161224

vor ein paar Jahren
(glaube ich)
haben sie mir beigebracht
wie das geht
mit dem Festhalten
an dem
schönen Leben
irgendwann
sage ich mir
irgendwann

(Immanu El – Panda)

161218

Herr B1 ist ungeduldig und der Schritt ist forsch. Er klopft, er stürmt, er ist in unterschiedlichen Farbschichten getarnt. Manche drehen sich etwas um, aber eigentlich schweigen alle. Der Fernseher überträgt VfL Wolfsburg gegen Eintracht Frankfurt. Lothar Matthäus starrt in die Kälte wie ein Tiefseefisch ins Dunkel.
Darunter: drei Snackautomaten – links, futuristisch, der Getränkeautomat, der die Getränke auffängt und zu einer Ausgabestation an der rechten Seite des Gehäuses schiebt: man könnte sogar kontaktlos zahlen, würde es funktionieren; in der Mitte, der klassische Snackautomat, mit Milch und Capri Sonne, Snickers und Paprika Chips; ganz rechts der Kaffeeautomat, der alle möglichen Sorten anbietet und dann eben noch Gemüsesuppe – die ganze Zeit möchte ich mir so etwas kaufen um zu eruieren, ob der Kaffee danach nach Gemüsesuppe schmeckt.
An der Fassade leuchten notfallindizierende Zeichen zur Eingangstür, über der, steht man seitlich und kann es sehen, ein Kreuz angebracht ist, nicht das, das fürs Christentum steht. Von draußen wirkt der Raum trotzdem wie eine Kirche. Mit Snackautomaten und Sitzgruppen und Toiletten, die viele Läufer, die Samstag Spätabends unterwegs zu sein scheinen, nutzen.

Der Fernseher schaltet sich irgendwann aus, es ist unangenehm still. Ich esse ein Snickers und ich kaue wohl sehr laut.

Dann, ein Herr B2, er hat viele Tüten dabei, seine Hose rutscht so halb, er wirkt erst sehr geduldig. Herr B1 und Herr B2 haben ähnliche Namen, mit nur einer Silbe Unterschied, sie werden beide jeweils aufgerufen, beide stehen auf, Herr B2 denkt immer, er ist gemeint. Irgendwann dann seine Triage. Wieder zurück, wird Herr B2 ungeduldig, nachdem er draußen vor der Tür in den Urinbecher gepinkelt hat.
Herr B1 wiederum sagt, er hat nicht den ganzen Abend Zeit. Ich denke mir, dass er laufen kann, ihn kein Rettungswagen gebracht hat und er keine starken Schmerzen zu haben scheint. Stattdessen setzt er sich wutentbrannt auf den Stuhl, ich versuche klare Gedanken zu fassen und zu zeichnen, nichts davon will mir gelingen, schließlich kommt Herr B1 dran.
Herr B2 redet die ganze Zeit mit sich selbst, irgendwann beginnt er, die anderen Wartenden zu beschimpfen, er glaubt, alle wollen ihn lieber in der Psychiatrie sehen. Dabei denke ich an Silvester 2012/13 in der Psychiatrie in Dresden-Klotzsche zurück und an den Innenhof und wie sie mit Dosenmandarinen in alkoholfreiem Sekt die Station hoch- und runterliefen und ich deswegen meine Tür von innen abgeschlossen hatte. Kein Feuerwerk. 0:02 Uhr waren meine Silvesterfeierlichkeiten abgeschlossen und der Schlaf wollte nicht kommen. Eigentlich hatte ich aber nur Angst, eine generelle, eine panische. So wie heute.

Nun leert sich der Warteraum etwas, Herr B2 hat von hinten gesehen einen ziemlich schmalen Hals und eine zierliche Statur. Bis jetzt die Frage, wo in diesem Körper er die Kraft gefunden hat, so sehr auf und ab zu gehen, quer durch den Raum, mit sehr viel Druck. Die Tür geht auf, Herr B2 wird gerufen und er freut sich so sehr, dass er alle seine Tüten fallen lässt.

Drei Uhr sind wir dann am Ende wieder zu Hause angekommen, K und ich. Neun Stunden das Hirn zermartert, wie seit Tagen schon.

(EF – What If I Took The Wrong Turn)