190414

9

Makrophagen, die deine Tinte am richtigen Platz halten, die untergehen und deren Trümmer wiederum gefressen werden von Makrophagen, die deine Tinte am richtigen Platz halten. Eine Art Erneuerung. Weißt du, rund alle zehn Jahre bist du fast komplett neu, selbst in deinen Knochen. Ein steter Umbau, wie ein Maulwurf, der sich durchs Erdreich scharrt, eventuell kannst du es hören, wenn du ganz leise bist, bei dir, aber vorrangig leise. Oder hast du dich schonmal darüber gewundert, dass du deine Augen nie komplett, so wirklich komplett, schließen kannst, sodass ohne Hilfsmittel wirklich alles schwarz wird?

Die Bäume so schwer vor Blüten, als könnten Sie es kaum fassen oder tragen oder als hätten sie nie gehört, wie manches leise anfängt und dann Fahrt aufnimmt. Lampen dabei zuhören, welche Art von Geräusch sie machen, wenn sie eingeschaltet werden. Wie du dich mit geschlossenen Augen durch Treppenhäuser bewegst. 

Seit ein paar Jahren habe ich ihn nicht gesehen und S fragt, wie es mir geht. Er hat mir damals geholfen, zu meiner ersten Therapie zu kommen. Darauf kann man stolz sein, erwidert er, als ich sage, ich bin seit fast zwei Jahren gesund. In Retrospektive spült sich ein Tomte Lied nach dem anderen durch mein Gehirn. Den Abend davor ein Serienfinale gesehen und die Nacht fast durchgeweint, nicht aus Trauer, vielmehr weil ich auf einmal wusste, dass Liebe mich in Menschenform umgeben hat, selbst als ich tief im Nichts gesteckt habe. Dass sie fast alle geblieben sind.

A sagt, ich hätte ruhig ins Auswärtige Amt gehen sollen, er hätte es da vierzig Jahre sehr angenehm gefunden. Du hättest mir davon erzählen können, wie es kommt, dass manche zwischen Start und Stop hin und her wechseln, während in den Gärten die Magnolien wuchern als könnte es nie ein Ende geben. 11281 Days on Earth.

„Out of the blaze I dive.“
(Palace – Martyr)

190404

8

(ich)

Es gibt da dieses eine Ding, von dem ich nicht genau weiß, ob es sich um Wachstumsschmerz oder Vorsicht handelt. Ob es überhaupt Schmerz ist oder eher Wachstumsmuskelkater, ähnlich dem in meinen Oberschenkeln, ähnlich dem Gefühl in meinen Lungen. So wie ich mir das Herausbrechen aus einem Kokon vorstelle. Dieses eine Ding kommt beinahe aus dem Nichts und auch wenn ich nicht weiß, ob es gut ist und wann es wieder geht, ist es nicht gefährlich.
Es gehört dazu, es ist, als würde das Bauchgefühl von innen nach außen schreien, kurz vor Sehnsucht. Natürlich habe ich schon immer darüber geschrieben. Du hast dir Zeit gelassen, denke ich, ich stehe seit ein paar Minuten am Bordstein der Straße, in der die Busse gelegentlich in Kolonnen kommen.
Eventuell erkennen wir uns immer wieder, dieses Ich von vor zwei Jahren, einem Jahr, was dieses Ich versuchen wollte, welche Grammatikfehler dieses Ich jetzt macht, wenn es emotional ist, weniger wohl überlegt. Das wird alles schon, auch du darfst mal ungeduldig laut sein – ich darf das sagen, ich habe fast immer nur gewartet.

(hier)

Um 20:23 schalten sie das Licht für den Weg von der U-Bahn zum Park an. Plötzlich ein Hintergrundgeräusch, immer deutlicher, mehr im Vordergrund, auf einmal so klar, als hätte mich jemand aus dem Wasser gezogen, ohne, dass ich je im Landwehrkanal geschwommen wäre.
Dann kommen Schotter, Kopfsteinpflaster und Gehwegplatten unter denen die Bäume ihre Wurzeln heben. Telefonierende Menschen, wild gestikulierend, auf ihnen stehend. In einem Haus an meiner Packstation tanzen sie Ballet; Pirouetten und Plié am geöffneten Fenster, Klassik, ich bin kurz davor, den Komponisten auszumachen.

