161108

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Dienstag.
Ihre rechte Unterlippe sei taub, nun könne sie auch spüren, wenn es schlechtes Wetter gibt, ähnlich wie es die alten Leute erzählt haben in Verbindung mit Kriegsverletzungen. Mitten ins Trauma hineingesprungen, wir beide, sie hat selbst aber dazu nicht allzu viel gesagt.

Donnerstag.
Dann, Routine, fast, eigentlich, Herzstillstand, Intensivstation, ich will am liebsten sofort in den Norden. Stattdessen in Wartezimmern weinen zwischen Hustenden und Schniefenden und mit Blick auf den Anmeldetresen. In meiner Erinnerung ist alles eine Frage der Perspektive, am Ende aber ist es kein Loch, keine Tür, eine Falltür vielmehr.

Freitag.
Glück im Unglück, Fahrigkeit, über uns saugt jemand Staub oder versucht, die kleinen Abstände zwischen allem zu füllen. Jetzt ein Bohren, jetzt ein Flächenbrand im Kopf, Migräne, eine verquere Form von Selbstverständnis. Einfach alle Server neustarten.
Ich spüre, wie sich alles abnabelt, weil ich nichts fragen kann.

Samstag.
Endlich, die Beiden. Die Züge fahren sehr langsam vor der Klinik in Richtung Hauptbahnhof. Rauch und offenstehende Dachluken. Wir lachen im REWE Center, das zwei ehemaligen Fußballern gehört.

Sonntag.
Still, die Wohnung. Sich verlaufen in den langen Gängen eines einzigen Hauses auf der Suche nach der Cafeteria. Immer in Kapellen oder Räume der Stille gehen, wenn sie geöffnet sind. Herzsprung.
Hauptbahnhof, es riecht nach einer Mischung aus Bratwurst und Franzbrötchen. Am Eingang zur S-Bahn stehen und weinen, weil es nicht anders geht. Das erste Mal seit Monaten fühle ich mich so allein wie vor zwei Jahren, damals, als ich in der Klinik war. Aber das kann man auch niemandem sagen, ein “Du, ich glaube, ich hätte dich gern hier.”

Montag.
Intermezzo. Langes Gespräch in der Nacht, Freunde, die einen vom Boden wieder auflesen.

Dienstag.
Selbstkontrolle als Endgegner. Herr C. sagt, ich sei gerade in einer Schlaufe, das geht wieder vorbei. Ich möchte nicht, dass sich alles nur um mich dreht. Gerade, ein großes Mitteilungsbedürfnis. Manche nennen das Hilflosigkeit.
Sich verorten im Fortschritt und die Grausamkeiten, die ich in Regelmäßigkeit im Elternhaus an den Kopf geknallt bekomme. Ich glaube, du hättest auch geweint.

(The British Expeditionary Force – The Engine)

161103

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In den U-Bahnen kann man nicht sehen, wie sich die Brustkörbe der Menschen heben und senken, und viele möchten allein mit ihrem Gepäck auf zwei Plätzen sitzen. Gepäck heißt: kleine Handtasche und Lackschuhe, deren Spitzen gewebt sind und dadurch aussehen, als wären sie aus Schlangenleder. Aus der Tasche blinken Zettel hervor, auf denen “Mietkonzept” steht und ich frage mich, wie die Leben der Menschen sind, die nach diesen Konzepten Räume füllen. Auf einmal bekomme ich keine Luft mehr und ich kann mein Herz bis in die äußersten Ränder meiner Ohren schlagen spüren. Nachwehen des Wochenendes. Ohne die beruhigenden Atembewegungen der Anderen rollt etwas über mich hinweg. Ich muss aussteigen.
Der Wunsch nach uneingeschränkter Rückendeckung, vor meinen Augen der Marmor des leeren U-Bahnhofs Mohrenstraße. Schließlich bleibe ich eine halbe Stunde lang sitzen und beginne wieder zu spüren. Der schmale Grat zwischen einem zu viel und einem zu wenig (Denken an Virginia Jetzt und „ich geb immer zu wenig und will immer zu viel“).

Je mehr Türen eine U-Bahn hat, desto mehr können kaputtgehen. Danach fährt der Zug schneller. Auf den Grundstücken über uns ein großes Bewegen und Treiben, selten Ruhe. Es ist leicht, sich jetzt allein zu fühlen.
Das Licht in der Klosterstraße ist kein Normlicht, weit entfernt von 5000 Kelvin und einer Farbe, die Kameras nicht zu etwas machen, das in keinem Fall dem entspricht, was das Auge sieht.

