190404

8

(ich)

Es gibt da dieses eine Ding, von dem ich nicht genau weiß, ob es sich um Wachstumsschmerz oder Vorsicht handelt. Ob es überhaupt Schmerz ist oder eher Wachstumsmuskelkater, ähnlich dem in meinen Oberschenkeln, ähnlich dem Gefühl in meinen Lungen. So wie ich mir das Herausbrechen aus einem Kokon vorstelle. Dieses eine Ding kommt beinahe aus dem Nichts und auch wenn ich nicht weiß, ob es gut ist und wann es wieder geht, ist es nicht gefährlich.
Es gehört dazu, es ist, als würde das Bauchgefühl von innen nach außen schreien, kurz vor Sehnsucht. Natürlich habe ich schon immer darüber geschrieben. Du hast dir Zeit gelassen, denke ich, ich stehe seit ein paar Minuten am Bordstein der Straße, in der die Busse gelegentlich in Kolonnen kommen.
Eventuell erkennen wir uns immer wieder, dieses Ich von vor zwei Jahren, einem Jahr, was dieses Ich versuchen wollte, welche Grammatikfehler dieses Ich jetzt macht, wenn es emotional ist, weniger wohl überlegt. Das wird alles schon, auch du darfst mal ungeduldig laut sein – ich darf das sagen, ich habe fast immer nur gewartet.

(hier)

Um 20:23 schalten sie das Licht für den Weg von der U-Bahn zum Park an. Plötzlich ein Hintergrundgeräusch, immer deutlicher, mehr im Vordergrund, auf einmal so klar, als hätte mich jemand aus dem Wasser gezogen, ohne, dass ich je im Landwehrkanal geschwommen wäre.
Dann kommen Schotter, Kopfsteinpflaster und Gehwegplatten unter denen die Bäume ihre Wurzeln heben. Telefonierende Menschen, wild gestikulierend, auf ihnen stehend. In einem Haus an meiner Packstation tanzen sie Ballet; Pirouetten und Plié am geöffneten Fenster, Klassik, ich bin kurz davor, den Komponisten auszumachen.

(die anderen)

In Gespräche eintauchen als würde ich Schichten abstreifen, sie sind nicht zu überhören. Tor geschlossen, Fuhrpark voll, sie haben noch ihre Uniform an, den gelb-roten Fleece – morgens war es wohl doch noch etwas zu kalt. Der eine hat kurze Haare, sie wirken licht, beim anderen sind sie dicht und dick, bis auf diese eine Stelle am Hinterkopf. Vielleicht trägt er im Winter Mütze, hoffentlich cremt er sich immer ein. Du weißt schon, Ohren und Nase hören auch im Alter nicht auf zu wachsen. Die beiden Männer reden über den Welle-/Teilchen-Dualismus, das Doppelspaltexperiment, Wellenüberlagerung und ich denke an den Test und wie die Uhr herumrennt.
Als könnte es nichts Schöneres geben. Aber da ist dieses Ding wieder. Als könnte ich nicht greifen, ob ich mich gerade einfach nur freue oder ob gleich etwas passiert. Der Moment vor dem Loslaufen. 3, 2, 1, und los. 

Eventuell liegt es aber auch am dramatischen Himmel, kurz vorm Lila an der Kreuzung. Ich werde dich lange nicht gesehen und trotzdem wieder erkannt haben.

(Kiasmos – Shed)

190402

7

Es riecht nach Sommerregen auf dem Weg zum U2-Bogen, das Geräusch von Schritten auf Kieselsteinen, zugeschlagene Autotüren, die Stadt kurz vor zu ruhig. Sie hupen übereinander, weil sie aneinander nicht vorbeikommen.
Du starrst auf die eine Seite des Waggons, durchs Fenster, durch die alten Versionen des Brandenburger Tors, das mit der falschen Perspektive an allen Säulen und der Quadriga in Wurstform; der Geruch von Rauchern an deiner Nase und die Schatten des Tors auf deinen Armen. Etwas anders hast du dir den letzten Monat schon vorgestellt, mehr nach vorne, weniger zurück.

