und Französisch? Arthur est un perroquet. Man muss eine Sprache oder einen Menschen, sagt C, schon sehr nah an sich heranlassen, damit man wegen ihr emotional wird. Du nickst, sie lacht, dann erzählt sie dir von ihren traurigsten Erlebnissen, du nimmst sie an wie ein Buch, das einen zum Weinen bringt. Du stellst es später ins Regal, damit du nicht wirklich weinen musst.

Donnerstags ist Ladies’ Day im Laden mit Träumen und Sex und Liebe vorne an der Kreuzung, du siehst weder Ladies noch Träume, Sex oder Liebe davor oder darin. Du hast dich beim Straße überqueren bei dem Gedanken ertappt, wirklich wissen zu wollen, wie man Blutungen in Menschen stillen kann und wie Herr C deswegen wohl den Kopf geschüttelt hätte, würdest du deinen noch ein Mal pro Woche bei ihm auskippen müssen. Mittlerweile gäbe es von dir ein schelmisches Lachen.

Die kleinen Scherben auf dem Mittelstreifen im Scheinwerferlicht, als wäre auf einmal alles Gold, trotz Berlin im Winter. Du trägst keine Brille mehr, irgendetwas zwischen Hagel und feinem Regen. Auf die Ferne kannst du nichts sehen, nimmst hin, dass Farben verschwimmen. Eine Art natürlicher Bokeh-Effekt, du bist sehr ruhig. Früher wäre es ein Gefühl wie bei „Der fremde Freund“ gewesen, heute hast du wieder ganz dringend das Bedürfnis zu laufen.

„oh, this fever is like Rome
everything leads right back to it.“
(Kraków Loves Adana – The Day The Internet Died)

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