170101

Es gibt da Dinge, die versetzen einen von einem geschützten Ort im Halbschatten in den Keller. So, als würde man die Palmen vom Balkon oder der Terrasse reinholen, rein in Räume, im schlimmsten Fall in Badezimmer ohne Fenster oder dunkelgestrichene Küchen mit Licht nur in den frühen Morgenstunden. Und manchmal sind da Orkanböen, während du auf einem dieser extra schmalen Bordsteine balancierst.
Weißt du, nicht alle Menschen sind so, dass sie alles sagen, manche warten ab und manche haben da etwas, das sie zurückhält. Und, das weißt du vielleicht auch, jeder Mensch sucht sich selbst aus zu welchem Thema er oder sie am meisten, am durchdringendsten schweigt.

Fast nichts mehr fühlt sich so an, als wäre ich irgendwo unter die Räder gekommen, wenn überhaupt ist es so, als würde man mir Decken beim Schlaf auf den Körper legen. Dann braucht es ein paar Tage, bis ich wieder den Weg hinausgefunden habe, dann ist es wieder gut. Das sind meine einzelnen Teile, die es vielleicht etwas verrückt hat, ein bisschen Schütteln, Ausschütteln, Einatmen, Ausatmen und alles ist wieder fein. Ich rede nur nicht darüber.

Aber dann sagst du das eine und tust das andere und ich weiß nicht wieso.

(Locas in Love – Packeis)

161224

vor ein paar Jahren
(glaube ich)
haben sie mir beigebracht
wie das geht
mit dem Festhalten
an dem
schönen Leben
irgendwann
sage ich mir
irgendwann

(Immanu El – Panda)

161218

Herr B1 ist ungeduldig und der Schritt ist forsch. Er klopft, er stürmt, er ist in unterschiedlichen Farbschichten getarnt. Manche drehen sich etwas um, aber eigentlich schweigen alle. Der Fernseher überträgt VfL Wolfsburg gegen Eintracht Frankfurt. Lothar Matthäus starrt in die Kälte wie ein Tiefseefisch ins Dunkel.
Darunter: drei Snackautomaten – links, futuristisch, der Getränkeautomat, der die Getränke auffängt und zu einer Ausgabestation an der rechten Seite des Gehäuses schiebt: man könnte sogar kontaktlos zahlen, würde es funktionieren; in der Mitte, der klassische Snackautomat, mit Milch und Capri Sonne, Snickers und Paprika Chips; ganz rechts der Kaffeeautomat, der alle möglichen Sorten anbietet und dann eben noch Gemüsesuppe – die ganze Zeit möchte ich mir so etwas kaufen um zu eruieren, ob der Kaffee danach nach Gemüsesuppe schmeckt.
An der Fassade leuchten notfallindizierende Zeichen zur Eingangstür, über der, steht man seitlich und kann es sehen, ein Kreuz angebracht ist, nicht das, das fürs Christentum steht. Von draußen wirkt der Raum trotzdem wie eine Kirche. Mit Snackautomaten und Sitzgruppen und Toiletten, die viele Läufer, die Samstag Spätabends unterwegs zu sein scheinen, nutzen.

Der Fernseher schaltet sich irgendwann aus, es ist unangenehm still. Ich esse ein Snickers und ich kaue wohl sehr laut.

