170323

(1)

Wirst du manchmal auch unruhig, wenn du an dieses eine Ding von vor Monaten denkst? Geisterst du in Köpfen herum oder geistert jemand in deinem eigenen hin und her? Kommst du voran, wenn du an deine Zukunft denkst, traust du dich überhaupt, dir eine solche auszumalen? Hat sie Farben, wenn ja, welche, ist sie monochrom, ist sie nur ein schwarzes Loch? Hängt sie dir im Hinterkopf, machst du sie zu einem Schwert des Damokles?

Fährst du manchmal noch über die Wunden von früher, hier über die Windpockennarbe, dort über die Hinterlassenschaft der einen herrischen Katze oder über die Stelle am Handgelenk, die dir sagt, dass du dich am Backofen verbrannt hast mit neun Jahren? Findest du noch im Dunklen die Narben auf deinem Bauch, dort, wo es einst Muttermale gab, siehst du bei Tageslicht noch die Narbe, von dem Ort an dem einst eine Zecke Borreliose übertragen hatte, ein Geschenk zu deinem achtzehnten Geburtstag?

Wünschst du dir manchmal nicht auch, dir würde jemand durch die Haut hindurchsehen können, tief in deinen Kern? Erinnerst du dich an die Zeit, als du all deinen Schwermut nicht mehr kontrollieren konntest? Wovor genau läufst du eigentlich weg: vor den weichen Stellen in dir drin, denen, die jeder oder keiner sieht, vor den harten Stellen, den Krusten, den Schichten, den Stellen in dir drin, die, so glaubst du, niemand zu verstehen wagt?

(2)

Ich war damals wach, ich dachte, man müsste doch meinen rasenden Puls durch alle Schichten hindurch merken.

(3)

Manchmal laufe ich an mir vorbei, an Spiegeln, an Reflektionen in einer Tram, an Glastüren, an Fliesen und bin dankbar, zu sein, wenn auch gerne nicht mehr in einer Stadt, die versucht einen kantig zu machen. Der Luxus, einen Ausblick zu haben. (Vergessen zu haben, wie gut Licht tut in den oberen Etagen eines Hauses – früher immer in der Sonne gesessen wie ein Gecko.)

(4)

Das hier ist weder ein Unfall noch bin ich eine exotische Topfpflanze oder ein Fabelwesen; es gibt Menschen, die nur das Beste für einen wollen, ein Gleichgewicht. (Hinterfragen ist in Ordnung, wir stolpern alle von Zeit zu Zeit über Stufen.)

(5)

Alles ist, alles wird.

(DYAN – Looking For Knives)

170315

Sie verbringen hier viel Zeit in Zügen, an Stationen, strenger durchgetaktet, denken an die M10 und sonstigen Metrolinien, sich wundern. Rund fünfundvierzig Minuten von Stadt X nach Stadt Y, kürzer als von mir zu Hause zu meiner Uni. Eine halbe Weltreise innerhalb einer Woche, die Zeit gleich mit mindestens zweimal quer durch Deutschland im ICE fahren. Zwei Stunden pro Tag, mal drei, manchmal vier, sechs bis acht pro Woche, an Orte fahren, die Elfenbeintürme sind.

Da war vor ein paar Jahren eben Waterloo Station, später das beruhigende Geräusch der Straßenbahn, wie sie in unsere Straße einbog, jetzt das Rattern der U-Bahnen am Gleisdreieck und das Starren vom Sterbeort von Günter Litfin auf den Hauptbahnhof, das mich wie ein Ufo zurück anstarrt.

Hauptwache, Blick auf das Haus mit Loch, das quasi auch nur so aussieht wie viele andere Häuser in anderen Städten (nicht zu laut sagen), es ist auch mit ähnlichem gefüllt. Im Rücken die Türme, leider habe ich es verpasst, den Marsch der Menschen mit Aktenkoffer zu beobachten. Samstag, die Gegend fast wie leergefegt, vereinzeltes Kopf in den Nacken legen. Es knackt in meinem Gebälk.

Eine Stadt, die man zu Fuß erlaufen kann, Echos in hohen Räumen, kühl, wohlig warm, blaue Fenster in verschiedensten Schichten und Schatten auf altem Sandstein, etwas da oben auf der Höhe und diese Graffiti Tags, die ich in Schreibschrift nie ganz lesen kann. Ein einziges Foto und ich weiß noch nicht einmal wieso nur eins. Man könnte es auch wohlfühlen nennen, die Kamera früher als Schutz und Distanzobjekt, später hatte ich immer Angst, zu viel zu sagen damit (bis heute immer zu viel damit gesagt). Ein Sänger, etwas off, Balkon und Echo auf Plätzen, Repräsentanz in den kleinen Dingen.

Alexanderplatz, alles voll, frage mich, wo der Fluss hin ist, den es hier auch definitiv gibt. Wasser erdet mich mehr als Betonwüsten, fast sofort der Drang zurück, aber ich stecke fest in Überforderung und Ratlosigkeit und Fieber und Stille. Ich glaube, ich bin bald wieder dort.

(Howling – Phases)

170303

Dienstag
all meine kleinen Teile
Dinge en Detail sehen, die es gilt nicht zu übersehen, die es wert sind gesehen zu werden / als hätte man keine bessere Sache auslösen können; etwas kleines und etwas großes zugleich: man muss die Tatsächlichkeit sehen, mitbekommen

Mittwoch
sie bauen mit einer bemerkenswerten Ruhe an Ein- und Ausgängen, jahreszeitenlang und darüber hinaus; aber es gibt mich hier, wenn man die Tür aufschließt

Donnerstag
ein paar Meter weiter oben kommen ein paar Minuten mehr an Lebensqualität dazu, gepaart mit Zeit, die ich aus dem Fenster starre und Flugzeuge zähle, die in Richtung Tegel donnern; wenn ich durch mich, durch dich hindurchschauen könnte, wäre ich schlauer, etwas, leider fehlen mir dafür die Instrumente und die Maschinen für die entsprechenden bildgebenden Verfahren und dafür die Arbeitserlaubnis
darüber reden, als wäre es tatsächlich möglich / darüber nachdenken, als würde es sowieso nicht klappen / so tun, als wüsste ich genau, was ich wie will
aber: der Versuch, alles so hinzukriegen, dass es auch wirklich funktioniert

und wie viel nimmt man dann mit in Städte, die man nicht so gut kennt, eigentlich gar nicht, die man aber nicht so viel mehr kennt als die eigene Stadt? (hinter jeder Fassade ein neues Leben, vielleicht ist es endlich mal etwas weniger schroff)

Freitag
um dein Herz herum muss nicht immer Grind übrig bleiben
noch nicht einmal eine nässende Wunde von wer weiß wann
wer willst du sein, in mir drin?

(Sylvan Esso – Die Young)