T sagt, man soll das Gefühl umarmen, sonst umarmt es im Schlechten einen selbst wie Stacheldraht. Du beobachtest die Reflexion der S-Bahn gen Osten am Bürokomplex, der dramatische Berliner Himmel brennt so sehr wie das, was in dir wütet. Du hörst deinen Freunden dabei zu, wie sie für dich verstehen wollen und gelegentlich möchtest du wissen, was Herr C sagen würde, würdest du bei ihm noch deinen Kopf ausschütteln gehen.
Die Barmherzigkeit thront hinter den Katakomben, die dich wundern lassen, ob du in einem Schwimmbad oder einer Bibliothek bist. Während man die Frage nach dem Jetzt mit Zäunen und Kränen umstellt hat, schwebst du zu Hedwig für einen kleinen Besuch. Irgendetwas zwischen das war einmal und gut, dass es nie mehr so ist; das Haus mit den Einschusslöchern wenige hundert Meter weiter, von dem du dachtest, es sei wie du. Den Kokon hast du jedoch schon lange abgelegt und du kommst nur noch vorbei, wenn du nicht fassen kannst, wie gut du dich akklimatisiert hast an das Leben, vor dem du früher weggelaufen bist. Generell, wie oft und nachhaltig du weggerannt bist. Life says: here I am and here be danger ist mittlerweile keine Drohung mehr. Oh, wenn du, ja, Du, das nur auch wüsstest. Es könnte eine Berührung werden. Für dein Martenitsa suchst du noch einen blühenden Baum am Wasser.

„Det är inte hur man har det, det är hur man tar det och när man längtar tar saker tid.“
(Markus Krunegård – Ibland Gör Man Rätt, Ibland Gör Man Fel)

190327

6

Hast du nach den Ecken und Kanten gesucht, die Rundungen in einem Menschen so erfühlt wie das Dunkle? Das, von dem du dachtest, es fast schmecken zu können? Hast du dich dafür entschieden, es trotzdem zu versuchen, hast du eventuell ständig darüber geschrieben, niemandem davon erzählt und erhofft, dich würde jemand von sich aus danach fragen? Konntest du dir den Bauch kaum halten vor lachen, konntest du vergleichen mit dem wechselhaften Wetter im Frühling mit Frizz, dachtest du an die Geburtstage derer, die dich an April erinnern?
Wurdest du um Zeit gebeten und hast deinen Augen dabei zugesehen, wie sie von grün zu grau zu grün gesprungen sind, ganz ohne Augenlidzucken?
Musstest du schonmal über den Gedanken den Kopf schütteln, über dich in der dritten Person zu schreiben, nur um von dir erzählen zu können ohne dich hinterm Sofa hervorholen zu müssen? Vermisst du gelegentlich die Art und Weise, wie du schreiben konntest und hinterfragst, wie viel davon Krankheit war? Genießt du die Momente mit deinen Freunden und Städten einfach so sehr, dass du nichts verpassen möchtest, dass etwas zu dokumentieren die Gefahr birgt, eben doch etwas wertvolles vorbeiziehen zu lassen? Oder lernst du immer wieder von vorn wie das geht mit dem Finden der Balance zwischen Wertschätzung und Erinnerung?

Hast du Fragen gestellt und Antworten bekommen und es sind noch mehr Fragen und Antworten übrig geblieben?

“They say the hearts and minds are on your side.“
(boygenius – Salt in the Wound)

190319

5

Da sitzt du also in einem A320 auf der Startbahn in Tegel, hörst wie die Turbinen ihre Leistung erhöhen und kannst an nichts anderes als deine Waschmaschine denken. Hast sie angestarrt vor ein paar Tagen, ihr beim Tanz über die Fliesen zugesehen und dich gefragt, wie oft du in der einen Launderette Marchmont St. Ecke Tavistock Pl. gesessen und den Frontladern zugesehen hast.
Auf einmal kommt sehr viel auf dich zu, als wärst du nie gegangen, hättest ein Stück Kopf dort gelassen. Kannst fast mit verschlossenen Augen durch dein altes Viertel gehen, du kennst noch alle Pubs, weißt, wo der Eingang zum Kino ist, wo im Supermarkt die Digestives stehen. Es ist, als wärest du nur kurz weggewesen, nicht zuhause, nie. Es ist gut, denkst du dir, da ist ein Zurück, vielleicht, immer, da ist ganz viel Sehnsucht gemischt mit Sehnsucht nach Berlin, da ist auf einmal sehr viel drin. N und du sitzen eine Zeit lang im Barbican in der Sonne, Mitte Februar, als wären Geckos an euch verlorengegangen. D zeigt dir, was sich verändert hat, zehn Jahre später und die gleichen Menschen öffnen sich für dich, du, jetzt etwas fester im eigenen Sattel und in dem was du willst.
Du musst dich erst wieder sortieren nachdem du zurückkommst, aber du denkst dir, dass du gerne als Ärztin länger vorbeischauen würdest. Berlin.

Ein Tag so warm, als wäre im Park etwas übergeschwappt, so viele Menschen sind es. Als wäre es wie im Schwimmbad, in einem Becken, das zu viel Wasser führt und jemand springt lachend hinein. Ein Aufatmen, das noch dazu. Aber dann auch: diese Berliner Sonnenuntergänge im Frühling, Gradienten hinter Kurve 2327, auf dich wartet jemand mit einem Lachen an der anderen Seite der U1 und du schon lange noch auf jemand anderen.
Deine Oma hat dir immer gesagt, dass du abwarten sollst mit dem Aufatmen bis Ostern vorbei ist, nein, bis Mitte April vorbei ist, aber erst ab dem fünfzehnten, nicht schon dem Tag davor. Es könnte schließlich noch Frost kommen.