Dann, ein Herr B2, er hat viele Tüten dabei, seine Hose rutscht so halb, er wirkt erst sehr geduldig. Herr B1 und Herr B2 haben ähnliche Namen, mit nur einer Silbe Unterschied, sie werden beide jeweils aufgerufen, beide stehen auf, Herr B2 denkt immer, er ist gemeint. Irgendwann dann seine Triage. Wieder zurück, wird Herr B2 ungeduldig, nachdem er draußen vor der Tür in den Urinbecher gepinkelt hat.
Herr B1 wiederum sagt, er hat nicht den ganzen Abend Zeit. Ich denke mir, dass er laufen kann, ihn kein Rettungswagen gebracht hat und er keine starken Schmerzen zu haben scheint. Stattdessen setzt er sich wutentbrannt auf den Stuhl, ich versuche klare Gedanken zu fassen und zu zeichnen, nichts davon will mir gelingen, schließlich kommt Herr B1 dran.
Herr B2 redet die ganze Zeit mit sich selbst, irgendwann beginnt er, die anderen Wartenden zu beschimpfen, er glaubt, alle wollen ihn lieber in der Psychiatrie sehen. Dabei denke ich an Silvester 2012/13 in der Psychiatrie in Dresden-Klotzsche zurück und an den Innenhof und wie sie mit Dosenmandarinen in alkoholfreiem Sekt die Station hoch- und runterliefen und ich deswegen meine Tür von innen abgeschlossen hatte. Kein Feuerwerk. 0:02 Uhr waren meine Silvesterfeierlichkeiten abgeschlossen und der Schlaf wollte nicht kommen. Eigentlich hatte ich aber nur Angst, eine generelle, eine panische. So wie heute.

Nun leert sich der Warteraum etwas, Herr B2 hat von hinten gesehen einen ziemlich schmalen Hals und eine zierliche Statur. Bis jetzt die Frage, wo in diesem Körper er die Kraft gefunden hat, so sehr auf und ab zu gehen, quer durch den Raum, mit sehr viel Druck. Die Tür geht auf, Herr B2 wird gerufen und er freut sich so sehr, dass er alle seine Tüten fallen lässt.

Drei Uhr sind wir dann am Ende wieder zu Hause angekommen, K und ich. Neun Stunden das Hirn zermartert, wie seit Tagen schon.

(EF – What If I Took The Wrong Turn)

161129

Meine Fingerkuppen riechen noch nach Salami, bei Instagram schreiben mir Fremde, dass ich wunderschön sei, ich verstehe den Zusammenhang nicht genau. Je mehr ich die Muskeln um meine Augenbrauen, um die Narbe zwischen ihnen, hinter meinen Ohren, um meine Mundwinkel entspanne, desto mehr zucken sie, desto mehr zuckt eines meiner Augenlider. Das mit den Augen musst du mir nochmal erklären; wie es kommt, dass das eine Auge eine entsättigtere Iris aufweist als das andere, wie es kommt, dass die eine Pupille größer ist als die andere, aber ich werde dich nicht fragen, so viel weiß ich jetzt schon.

Die Uhr meines Telefons geht zwanzig Minuten vor, in einem Versuch, nicht mehr zu spät zu sein. Früher immer die Zeit vergessen, nicht, weil etwas wichtiger war, eher weil ich nicht wusste, wie lang Zeit ist; das ist so ähnlich wie dieses Gefühl, das in meiner Magengegend vor sich her trampelt, damit ich mich endlich darum kümmere, es flüstert sei dir niemals bei irgendetwas sicher, wobei, nein, sei dir bei dir nicht sicher. Egal.

Über mich fliegt die ISS in circa sechs Minuten und alles draußen ist still.

(BRONCHO – Wanna)

161128

Da, am Bahnsteig, da, in Wannsee, habe ich sie gesehen, wie sie auf die S7 wartete, wie ihr die Tränen herunterliefen und ich dachte zurück an die Zeiten, in denen ich an Bahnsteigen und in Zügen saß und mir das gleiche passierte. Also fragte ich sie, ob ich ihr helfen könne, also saßen wir ein bisschen nebeneinander und sprachen nichts weiter, also warteten wir auf die Einfahrt der S-Bahn, also setzten wir uns dann schweigend in den Waggon, also stieg sie zwei Haltestellen später aus, also nickte sie mir beim Aussteigen stumm zu. Ich saß eigentlich die ganze Zeit in der falschen S-Bahn.

