190116

3

Nach der Sauna drehst du dich vor dem Spiegel um. Ein Dreieck, hinten links, auf dem Gluteus maximus. Schulterblatt rechts, dein Tierkreiszeichen. Wenn du lange genug suchst, findest du bestimmt auch Punkt-zu-Punkt Bilder, die wie ein Bett aussehen.
Mittlerweile weißt du, wie die Stimmungen aussehen, durch die du dich bewegst. Du denkst an Wellenformen, an Rauschen, bis vor einiger Zeit nicht an ein sanftes, stetes, kaum bemerkbares Schaukeln. S sagt, deine Stimmung wirkt seit sehr langer Zeit immer sehr stabil, keine Ausschläge nach oben oder unten, vielleicht ist das eine Emanzipation von dir selbst. Das meiste machst du mit dir aus, mit dir und deinem Skizzenbuch. Wenn du zu viel schreibst, ist etwas im Argen, gibt es irgendwo ein Ungleichgewicht. „I hurt more when I write.“ Dein Vater und du, wie ihr über das Wechseln von Autoreifen sprecht und du, wie du dich gefühlt hast, als du emotional nur auf drei Rädern unterwegs warst. Introspektion, denkst du dir, muss man sich erarbeiten – du hattest in Begleitung sechs Jahre dafür Zeit. Sortieren kann nur gut sein, irgendwann ist es aber auch mal alles in Ordnung.

M sagt, du seist sehr lange nicht mehr so hyper gewesen; in deinem Kopf Pneumothorax und Spannungspneumothorax und wie du manchen Menschen noch viel mehr erzählen willst, mehr als nur Brotkrummen hinwerfen magst.

Samstage zerschneiden dir das Zeitgefühl, auf einmal dreißig Stunden Schlaf am Stück, eventuell war das ein Kranksein, eventuell hast du weder etwas gegessen noch getrunken. Cholecalciferol markiert den Beginn, eine Wochendosis Kreta. Hunderterpack, du willst während der Parlamentsdebatte durch den Bildschirm schreien. Fifty Shades of Wrong.
Bell Yard, Royal Courts of Justice, Bond Street, Waterloo Bridge und zurück nach Southampton Row. Sie fragen, wieso du nicht öfter an der Themse bist und du nur entgegnest, dass du so schon genug Heimfernweh hast. Einen Tag später sitzt du also wieder vorm Bildschirm und willst durch ihn steigen, denkst an die ältere Dame aus dem House of Lords, die von Generationen nach ihr spricht, du hast die Selbstverständlichkeiten im Kopf mit denen du aufgewachsen bist. Keine Grenzen, ein Zusammenrücken.

„take off your layers“
(Charlotte Hatherley – Alexander

190109

2

Armageddon, denkst du dir, dieser unsägliche Film, dessen Titelmusik sich gerade aus unerklärlichen Gründen durch deinen Kopf walzt. Die Heizung im Bad geht wie immer nicht, es ist Mittwoch, 7:55Uhr, zu kalt, Dusche heiß, fast Sauna. Generell, Sauna wäre mal wieder etwas. Du erinnerst dich an diesen einen abgefahrenen Traum, den du vor fast exakt drei Jahren hattest, das war einer mit David Bowie und einer Rakete und einer Soyuz-Kapsel, wartend auf dich hinter dem Haus deiner Eltern. Auf der Streuobstwiese, da, wo du seit Jahren nicht mehr warst. Bowie, wie er sich mit dir unterhielt, wie er sagte, „I’m dead but don’t tell anyone yet“ und du, wie du aufwachst und die Tagesschau dich darüber informiert, Bowie sei den Tag zuvor verstorben. Zeitunterschied, Lazarus. Vor dem Haus, an dem du zwei Mal die Woche vorbei musstest, ein Blumenmeer. Dir rinnt das Shampoo in die Augen – die sind wieder grün.

