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Sich wieder in die richtige Stimmung leben, schreiben. Du hast gelernt, dass es sich lohnt, manche Worte loszulassen. Dass wiederkommt, was und wer zurückkehren will. Wie ein Tau aus Seide, das dir aus den Fingern gleitet.
Dann aber auch: im Sommer kommen manche Menschen nie wieder zurück; du schaffst es nicht, zu ihrer Trauerfeier zu gehen. In deinem Nacken hängt E und das Gefühl, als wäre der gesamte ICE in Regen getränkt gewesen, damals, auf dem Weg zurück, raus aus Hamburg. Wie sie verbrannte und du zwei Wochen lang nicht reden konntest. Wie du es nicht zu ihrer Trauerfeier geschafft hast, ein paar tausend Kilometer entfernt. Wie das Licht trotzdem so unfassbar in die Wälder fiel.

Gelernt hast du also, dass manches wiederkommt, dass der Alltag weitergeht. Dass sich das schönste Licht nicht davon abhalten lässt, auf diese bestimmte Art und Weise in den Abenden zu liegen. C und der Notfallspaziergang am Kanal, kein einziger, kein verdammter Schwan an der Kottbusser Brücke wie sonst. Hitze und das Lachen über auf Stahldenkmäler gesprühte Emojicons. Wie sonst auch: die traurigsten Momente über musstest du wegen der dümmsten Witze lachen, ein Festhalten am Trivialen.
Dann starrt eine Notfallpsychologin kurz und tief in deine Seele hinein, sie hat deine Ecken gesehen, am Morgen schon in der größeren Runde; es ist das frühere Sparring mit sich selbst mit Anleitung von Herrn C, das sich bemerkbar macht. Ein Mal reicht. Resilienz nennt sich das wohl. Sie bringt niemanden zurück.

„And it all comes down to you
Well, you know that it does“
(Fleetwood Mac – Gypsy)


Du sagst, du hoffst, Du bist nicht da. Es trifft kurz, du gehst die Treppe weiter nach oben. Du denkst, dass Du nicht weißt, was Du willst. Dazwischen liegen Seiten und Pixel, Blasen und der Wunsch danach, mehr aus der Laune heraus zu zeichnen. Das Skizzenbuch fest in der Hand. Manches ist dann doch unangenehm, du willst einfach deine Ruhe, für Wochen am Stück. Der schmale Grat zwischen Ruhe haben um künstlerisch tätig sein zu können und Input haben bei sozialem Austausch.

„If you come again
I’ll be sure to send the tide to come meet you
And if I come again
Please be sure to send the moon to come meet me“
(Foals – Into The Surf)


Willkommen in deinem Kopf.
Aber wie kannst Du Dir der Sprache sicher sein, wenn Deine Worte etwas anderes für Dich bedeuten als deine? Wenn Dein Sommerregen mehr nach Lavendel riecht als deiner? Wenn Dein Schmerz sich nicht in Buchstaben und ihren Zusammensetzungen fassen lässt? Wie fühlt sich diese eine Sprache für Dich an oder ist es die, mit der Du aufgewachsen bist?

„Oh, keep on educatin‘, meditatin‘, anything to keep me up
Oh, keep on meditatin‘, activatin‘, anything to keep me up
If then, keep on renovatin‘, elevatin‘, anything to keep me up“
(Mark Ronson – Truth (feat. Alisha Keys & The Last Artful, Dodgr))


Dann wieder, nur als Erinnerung. Ist dir jemals aufgefallen, wer hier du ist und wer Du? Das Verschwimmen der verschiedenen angesprochenen Menschen, ein dein gemeint als mein, ein Du gerichtet an ein wirkliches Du. Dir dabei zusehen, wie die Person, die jetzt deinen Namen trägt, sich in einiger Zeit zu einer anderen weiterentwickelt hat. Trotzdem. Trotz dem. Du reibst dir so lange die Augen, so fest, bis das, was dein Gehirn aus den durch die Augenlider gelassenen Informationen macht, etwas von einem Nebel aus Quadraten hat.
Eventuell gibt es Randnotizen, Lesezeichen. Hat Peter Handke auch den Weg auf Dein Fensterbrett gefunden, ist es dort zugig, hast Du nach ein paar Seiten aufgegeben, obwohl Du das Gefühl hattest, Dich in Sprache hineinlegen zu können?

„Hey, when I throw my weight
I never throw it crooked
I always throw it straight“
(Mattiel – Keep The Change)


Du erinnerst dich an den einen November zurück. Die Züge gen Hauptbahnhof vorm Fenster und die Gänge in den Katakomben. Transporttrolleys, die nicht mehr als 4km/h fahren dürfen, Du lachst, während du dich nochmals verläufst. Intensivstation, die Beatmung Fremder und das Glück, deshalb Klarheit zu darüber zu haben, was du von deinem, mit deinem Leben willst. Du willst es noch immer, im besten Fall in Berlin, egal, wie lange es dauert.

„The clouds never expect it
When it rains
But the sea changes colors
But the sea 
Does not change“
(Stevie Nicks – Edge of Seventeen)


Ist Dir eigentlich aufgefallen, dass in den letzten Worten kein Abschied enthalten war?

„The time has passed for luck
And now it’s time for hope“
(Shame – Concrete)

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