(#1 Dads – Two Weeks (feat. Tom Snowdon)

161120

Ich habe die Bücher gezählt über diese eine alte Stadt; ich kam auf zwei. Dann diese andere Stadt, die von früher, Regalreihen voll, als hätte jemand dafür bezahlt, als hätte jemand sich Mühe machen müssen. Dann also diese eine alte Stadt mit den zwei Reiseführern, da irgendwo, eingequetscht von Land und Wasser.
Man kann fast alles erfahren, denn im Winter sehen die Leute in den Verkehrsmitteln bestimmt alle gleich aus, sie starren sowieso zumeist auf ihre Telefone und einander nicht mehr in die Augen.

An manchen Stoffen hängt viel Faden herab, so, als wäre das gewollt, aber dann sind die Züge wieder zu voll und ich kann dir nichts erzählen, aufzeichnen, aufschreiben, das von nachhaltiger Natur wäre, schließlich passiert gerade nichts. An sich ist das in Ordnung, schließlich ist eine Stadt per se nicht aufregender als die andere, es geht um die Menschen, mit denen du sie teilen willst.

Am Halleschen Tor stehen sie auf der anderen Seite und schauen mir beim Schreiben zu. Anschlussverbindungen und Leute, die sich ihre Rücken einrenken, der Geruch von Restalkohol und frisch Erbrochenem.
In das Dunkle starren, das tagsüber ein Park ist, könnte auch ein Tunnel sein, wüsste ich es nicht besser.

(Local Natives – Wide Eyes)

161117

Am Ende meiner Straße steht das Wasser in einem Graben, Fahrräder rollen durch den Schlamm. Jeden einzelnen Beleg aufgehoben, ähnlich wie die Fotos davon, hiervon. (Und die Metaebene, die prangere ich an.)
J, der sagt, dass man mehr geben als nehmen sollte. Sich bei dem Gedanken zu ertappen, dass sich das Geben potenziert. Sehen, dass Netze funktionieren, die man begonnen hat zur Sicherheit aufzuspannen, vor langer Zeit. Für den Fall der Fälle.

Wollte schreiben, da in der U-Bahn, konnte nicht, auf einer Karte sieht das alles sehr klein aus, als könnte man alles zu Fuß erreichen, als könnte ich das alles mit dem Finger nachfahren, irgendwo, an einem anderen Fluß.

(Alex Cameron – Happy Ending)

161114

In dem Haus, da am Fluss, da in der Nähe der früheren Mauer, der Grenze, da am jetzigen Hauptbahnhof, in dem Haus, das aussieht wie eine Reise nach Hogwarts, wie eine Reise in dieses andere ähnlich dreinschauende Gebäude auf dem Campus der TU Dresden: Stille. Organe und Fehlbildungen und Krankheiten in Glasbehältern, in Aufbewahrungslösung. Ich lerne: es gab ein Spürwildschwein bei der Polizei, ich denke: dann kann auch ich alles sein.

So langsam wissen, welche Orte gemieden, vermieden werden müssen, an welche man ganz dringend gehen muss. Es treibt mich immer stärker wieder in die Arme von Bahnhöfen, früher verflucht, weil kalt und widerlich, jetzt wie in der anderen Hauptstadt an einem anderen dreckigen Fluss: verweilen um die Sehnsucht zu stillen nach Orten und Geräuschen, die nicht hier sind. An Bahnhöfen fragt niemand, wieso man da ist, man kann sehr lange alleine auf Bänken sitzen, Menschen zusehen, wie sie rennen, wie sie sich begrüßen, wie sie sich verabschieden, Sonntags einkaufen, man könnte sie zeichnen, man kann kathedralenartige Architektur verfluchen, kann Musik hören, der Bundespolizei beim Patrouillieren zusehen, man muss kein Ziel haben, man kann Fernweh haben oder Heimweh, je nachdem, wie sehr man den Ort schätzt, an dem man ist.
Am Ende aber, glaube ich, war das dieser eine Blick, vermutlich dieser eine Blick, der in meiner Erinnerung so langsam beginnt zu verblassen, weil ich nicht genau weiß, was dieser Blick mir sagen will. Ich habe noch immer nicht gefragt, ich nehme an, es ist sowieso zu spät dafür.