Sich daran erinnern, dass man vom Park um die Ecke aus sogar das Radar vom Tempelhofer Feld sehen kann. Als hätte man das erste Mal die Welt erblickt, die U2 legt sich in die Kurve. Dann wieder, gerade in Charlottenburg, du bist weit weg, du bist zu weit weg, zu weit weg für eben diesen Moment, für jetzt, nicht für immer. Das eine fändest du schön, ja. Change the pace, denkst du dir.

Ein Gefühl als würde deine Luft ohne Vorbereitung für einen Zehnkilometerlauf ausreichen. Du kannst dich noch nicht ganz entscheiden, ob es nun nach Frühling oder Regen oder abgeschalteter Heizung riecht.

„This world is gonna end / but till then / I’ll give you everything I have.“
(Sam Fender – Hypersonic Missiles)

190131

4

J sagt, beim Jackenkauf sollte man darauf achten, dass die Luft nicht von unten oder in die Ärmel hineinkommen kann, sonst sei man beim Radfahren ein Michelin-Männchen und wird krank. Du musst ihn dir also vorstellen, wie er auf dem Rad sitzt und ein riesiger gelber Plastikballon mit Schlaucharmen ist. Gelb wie die Haltestangen in den Bussen, nach zwanzig Uhr ist der Tiergartentunnel auch eher leer, Pendler vorbei. Über allem thronen 21 Etagen, CHARITÉ HEISST BARMHERZIGKEIT und du, wie du auf der einen Seite der Stadt ins Fernweh blickst.

Du seist ein Vulkan, meint F, du wunderst dich ein wenig, dann nickst du und schüttelst gleichzeitig den Kopf. Dieser eine Teil Islands, aus dem immer wieder neues Land entsteht, so eher, denkst du, möglicherweise wächst du dann doch mehr als zweieinhalb Zentimeter pro Jahr. Ein Inneres wie der Mittelatlantische Rücken. Du hörst deinen Puls im rechten Ohr, vielleicht Tinnitus, ein interessantes Pulsieren vielmehr. Wenn du es kannst, magst du dem, der dich berühren darf, dein Ohr auf den nackten Oberkörper legen. Rauschen, ziehen, pochen, tiefe Stimme, manchmal auch der Bauch und dessen Peristaltik.

Ragout fin. Ragout Feng. Du stehst im Supermarkt und zitterst, weil du auf einmal nur noch frieren kannst. Die nächsten Tage schläfst du viel, beim Hausarzt schaut man noch, ob du Probleme mit den Nerven hast. Du kannst nie ernst bleiben und nicht lachen, wenn sie deine Pupillenreflexe testen, wenn du auf einer Linie laufen sollst, wenn du dir vorkommst wie eine Grobmotorikerin. Drehschwindel, so ein bisschen, nicht ganz, nicht sehr, liegen ist toll.

„Mein Magen tut mir weh, ich will nicht allein sein.“
(International Music – Du Hund)

190116

3

Nach der Sauna drehst du dich vor dem Spiegel um. Ein Dreieck, hinten links, auf dem Gluteus maximus. Schulterblatt rechts, dein Tierkreiszeichen. Wenn du lange genug suchst, findest du bestimmt auch Punkt-zu-Punkt Bilder, die wie ein Bett aussehen.
Mittlerweile weißt du, wie die Stimmungen aussehen, durch die du dich bewegst. Du denkst an Wellenformen, an Rauschen, bis vor einiger Zeit nicht an ein sanftes, stetes, kaum bemerkbares Schaukeln. S sagt, deine Stimmung wirkt seit sehr langer Zeit immer sehr stabil, keine Ausschläge nach oben oder unten, vielleicht ist das eine Emanzipation von dir selbst. Das meiste machst du mit dir aus, mit dir und deinem Skizzenbuch. Wenn du zu viel schreibst, ist etwas im Argen, gibt es irgendwo ein Ungleichgewicht. „I hurt more when I write.“ Dein Vater und du, wie ihr über das Wechseln von Autoreifen sprecht und du, wie du dich gefühlt hast, als du emotional nur auf drei Rädern unterwegs warst. Introspektion, denkst du dir, muss man sich erarbeiten – du hattest in Begleitung sechs Jahre dafür Zeit. Sortieren kann nur gut sein, irgendwann ist es aber auch mal alles in Ordnung.

M sagt, du seist sehr lange nicht mehr so hyper gewesen; in deinem Kopf Pneumothorax und Spannungspneumothorax und wie du manchen Menschen noch viel mehr erzählen willst, mehr als nur Brotkrummen hinwerfen magst.

