190327

6

Hast du nach den Ecken und Kanten gesucht, die Rundungen in einem Menschen so erfühlt wie das Dunkle? Das, von dem du dachtest, es fast schmecken zu können? Hast du dich dafür entschieden, es trotzdem zu versuchen, hast du eventuell ständig darüber geschrieben, niemandem davon erzählt und erhofft, dich würde jemand von sich aus danach fragen? Konntest du dir den Bauch kaum halten vor lachen, konntest du vergleichen mit dem wechselhaften Wetter im Frühling mit Frizz, dachtest du an die Geburtstage derer, die dich an April erinnern?
Wurdest du um Zeit gebeten und hast deinen Augen dabei zugesehen, wie sie von grün zu grau zu grün gesprungen sind, ganz ohne Augenlidzucken?
Musstest du schonmal über den Gedanken den Kopf schütteln, über dich in der dritten Person zu schreiben, nur um von dir erzählen zu können ohne dich hinterm Sofa hervorholen zu müssen? Vermisst du gelegentlich die Art und Weise, wie du schreiben konntest und hinterfragst, wie viel davon Krankheit war? Genießt du die Momente mit deinen Freunden und Städten einfach so sehr, dass du nichts verpassen möchtest, dass etwas zu dokumentieren die Gefahr birgt, eben doch etwas wertvolles vorbeiziehen zu lassen? Oder lernst du immer wieder von vorn wie das geht mit dem Finden der Balance zwischen Wertschätzung und Erinnerung?

Hast du Fragen gestellt und Antworten bekommen und es sind noch mehr Fragen und Antworten übrig geblieben?

“They say the hearts and minds are on your side.“
(boygenius – Salt in the Wound)

190319

5

Da sitzt du also in einem A320 auf der Startbahn in Tegel, hörst wie die Turbinen ihre Leistung erhöhen und kannst an nichts anderes als deine Waschmaschine denken. Hast sie angestarrt vor ein paar Tagen, ihr beim Tanz über die Fliesen zugesehen und dich gefragt, wie oft du in der einen Launderette Marchmont St. Ecke Tavistock Pl. gesessen und den Frontladern zugesehen hast.
Auf einmal kommt sehr viel auf dich zu, als wärst du nie gegangen, hättest ein Stück Kopf dort gelassen. Kannst fast mit verschlossenen Augen durch dein altes Viertel gehen, du kennst noch alle Pubs, weißt, wo der Eingang zum Kino ist, wo im Supermarkt die Digestives stehen. Es ist, als wärest du nur kurz weggewesen, nicht zuhause, nie. Es ist gut, denkst du dir, da ist ein Zurück, vielleicht, immer, da ist ganz viel Sehnsucht gemischt mit Sehnsucht nach Berlin, da ist auf einmal sehr viel drin. N und du sitzen eine Zeit lang im Barbican in der Sonne, Mitte Februar, als wären Geckos an euch verlorengegangen. D zeigt dir, was sich verändert hat, zehn Jahre später und die gleichen Menschen öffnen sich für dich, du, jetzt etwas fester im eigenen Sattel und in dem was du willst.
Du musst dich erst wieder sortieren nachdem du zurückkommst, aber du denkst dir, dass du gerne als Ärztin länger vorbeischauen würdest. Berlin.

Ein Tag so warm, als wäre im Park etwas übergeschwappt, so viele Menschen sind es. Als wäre es wie im Schwimmbad, in einem Becken, das zu viel Wasser führt und jemand springt lachend hinein. Ein Aufatmen, das noch dazu. Aber dann auch: diese Berliner Sonnenuntergänge im Frühling, Gradienten hinter Kurve 2327, auf dich wartet jemand mit einem Lachen an der anderen Seite der U1 und du schon lange noch auf jemand anderen.
Deine Oma hat dir immer gesagt, dass du abwarten sollst mit dem Aufatmen bis Ostern vorbei ist, nein, bis Mitte April vorbei ist, aber erst ab dem fünfzehnten, nicht schon dem Tag davor. Es könnte schließlich noch Frost kommen.

Sich daran erinnern, dass man vom Park um die Ecke aus sogar das Radar vom Tempelhofer Feld sehen kann. Als hätte man das erste Mal die Welt erblickt, die U2 legt sich in die Kurve. Dann wieder, gerade in Charlottenburg, du bist weit weg, du bist zu weit weg, zu weit weg für eben diesen Moment, für jetzt, nicht für immer. Das eine fändest du schön, ja. Change the pace, denkst du dir.

Ein Gefühl als würde deine Luft ohne Vorbereitung für einen Zehnkilometerlauf ausreichen. Du kannst dich noch nicht ganz entscheiden, ob es nun nach Frühling oder Regen oder abgeschalteter Heizung riecht.

„This world is gonna end / but till then / I’ll give you everything I have.“
(Sam Fender – Hypersonic Missiles)