Im Psychrembel findet sich die Steinlaus mit einer Zeichnung von Loriot, eine Seite nach dem Stakkatohusten, der mich an Tom Waits denken lässt und an die schon länger aufzufrischenden Impfungen. Ein alter DDR-Impfpass als Referenz und die Entwicklung meines Gewichts von Geburt an bis zum ersten Lebensjahr.

Man kann alles so sehen, als wäre es das erste Mal, man kann alles so beschreiben, als hätte noch nie jemand darüber geschrieben. Je öfter sie mich fragen, ob es mir gut geht, desto mehr spuken meine Augen in grüner Farbe.
Das war zu erwarten gewesen, schließlich ein Kopfsprung in die Traumata, um die ich mich lange nicht mehr kümmern wollte. Nachwehen, am Nachmittag Migräne und Angst, fast sieben Stunden Schlaf und der bleibende Wunsch nach nachhaltiger, uneingeschränkter Rückendeckung (ein unbewusstes Sabotieren tritt stattdessen ein).

(Choir of Young Believers – Hollow Talk)

161102

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An den Friedhöfen vorbeifahren, die ich nie besuchen werde, weil alleine an Endpunkte gehen gefährlich sein kann und andere große Knotenpunkte zu weit entfernt liegen. Sich fragen, wie es kommt, dass manche so sind, wie sie sind oder wieso die M2 nach Heinersdorf immer viel zu voll ist. Vielleicht sind wir irgendwann gefahren durch ein paar einfache, zweifache, tiefe Schneisen, womöglich hast du mich gesehen bevor du eingeschlafen bist.
Alles viel zu voll, immer, oder einfach eine fehlende Razzia durch Fahrkartenkontrolleure, die eigentlich geplant war.
Losgehen, bevor man überhaupt angekommen ist.

Keine Sorge, niemandem habe ich davon erzählt, eventuell werde ich das auch nie tun.

(These New Puritans – This Guy’s In Love With You)

161031

Noch einhundertvierzehn Kilometer bis Berlin, Felder und langgezogene Wiesen, vielleicht mit Kohl, dem grünen, das sieht man so schlecht beim schnellen Vorbeifahren: noch nie so viel Wild auf einmal gesehen. Der Bus ist wie ein Raumschiff, das Schluckauf hat, ein stetes wellenförmiges Bewegen. Auf den Leitungen sitzen die Habichte und Sperber und Adler, Schneisen geschlagen durch die hart gezogenen Baumreihen.
Als hätte irgendetwas aus mir eine Scheibe herausgeschnitten (Autobahnkilometer achtundneunzigkommafünf) und eine Lücke, eine Leerstelle fast, bleibt. Weit entfernt ein Mann, der seinen Hund frei laufen lässt. Es schlafen fast alle, Gänse fliegen in Formation gen Süden. Ziemlich spät, wie ich finde. Dann: plötzliche Sehnsucht, ich kann nichts dagegen tun (wieso sollte ich das auch wollen). Die Laubbäume in den Nadelwäldern stehen vereinzelt und sind klein, Nebel liegt auf allem.

Dreiundzwanziguhrzwölf, ein bisschen Weinen, das ist okay und natürlich und gesund, das Wochenende fällt langsam von mir ab. Das dringende, überwältigende Bedürfnis alles zu ordnen, alles aufzuräumen, alles einzusortieren, damit der Kopf freier wird. Ich will auf einmal einen Schuhschrank, als könnte der verhindern, dass mich meine Kindheit von Zeit zu Zeit heimsucht, wenn ich es am wenigsten erwarte, ich will einen geordneten Schreibtisch, will die Fortsetzung davon in meiner Sprache und meiner Gelassenheit.
Dabei will ich doch nur alles, in exorbitant unverschämter Größe, so zwei mal drei Meter mit Rauschen und Körnung; und dann meine Lippen, rot geschminkt aber nicht zu voll, weil beim Burger essen sonst die Hälfte meiner Unterlippe an meinem Kinn klebt und ich das nicht mögen kann, wenn einem die wenigsten sagen, dass man Brokkoli und Spinat zwischen seinen Zähnen hängen hat.

Erkenntnis: ich hätte mehr zeichnen sollen und weniger trinken, aber dann hätte ich mehr gefühlt von allem. Nächste Male laufen mir nicht weg.

(Kraków Loves Adana – For Those Who Think Young / Porcelain)