Samstage zerschneiden dir das Zeitgefühl, auf einmal dreißig Stunden Schlaf am Stück, eventuell war das ein Kranksein, eventuell hast du weder etwas gegessen noch getrunken. Cholecalciferol markiert den Beginn, eine Wochendosis Kreta. Hunderterpack, du willst während der Parlamentsdebatte durch den Bildschirm schreien. Fifty Shades of Wrong.
Bell Yard, Royal Courts of Justice, Bond Street, Waterloo Bridge und zurück nach Southampton Row. Sie fragen, wieso du nicht öfter an der Themse bist und du nur entgegnest, dass du so schon genug Heimfernweh hast. Einen Tag später sitzt du also wieder vorm Bildschirm und willst durch ihn steigen, denkst an die ältere Dame aus dem House of Lords, die von Generationen nach ihr spricht, du hast die Selbstverständlichkeiten im Kopf mit denen du aufgewachsen bist. Keine Grenzen, ein Zusammenrücken.

„take off your layers“
(Charlotte Hatherley – Alexander

190109

2

Armageddon, denkst du dir, dieser unsägliche Film, dessen Titelmusik sich gerade aus unerklärlichen Gründen durch deinen Kopf walzt. Die Heizung im Bad geht wie immer nicht, es ist Mittwoch, 7:55Uhr, zu kalt, Dusche heiß, fast Sauna. Generell, Sauna wäre mal wieder etwas. Du erinnerst dich an diesen einen abgefahrenen Traum, den du vor fast exakt drei Jahren hattest, das war einer mit David Bowie und einer Rakete und einer Soyuz-Kapsel, wartend auf dich hinter dem Haus deiner Eltern. Auf der Streuobstwiese, da, wo du seit Jahren nicht mehr warst. Bowie, wie er sich mit dir unterhielt, wie er sagte, „I’m dead but don’t tell anyone yet“ und du, wie du aufwachst und die Tagesschau dich darüber informiert, Bowie sei den Tag zuvor verstorben. Zeitunterschied, Lazarus. Vor dem Haus, an dem du zwei Mal die Woche vorbei musstest, ein Blumenmeer. Dir rinnt das Shampoo in die Augen – die sind wieder grün.

Mit C kommst du sehr kurz ins Gespräch, aber sie erzählt dir aus ihrem Leben und von ihren Herausforderungen mit Geschlecht und Gesellschaft. Du unterhältst dich mit ihr über Sprache und ob sie in einer anderen denkt, wenn sie aufgeregt ist oder emotional. Englisch schafft bei dir ein wenig Abstand, kannst damit besser sortieren, auf Schwedisch fluchst oder liebst du, auf Deutsch ist fast alles andere. Und Französisch? Arthur est un perroquet. Man muss eine Sprache oder einen Menschen, sagt C, schon sehr nah an sich heranlassen, damit man wegen ihr emotional wird. Du nickst, sie lacht, dann erzählt sie dir von ihren traurigsten Erlebnissen, du nimmst sie an wie ein Buch, das einen zum Weinen bringt. Du stellst es später ins Regal, damit du nicht wirklich weinen musst.

Donnerstags ist Ladies’ Day im Laden mit Träumen und Sex und Liebe vorne an der Kreuzung, du siehst weder Ladies noch Träume, Sex oder Liebe davor oder darin. Du hast dich beim Straße überqueren bei dem Gedanken ertappt, wirklich wissen zu wollen, wie man Blutungen in Menschen stillen kann und wie Herr C deswegen wohl den Kopf geschüttelt hätte, würdest du deinen noch ein Mal pro Woche bei ihm auskippen müssen. Mittlerweile gäbe es von dir ein schelmisches Lachen.

Die kleinen Scherben auf dem Mittelstreifen im Scheinwerferlicht, als wäre auf einmal alles Gold, trotz Berlin im Winter. Du trägst keine Brille mehr, irgendetwas zwischen Hagel und feinem Regen. Auf die Ferne kannst du nichts sehen, nimmst hin, dass Farben verschwimmen. Eine Art natürlicher Bokeh-Effekt, du bist sehr ruhig. Früher wäre es ein Gefühl wie bei „Der fremde Freund“ gewesen, heute hast du wieder ganz dringend das Bedürfnis zu laufen.

„oh, this fever is like Rome
everything leads right back to it.“
(Kraków Loves Adana – The Day The Internet Died)

190102

Du stehst also unter dem Stahlbogen der einen Brücke über die Spree, da kann dir kein Raketenrest auf den Kopf fallen, kein Glas, da ist eben Stahl und irgendwo dahinter Feuerwerk. Moabit. Eine Frau radelt unbeirrt durch kleine Explosionen und dichten Rauch. 
Die letzten vier Wochen und vor allem die letzte davon lässt du dir durch den Kopf gehen, während du in den Himmel starrst. Leise, manchmal laut, ein Leuchten zwischen deinen Fingerspitzen. Ein stetes Beben. Sich erinnern an das Beben vor einem Jahr und wie sehr du damit gewachsen bist, auch an deinem eigenen.