Zumindest gehe ich alleine vor die Tür. Als hätte ich wochenlang niemanden gesehen, eigentlich habe ich wochenlang niemanden gesehen, aber der Kopf muss frei werden.

Dann laufe ich in ihn hinein und am Ende laufe ich an ihm vorbei. Ein Seufzen entwischt mir unter der lauten Klimaanlage neben den zugigen Fenstern. Es ist alles gut, es riecht ein wenig nach Staub, ich bin noch nicht einmal traurig. Da war auch nichts.

Am Eingang der Dauerausstellung höre ich zwei Frauen laut reden. Sie sitzen auf einem vereinfachten Modell eines Anatomischen Theaters.
“But did you break his heart?”
“Yes, I did, he was so… claustrophobic around me. He would make me feel guilty about doing things without him.”
“Did you love him?”
“Why would I feel bad about it if I didn’t?”
Ich kann sie noch immer hören, da, vor den historischen Gerätschaften früherer Augenärzte, auch noch kurz vor der Hörsaalruine, in der sie Stühle umräumen und bei denen ich mich frage, wieso sie sie unbedingt in einem Sitzkreis arrangieren wollen.

Manche fahren über meine Freunde hinweg wie LKW, halten danach gelegentlich an und schauen sich um. Manche fahren einfach weiter. Die Angst davor, selbst auch wieder überfahren zu werden und die Erkenntnis, dass ich nur begrenzt etwas dagegen tun kann.

(Lea Porcelain – Warsaw Street)

161110-2

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Ich habe mir Push-Benachrichtigungen eingerichtet, damit ich mitbekomme, wenn die ISS über meinen Kopf hinweggleitet. Ein wenig Sicherheit in dem da draußen. Wäre ich mal doch lieber nach London geflogen vor ein paar Monaten.

Es geht hier nicht um mich, man kann mich nicht lesen, das höre ich eines Nachts, manche Dynamiken verstehe ich nicht, davor habe ich Angst. Herr C. redet von früheren Überlebensstrategien, ich will aus meinem Kopf heraus.

Mit vier konnte ich lesen und schreiben, Fraktur, da kann man nicht alles verstehen, wenn man die Schriftform nicht gewohnt ist. Achtundzwanzig Jahre lang gelernt, wie ich alles konkret sagen kann, ohne, dass die Kryptik fehlt. Du könntest auch nach dem Schlüssel fragen. Auf der anderen Seite ist es für die Anderen einfacher – ich bin keine Kunstfigur, ich liege schon lange da, offen, man kann in mir blättern, durch mich scrollen und durch das, was ich denke und mich bewegt, bin buchstäblich fast nackt und ihr seid, du bist angezogen. Weiß nur nicht, ob das bei dir ein T-Shirt ist oder ein Wintermantel, unter diesem noch vier weitere Lagen. Diese auszuziehen tut nicht weh, im Gegenteil, das musst du aber alleine, von alleine, sofern du das willst, das macht niemand für dich.

(Meine Laken und mein Bettzeug habe ich geweißt und ich verschwinde darin ein bisschen, alles viel zu groß und zu klein. Ich brauche Menschen in meinem Leben, die damit umgehen können, wenn ich mal traurig bin und die dann nicht einfach verschwinden.)

Früher habe ich mit Liedern geantwortet. Vielleicht dazu auch noch der Versuch, Worte zu verwenden, eigene. Sich vornehmen, nachzuhaken, wenn man etwas nicht versteht, wenn etwas irritiert. Ich gewöhne mich zu schnell an Menschen und Konversationsintensitäten, im Innenhof haben sie vergessen, das Spielzeug aus dem bald gefrorenen Sand zu nehmen.

(Youth Group – Skeleton Jar)