(die anderen)

In Gespräche eintauchen als würde ich Schichten abstreifen, sie sind nicht zu überhören. Tor geschlossen, Fuhrpark voll, sie haben noch ihre Uniform an, den gelb-roten Fleece – morgens war es wohl doch noch etwas zu kalt. Der eine hat kurze Haare, sie wirken licht, beim anderen sind sie dicht und dick, bis auf diese eine Stelle am Hinterkopf. Vielleicht trägt er im Winter Mütze, hoffentlich cremt er sich immer ein. Du weißt schon, Ohren und Nase hören auch im Alter nicht auf zu wachsen. Die beiden Männer reden über den Welle-/Teilchen-Dualismus, das Doppelspaltexperiment, Wellenüberlagerung und ich denke an den Test und wie die Uhr herumrennt.
Als könnte es nichts Schöneres geben. Aber da ist dieses Ding wieder. Als könnte ich nicht greifen, ob ich mich gerade einfach nur freue oder ob gleich etwas passiert. Der Moment vor dem Loslaufen. 3, 2, 1, und los. 

Eventuell liegt es aber auch am dramatischen Himmel, kurz vorm Lila an der Kreuzung. Ich werde dich lange nicht gesehen und trotzdem wieder erkannt haben.

(Kiasmos – Shed)

190402

7

Es riecht nach Sommerregen auf dem Weg zum U2-Bogen, das Geräusch von Schritten auf Kieselsteinen, zugeschlagene Autotüren, die Stadt kurz vor zu ruhig. Sie hupen übereinander, weil sie aneinander nicht vorbeikommen.
Du starrst auf die eine Seite des Waggons, durchs Fenster, durch die alten Versionen des Brandenburger Tors, das mit der falschen Perspektive an allen Säulen und der Quadriga in Wurstform; der Geruch von Rauchern an deiner Nase und die Schatten des Tors auf deinen Armen. Etwas anders hast du dir den letzten Monat schon vorgestellt, mehr nach vorne, weniger zurück.

T sagt, man soll das Gefühl umarmen, sonst umarmt es im Schlechten einen selbst wie Stacheldraht. Du beobachtest die Reflexion der S-Bahn gen Osten am Bürokomplex, der dramatische Berliner Himmel brennt so sehr wie das, was in dir wütet. Du hörst deinen Freunden dabei zu, wie sie für dich verstehen wollen und gelegentlich möchtest du wissen, was Herr C sagen würde, würdest du bei ihm noch deinen Kopf ausschütteln gehen.
Die Barmherzigkeit thront hinter den Katakomben, die dich wundern lassen, ob du in einem Schwimmbad oder einer Bibliothek bist. Während man die Frage nach dem Jetzt mit Zäunen und Kränen umstellt hat, schwebst du zu Hedwig für einen kleinen Besuch. Irgendetwas zwischen das war einmal und gut, dass es nie mehr so ist; das Haus mit den Einschusslöchern wenige hundert Meter weiter, von dem du dachtest, es sei wie du. Den Kokon hast du jedoch schon lange abgelegt und du kommst nur noch vorbei, wenn du nicht fassen kannst, wie gut du dich akklimatisiert hast an das Leben, vor dem du früher weggelaufen bist. Generell, wie oft und nachhaltig du weggerannt bist. Life says: here I am and here be danger ist mittlerweile keine Drohung mehr. Oh, wenn du, ja, Du, das nur auch wüsstest. Es könnte eine Berührung werden. Für dein Martenitsa suchst du noch einen blühenden Baum am Wasser.

„Det är inte hur man har det, det är hur man tar det och när man längtar tar saker tid.“
(Markus Krunegård – Ibland Gör Man Rätt, Ibland Gör Man Fel)