Am Samstag auf dem Weg zur Arbeit fast zusammengebrochen, du hast dich festgehalten an den Rillen in den Holztischen, hast beinahe geschrien vor Schmerz und dann den ganzen Nachmittag und Abend verschlafen mit Revoluzzer-Unterleib. Lange her, all das, das letzte Mal vor zwei Jahren, da war noch Sommer, du lagst im Bad wie ein Knäuel, fast stabile Seitenlage, immer den Kopf auf den Fliesen. Aber heute ist Samstag, Tag zwei von fünf, das geht hoffentlich alles bald vorbei.
In der Nacht willst, wolltest du sehen, viel bei diesem Beben stehen. Du stellst fest, dass diese Woche nicht deine beste ist, auch wenn du Sehnsucht hast. Dabei ist es nur der Beginn der anderen Seite der Stadt, nicht eine andere.
Dann auf einmal ein Knick. Stille.

Die Dame im Parfumladen wünscht dir ebenso ein gutes neues Jahr, sie erkennt dich von deinem letzten Besuch. Es riecht nach zu viel zu schwerem Duft, im Nebenraum Plastikblumen, opulent.

„yes, I’ll come back to you
no, I won’t ask where you run“
(DIIV – Under The Sun)

181009

Neunter September

Südbahn Tempelhofer Feld, 17:45
Die Tonne brennt, Grillkohle und Feuerwehr. Ich stehe und rolle auf einem Brett, nachdem ich jahrelang Gleichgewichtsprobleme hatte.
Wir hören mehrere Schüsse am Neuköllner Ende des Feldes, sind überrascht und denken an Schreckschusspistolen – L, M und ich schauen einander fragend an. Mehrere Menschen schreien, die Halbstarken von Gegenüber fahren mit Fahrrädern hin, „ey, lass mal glotzen“ schreiend. Ich scrolle durch Twitter. Martinshorn, viel.

Hauptbahnhof, 19:33
Warte darauf, J in die Arme zu nehmen. Der ICE fährt ein, nach ein paar Momenten laufe ich ihr entgegen.

Zehnter September

Kantstraße, 15:40
J und ich stehen vor einer altertümlichen Auslage. Große Parfumflaschen und Plastikblumen. Vor lauter verschiedenen starken Gerüchen brennt es mir die Geruchsrezeptoren weg.

Elfter September

Tiergarten-Süd, 12:10
Mir ist schummrig und ich will nur noch liegen. Der Wunsch danach, dass manches, das nicht werden will, wird, dass das was nicht wurde, trotzdem wird.

Zwölfter September

Tiergarten-Süd, 11:11
J ist auf dem Weg zurück und ich weiß nicht genau, wie ich helfen kann.

Dreizehnter September

Tiergarten-Süd, 17:12
In der Badewanne liegen mit Schüttelfrost, Fieber. Nicht konzentrieren können.

Vierzehnter September

Motzstraße, 12:10
Wartezimmerblues, das erste Mal Blutdruck im Normalbereich seit ich hier Patientin bin. Irgendetwas von Mattigkeit, grippalem Infekt, fühle mich wie mit Männergrippe.

Tiergarten-Süd, 22:40
Finger will ich aufs Philtrum legen oder auf die Kuhlen über und zwischen Schlüsselbeinen, Etwas entlangfahren mit meinen Fingerkuppen, so sanft wie über die ersten Kastanien des Jahres, ich glaube, es wird Herbst. Verpasse alles, liege stattdessen im Bett.

Fünfzehnter September

U3 Wittenbergplatz, 13:22
Ruckeln, warten aufs Aussteigen, ich stelle mich passend vor die Tür. An meinem Rücken bemerke ich, dass es wärmer wird und ich drehe meinen Kopf. Ein Mann, der mich, seit ich eingestiegen bin, beobachtet hat, steht viel zu dicht und unnötig hinter mir, der Waggon ist sonst leer. Traue mich nicht etwas zu sagen, die U-Bahn fährt in den Bahnhof ein, ich muss zum Kurfürstendamm, zu langsam; ein Gefühl der Bedrohung, mir ist etwas schwindelig vom Infekt.
Kurz bevor die U3 steht, spüre ich von dem Mann hinter mir etwas auf Höhe meiner Lendengrube, eine Beule. Ekel. Die Tür geht auf, ich renne fast zur U2 auf dem Gleis gegenüber. Mir ist schlecht.

