170522

Dann war da noch der Mann vor dem Eingang der Klinik und wie er begann zu krampfen und zusammenbrach, als ich zu ihm gelaufen war. Wie niemand da war, weil sie wohl alle Kaffeetrinken waren und ich dachte, dass mir gleich die Stimme versagt, der Mann war viel zu schwer, als dass ich ihn auch nur zehn Zentimeter hätte bewegen können. Wie sie dann gerannt kamen, wie ich mich hilflos fühlte, wie ich einfach nur wissen wollte, wie ich helfen kann, aktiv. Wie ich dann an Herrn C. denken musste, an das, was er vor zwei Jahren sagte. Adrenalin und ein kleines Stück Dissoziieren, als Schutz von früher, früher immer passiv. Es reicht mit passiv.
In dem einen Raum im Keller, in dem ich häufig sitze, die Fenster auf Höhe des Fußwegs draußen, viele Bäume, grün, Ruhe. Manchmal kann ich gar nichts hören vor lauter Stille. An diesem Tag aber, ganz dringend, musste ich in die Sonne, nach oben, um zu beobachten, was lebt.

Du bist nicht wie eine Wand, du bist wie Stargate, sagte J und ich musste sehr laut lachen. Alles davon, eigentlich immer wahr. Vorgenommen etwas deutlich zu sagen, das hatte ich. Dann zu Linien zusammenklebende Rapsfelder, Weinberge und der Main in etwas Entfernung. Es brodelt in mir drin und ich weiß nicht wohin damit, obwohl ich genau weiß wo es hin müsste.
Und dann denken sie, es fiele mir leicht, ständig zu erzählen, was mich umtreibt, wieso ich es vorziehe, lieber allein geblieben zu sein als in einer Partnerschaft mit irgendjemandem zu sein. Die Romantisierung und Idealisierung von Schlussfolgerungen, die für mich überlebenswichtig waren, mein Unverständnis, wenn man nicht zum gleichen Schluss kommt. Zwei Schritte zurückgehen. Denken an den Mann, der mich über mein Privatleben ausfragt, der mir sagt, dass man sich an mir emotional gut abarbeiten könne; mein Innerstes also als Sparringspartner für die eigene Weiterentwicklung. Zwei Schritte vorgehen. An sich ist alles gut, es brodelt, es lebt. Mein Gehirn wird nur langsam ungeduldig mit dir; es langweilt sich schließlich schon, wenn ich es nicht mit genug Informationen versorge. Eigentlich ist es aber viel ungeduldiger mit mir, ist ständig zehn Schritte vor mir und allem um mich herum.
Welche Engramme von dir sind eigentlich schon vorhanden?

you fill my eyes with your smiles
my brain with your chemicals
(Big Scary – The Opposite of Us)

170508

Am Gleisdreieck fliegen die Pollen zwischen meinen Füßen hindurch, sie knüllen sich zu einem Haufen, bleiben liegen in der einen Ecke in der Sonne, da an der Mauer, die gen Süden zeigt und an die ich mich gerne anlehne, wenn ich auf etwas warte oder einfach nur durchatmen will. Ich höre die Züge der U2 und U1 im Haus hinter mir vorbeidonnern, der Boden vibriert etwas, die Backsteine an meinem Rücken ebenso. Selten warte ich hier auf irgendetwas. Ich hasse es zu warten, ich habe achtundzwanzig Jahre gewartet, egal auf was oder auf wen, vielleicht komme ich deshalb immer zu spät.

Sie sagen, die Farben in meinen Augen haben unterschiedliche Tiefen, mindestens unterschiedliche Ringe, mindestens ein Wechseln wie die Jahreszeiten. Die einen sagen, ich sei tough, die anderen sagen, ich sei wie eine Wand, die nächsten ziehen Vergleiche zu Stargate um zu verdeutlichen, dass manches in mir in eine andere Dimension zu gehen scheint, während ich unbeweglich bleibe.
Das alles registriere ich schon. Feine Seismographen in mir drin, manches Mal sogar etwas zu fein. Dann: manches, zu dem ich mich gar nicht artikulieren kann, weil ich die Gefühle sortieren muss, jenes, zu dem ich mich nicht artikulieren will und es trotzdem mache, obwohl es schmerzt wieder zurückzugehen in die letzten zwei Jahre. Man denkt, es sei einfacher, sich nicht mit sich selbst zu beschäftigen. Aber im Endeffekt ist es nur ein kleines bisschen Dunkelheit.
Wenn man allerdings einmal durch sie hindurch ist, durch den tiefsten Dickicht – anderes Licht, wie in Wäldern mit Nebel und Lichtungen und Sonnenaufgängen.

Dann die Fragen an mich: warum hängst du eigentlich immer noch an all diesen Eventualitäten? Weil ich, wenn ich etwas wirklich will, nicht einfach so ablasse. Und wenn es dir nicht gut tut? Dann schreibe ich darüber und lasse irgendwann los. Wann ist irgendwann? Wenn ich anfange meinem früheren Gemütszustand hinterherzurennen. Was ist der? Der sagt, ich sei nicht wichtig – heute jedoch weiß ich, dass ich für mich alleine genug bin. Fein bin.

Im Haus gegenüber steht das Dachgeschoss leer. Kleine Fenster, man kann die Balken sehen. Treppen, darüber der Himmel und auf den Fensterbrettern Spikes gegen die Tauben.

“You’re not what you ache.”
(Corrina Repp – Live for the Dead)