190404

8

(ich)

Es gibt da dieses eine Ding, von dem ich nicht genau weiß, ob es sich um Wachstumsschmerz oder Vorsicht handelt. Ob es überhaupt Schmerz ist oder eher Wachstumsmuskelkater, ähnlich dem in meinen Oberschenkeln, ähnlich dem Gefühl in meinen Lungen. So wie ich mir das Herausbrechen aus einem Kokon vorstelle. Dieses eine Ding kommt beinahe aus dem Nichts und auch wenn ich nicht weiß, ob es gut ist und wann es wieder geht, ist es nicht gefährlich.
Es gehört dazu, es ist, als würde das Bauchgefühl von innen nach außen schreien, kurz vor Sehnsucht. Natürlich habe ich schon immer darüber geschrieben. Du hast dir Zeit gelassen, denke ich, ich stehe seit ein paar Minuten am Bordstein der Straße, in der die Busse gelegentlich in Kolonnen kommen.
Eventuell erkennen wir uns immer wieder, dieses Ich von vor zwei Jahren, einem Jahr, was dieses Ich versuchen wollte, welche Grammatikfehler dieses Ich jetzt macht, wenn es emotional ist, weniger wohl überlegt. Das wird alles schon, auch du darfst mal ungeduldig laut sein – ich darf das sagen, ich habe fast immer nur gewartet.

(hier)

Um 20:23 schalten sie das Licht für den Weg von der U-Bahn zum Park an. Plötzlich ein Hintergrundgeräusch, immer deutlicher, mehr im Vordergrund, auf einmal so klar, als hätte mich jemand aus dem Wasser gezogen, ohne, dass ich je im Landwehrkanal geschwommen wäre.
Dann kommen Schotter, Kopfsteinpflaster und Gehwegplatten unter denen die Bäume ihre Wurzeln heben. Telefonierende Menschen, wild gestikulierend, auf ihnen stehend. In einem Haus an meiner Packstation tanzen sie Ballet; Pirouetten und Plié am geöffneten Fenster, Klassik, ich bin kurz davor, den Komponisten auszumachen.

(die anderen)

In Gespräche eintauchen als würde ich Schichten abstreifen, sie sind nicht zu überhören. Tor geschlossen, Fuhrpark voll, sie haben noch ihre Uniform an, den gelb-roten Fleece – morgens war es wohl doch noch etwas zu kalt. Der eine hat kurze Haare, sie wirken licht, beim anderen sind sie dicht und dick, bis auf diese eine Stelle am Hinterkopf. Vielleicht trägt er im Winter Mütze, hoffentlich cremt er sich immer ein. Du weißt schon, Ohren und Nase hören auch im Alter nicht auf zu wachsen. Die beiden Männer reden über den Welle-/Teilchen-Dualismus, das Doppelspaltexperiment, Wellenüberlagerung und ich denke an den Test und wie die Uhr herumrennt.
Als könnte es nichts Schöneres geben. Aber da ist dieses Ding wieder. Als könnte ich nicht greifen, ob ich mich gerade einfach nur freue oder ob gleich etwas passiert. Der Moment vor dem Loslaufen. 3, 2, 1, und los. 

Eventuell liegt es aber auch am dramatischen Himmel, kurz vorm Lila an der Kreuzung. Ich werde dich lange nicht gesehen und trotzdem wieder erkannt haben.

(Kiasmos – Shed)

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