Sechzehnter September

Leipziger Straße, 13:13
Die Straßen leer nachdem die Marathonläufer abgebogen sind. Eine Mischung aus post-apokalyptischem Szenario und Ruhe. Das Geräusch von hunderten Läufern im gleichen Bereich auf Asphalt. Alles ruhig.

Potsdamer Straße, 13:52
Weniger Läufer als vor zwei Stunden, nur noch ein bisschen mehr als eine Spur belegt. Am Straßenrand sitzen Zuschauer und singen laut zu „Jenny from the Block“ mit.

Siebzehnter September

Magdeburger Platz, 09:45
Wir in der WG haben zu viel Altglas angesammelt.

Tiergarten-Süd, 16:28
Angeblich hat ein Metzger in der Potsdamer Straße den Kassler erfunden, Samuel Fischer traf Besucher an der Ecke zur Bülowstraße, Rowohlt war am Landwehrkanal.
Manchmal fast überfahren in Gedanken vom Wissen um die Füße, die vor Jahrzehnten die gleichen Wege frequentiert haben. Mir fehlt die Neue Nationalgalerie, dieses Bauwerk von Mies hat mich mit seiner Haupthalle gelegentlich traurig, meist aber sehr ruhig gemacht.
Sehe Arbeiten von David Chipperfields Studio und erkenne sie als solche.

Neunzehnter September

Kurfürstendamm, 14:17
Sich übernehmen und den Körper nicht richtig einschätzen können, mir ist schummrig. Ich glaube, ich will mich hinlegen.

Zwanzigster September

Tiergarten-Süd, 22:26
Der Mann, der im Innenhof so komisch widerlich beim Husten zu hören ist, arbeitet am Flughafen Tegel auf dem Rollfeld. Als würde er allen Belag in seinem Mundraum nach außen spülen müssen.

Zweiundzwanzigster September

Tiergarten-Süd, 14:32
Zynismus ist der ultimative Dealbreaker.
Meine Stimme erinnert mich an das Gefühl, das man hat, wenn man mit den Fingernägeln über die feinen Metallgemüseraspeln fährt.

Sechsundzwanzigster September

Okerstraße, 15:00
Die Kreuzung weiter vorn, Bierstuben Eck an Eck, Brockhaus im Taschenbuchformat unten; Bordsteinkanten und riesige Zwischenräume neben Pflastersteinen. E schiebt und ich laufe halb bewundernd, halb entspannt daneben und frage mich, ob sie zur Ruhe kommt.
Ich mag die Gegend mehr als ich möchte, immer noch, dabei habe ich es vor einiger Zeit nur geschafft, nachdenklich aus den Rollberg-Kinos gen U8 zu taumeln.

Siebenundzwanzigster September

Tiergarten-Süd, 13:50
Der Mann am Versorgungskasten starrt mir Löcher in den Körper, eine Art Intermezzo, so als hätte man sich schonmal irgendwo gesehen und gekannt. 

U Wittenbergplatz, 14:09
In der Sonne sitzen und stricken, im Doppelpack.

Alexanderplatz, 15:10
Irgendein Markt, der ans Oktoberfest erinnern soll, aber eigentlich nur die Fortführung des ganzjährigen Weihnachtsmarktes darstellt, füllt den Platz. Er ist ähnlich freundlich wie die Person an der Kaufhof-Kasse, die nur die Leute freundlich behandelt, die überteuerten „edlen“ Alkohol kaufen. Überall der gleiche Name.

Achtundzwanzigster September

Gropius-Bau, 12:47
An dem Sockel bei den Stufen renken sich E und ich ein, sie ihre Hüfte, ich meine Lendenwirbelsäule. E sagt, ich könnte mich sehr weit nach hinten strecken, ich denke an den schwedischen Mathematiker, den ich in Dresden kennengelernt habe, der mir vom Brückenbauen und Analysis erzählt hat. Mir fällt keine Funktion für meinen Rücken ein.

Neunundzwanzigster September

PalaisPopulaire, 15:18
Eine Mischung aus zu eng und zu weitläufig. Leute, die vor Zeichnungen stehenbleiben, direkt davor, das Telefon zum Schreiben via Messengerdienst in der Hand. Dabei wollte ich doch nur Hanne Darboven sehen.