Mit C kommst du sehr kurz ins Gespräch, aber sie erzählt dir aus ihrem Leben und von ihren Herausforderungen mit Geschlecht und Gesellschaft. Du unterhältst dich mit ihr über Sprache und ob sie in einer anderen denkt, wenn sie aufgeregt ist oder emotional. Englisch schafft bei dir ein wenig Abstand, kannst damit besser sortieren, auf Schwedisch fluchst oder liebst du, auf Deutsch ist fast alles andere. Und Französisch? Arthur est un perroquet. Man muss eine Sprache oder einen Menschen, sagt C, schon sehr nah an sich heranlassen, damit man wegen ihr emotional wird. Du nickst, sie lacht, dann erzählt sie dir von ihren traurigsten Erlebnissen, du nimmst sie an wie ein Buch, das einen zum Weinen bringt. Du stellst es später ins Regal, damit du nicht wirklich weinen musst.

Donnerstags ist Ladies’ Day im Laden mit Träumen und Sex und Liebe vorne an der Kreuzung, du siehst weder Ladies noch Träume, Sex oder Liebe davor oder darin. Du hast dich beim Straße überqueren bei dem Gedanken ertappt, wirklich wissen zu wollen, wie man Blutungen in Menschen stillen kann und wie Herr C deswegen wohl den Kopf geschüttelt hätte, würdest du deinen noch ein Mal pro Woche bei ihm auskippen müssen. Mittlerweile gäbe es von dir ein schelmisches Lachen.

Die kleinen Scherben auf dem Mittelstreifen im Scheinwerferlicht, als wäre auf einmal alles Gold, trotz Berlin im Winter. Du trägst keine Brille mehr, irgendetwas zwischen Hagel und feinem Regen. Auf die Ferne kannst du nichts sehen, nimmst hin, dass Farben verschwimmen. Eine Art natürlicher Bokeh-Effekt, du bist sehr ruhig. Früher wäre es ein Gefühl wie bei „Der fremde Freund“ gewesen, heute hast du wieder ganz dringend das Bedürfnis zu laufen.

„oh, this fever is like Rome
everything leads right back to it.“
(Kraków Loves Adana – The Day The Internet Died)

190102

Du stehst also unter dem Stahlbogen der einen Brücke über die Spree, da kann dir kein Raketenrest auf den Kopf fallen, kein Glas, da ist eben Stahl und irgendwo dahinter Feuerwerk. Moabit. Eine Frau radelt unbeirrt durch kleine Explosionen und dichten Rauch. 
Die letzten vier Wochen und vor allem die letzte davon lässt du dir durch den Kopf gehen, während du in den Himmel starrst. Leise, manchmal laut, ein Leuchten zwischen deinen Fingerspitzen. Ein stetes Beben. Sich erinnern an das Beben vor einem Jahr und wie sehr du damit gewachsen bist, auch an deinem eigenen.

Am Samstag auf dem Weg zur Arbeit fast zusammengebrochen, du hast dich festgehalten an den Rillen in den Holztischen, hast beinahe geschrien vor Schmerz und dann den ganzen Nachmittag und Abend verschlafen mit Revoluzzer-Unterleib. Lange her, all das, das letzte Mal vor zwei Jahren, da war noch Sommer, du lagst im Bad wie ein Knäuel, fast stabile Seitenlage, immer den Kopf auf den Fliesen. Aber heute ist Samstag, Tag zwei von fünf, das geht hoffentlich alles bald vorbei.
In der Nacht willst, wolltest du sehen, viel bei diesem Beben stehen. Du stellst fest, dass diese Woche nicht deine beste ist, auch wenn du Sehnsucht hast. Dabei ist es nur der Beginn der anderen Seite der Stadt, nicht eine andere.
Dann auf einmal ein Knick. Stille.

Die Dame im Parfumladen wünscht dir ebenso ein gutes neues Jahr, sie erkennt dich von deinem letzten Besuch. Es riecht nach zu viel zu schwerem Duft, im Nebenraum Plastikblumen, opulent.

„yes, I’ll come back to you
no, I won’t ask where you run“
(DIIV – Under The Sun)