Dreißigster September

Tiergarten-Süd, 00:07
Die Blasey-Ford-Kavanaugh-Anhörung triggert Emotionen, von denen ich nicht wusste, dass sie immer noch so sehr mit Wut verbunden sind. Doppelstandards, Ohnmacht und Rage; mein Unverständnis, dass vieles als „boys will be boys“ entschuldigt wird – sich daran erinnern, wie es war, von einem sexuellen Übergriff, den ich zum Glück unversehrt überstanden habe, zu erzählen, ohne, dass die Person, mein damaliger Therapeut, mir geglaubt hat. Sich dann daran erinnern, wie ich direkt danach war, wie alle, die mich sahen, im Nachgang sagten, sie hätten mich noch nie so erlebt.
Dann, von Fremden, die Fragen: wieso warst du auch alleine auf dem Bahnsteig, wieso warst du nicht dort, wo die Kameraüberwachung war, wieso hast du nicht geschrien? Und die unverschämteste Frage: wenn es so schlimm war, wieso hast du dich nicht gewehrt?
Als wäre mein Recht auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung etwas, für das es für Fremde im öffentlichen Raum einen Verhandlungsspielraum geben würde. Als müsste man immer wieder Leuten erklären, wie unterschiedlich sich Trauma äußert. Als müsste ich mich überhaupt dafür rechtfertigen, dass ich nicht von Fremden auf dem Weg wohinauchimmer wannauchimmer zwischen meinen Beinen oder sonstwo angefasst werden will.

Erster Oktober

Mitte, 12:14
An einem Experiment teilnehmen, bei dem zur Ablenkung Kayak-Herstellungsvideos gezeigt werden. Bei der Fahrt zum Hauptbahnhof eines der herzzerreißendsten Gespräche seit längerer Zeit haben. Die Frage danach, wieso Menschen sich schön fühlen und wieso sie es gelegentlich oder öfter oder nie tun.

Dritter Oktober

Mitte, 22:02
In einem Bad in Mitte stehen und dem Feuerwerk für die Einheitsfeier zuhören. Ein paar wenige Kilometer entfernt der Verlauf der früheren Mauer.

Vierter Oktober

U Bismarckstraße, 20:47
Die einzigen Momente, bei denen ich Farbe im Gesicht habe, sind die nach dem Saunabesuch. Halb rosé angelaufenes Gesicht vor grünen Kacheln; es schreit nach mir, eigentlich schreit es auch ein bisschen nach dir, auch wenn ich nicht weiß, wo du eigentlich hin verschwunden bist. Mir ist nach gedünstetem Gemüse.

Sechster Oktober

City-West, 19:45
T berichtet vom Arinc-Standard in Flugzeugen und von Datenübertragungsraten. Riesige Aluminiumstrukturen im Himmel mit mittelalterlich anmutenden Technologien an Bord, direkt neben mega leistungsfähigen Computern in Smartphoneform. Wir schauen uns Luftbilder von Landebahnen verschiedener Flughäfen an.

Ebenda, 23:55
Manche erzählen von verschwendeter Zeit und wie sie ähnlich loyal geblieben sind in alledem. Mein persönliches „muss einen Tritt finden in meiner Zeitplanung.“ Kavanaugh zum Richter im Supreme Court gewählt und ich kann nicht aufhören wütend zu sein.

Siebter September

S Hermannstraße, 19:45
Das nennt man dann also das Beginnen als Ateliergemeinschaft oder Kollektiv. Die S-Bahn wie eine Schneise schlagende Schlange.

Achter Oktober

Tiergarten-Süd, 13:07
Seit ich Weißensee den Rücken gekehrt habe, zeichne und probiere ich mehr aus als in den letzten zwei Jahren zusammengenommen. Vorhandene Strukturen als Amboss, der über einem schwebt. Als hätte ich mir selbst diesen Amboss abgenommen. Ich will nicht aufhören mich auszutesten.

„I’m gonna keep rolling on“
(Curtis Harding – On and On)

180908

Zwölfter August

Tiergarten-Süd, 06:27
Bettflucht nach dem Vorabend. Finde Bilder, die ich nach dem Zuhause ankommen gemacht habe. Zeichne also Zellen mit und ohne Mikrovilli, wenn ich angetrunken bin. Nur der Golgi-Apparat sieht wie der lieblose Versuch eines Hundehaufens aus.

Neunzehnter August

Tiergarten-Süd, 21:14
Immer wenn ich Sehnsucht habe, beginnt mein Hirn auf Schwedisch zu denken. Ob es hilft „förlåt dig själv“ zu sagen?

Vierundzwanzigster August

Friedrichstraße, 17:30
Häuser von Pierre Koenig im Kopf. Stahl und Glas, Flachbau, Ausblick. Mehr als Quadrate, dann irgendetwas von Sibylle Berg, Meyerhoff und Teju Cole.

Siebenundzwanzigster August

Café Dix, 11:30
Berlinische Galerie und ich schaffe es nicht, nicht wütend zu sein, mich nicht zu schämen wegen meines Herkunftsbundeslandes.
E sagt „you’re a yummy pie, who wouldn’t want to have a piece of you“ und sie lacht dabei.

Achtundzwanzigster August

Gedenkstätte Deutscher Widerstand, 14:39
Bilder von Menschen, die Fremden, Bekannten oder Freunden beim Unterschlupf geholfen oder ihnen einen gegeben haben. Und ein paar hundert Kilometer weiter südlich haben sie Menschen durch die Straßen gejagt.

Neunundzwanzigster August

Tempelhofer Feld, 18:53
Wespen versus Naturradler. Die Südbahn hat mehr Läufer in meinem Tempo, Schnecke. Barfuss, Stroh in Kleinstteilen an meinen Socken.

Am Luftgarten, 20:19
Als würde der Himmel, dunkel, Sonnenuntergang, sich durch die Häuser bohren wie ein Sandsturm.
Panikattacke als Erinnerung an das, was ich vor Jahren hinter mir gelassen habe.

Einunddreißigster August

Sächsische Landesvertretung, 14:24
Zu sagen ich bin wütend ist eine Untertreibung. Im Teil einer Straße sein, in der man im Prinzip eingekesselt ist.

Ebenda, 15:17
Ein Mann mit Deutschlandfahne brüllt in die Redebeiträge der Demo, steht hinter den Polizeibussen. Manche schauen sehr panisch hinter uns alle, die Fotografen rennen. Ich glaube, ich habe Angst gesehen.
Dann erinnere ich mich an den Tag in Dresden, an dem Neonazis Pflastersteine nach mir und weiteren Passanten warfen, die Polizei untätig daneben.

Jungfernbrücke, 15:51
Um die Ecke der Landesvertretung ein alter DDR-Bau, ein paar Meter weiter der Kupfergraben. Zwei schwer bewaffnete Polizisten schauen einem Paar beim Angeln zu. Ein Fisch wird aus dem Wasser gezogen, die Polizisten direkt daneben, als würde gerade ein Schatz gehoben. So stehen sie mehrere Minuten da, die Anglerin lacht unentwegt, ich stehe gegenüber, auf der anderen Seite des Kanals.

Friedrichstraße, 16:30
Ich sortiere LPs, die ich mag, grundsätzlich innerhalb ihres Fachs nach vorne. Vinyl-Guerilla. Bis heute lange nicht mehr wegen eines Liedes auf Anhieb geweint. Dreams can be so cruel sometimes.

Erster September

St. Paulus Kirche, 15:30
Das Brautpaar und meine Freunde und ich, im Slav Squat auf den Stufen vor der Kirche, der Priester macht mit. Danach stehen wir natürlich nochmal brav.

BrewDog, 22:13
Fremde Augen beißen sich am Tresen in mein Gesicht hinein, ich warte auf etwas anderes. Mein Telefon bleibt dunkel.

Vierter September

Tiergarten-Süd, 07:12
Ein Traum, verquer. Eingeschlafen zu Podcasts, aufgewacht, nachdem in meinem Traum ein Hubschrauber mit seiner Kufe am Atomium hängengeblieben ist. Es kippt um. Bin bisher weder in Brüssel gewesen noch habe ich in einem Hubschrauber gesessen.

Fünfter September

Kurfürstendamm, 14:21
Das Buch mit den sechshundert Seiten bewegt Menschen dazu, offensiv ihre Hälse zu renken, zu nicken. Manchmal wollen sie den Titel sehen und fragen danach, weil sie ihn wegen meiner Hand nicht lesen können. Bin verwundert, dass Genetik Leute so zu interessieren scheint.

Sechster September

Mitte/Kreuzberg – 18:17
Im Park so lange auf der Bank sitzen und lesen bis es zu dunkel ist. Dann so richtig einatmen.

Siebter September

Potsdamer Straße, 20:34
Mein Kiez ist sehr rau, denke ich, irgendetwas zwischen Schmirgelpapier und Kärcher. Dann ein Mann in Lederjacke, groß und stämmig, der auf einmal laut „I Wanna Dance With Somebody“ singt. Presse in meinem Kopf „Joy as an Act of Resistance“ in die Melodie des Refrains und kann bis zur Wohnungstür nicht aufhören zu lachen. Laufe konsequenterweise in einen der Poller vor unserem Haus.

Achter September

Tiergarten-Süd, 08:12
Die drei Notizhefte, die ich mit Joy, Love und Time beschriftet habe, als ich über die letzten Monate sinniert habe und der Brief der Rentenversicherung, der mir meine bisher gezahlten Beiträge zeigt. Denke an M, der mir gestern sagte, meine witzige Seite sei die, die man erst beim genauen Hinschauen bemerkt, nach der emphatischen, aber die Mischung mache es so besonders. Ich frage mich, ob ich zu loyal bin, ob das überhaupt geht.
In meinem Gesicht klebt Surgical Tape.

„I can go with the flow
but don’t say it doesn’t matter anymore“
(Queens Of The Stone Age – Go With The Flow)