161117

Am Ende meiner Straße steht das Wasser in einem Graben, Fahrräder rollen durch den Schlamm. Jeden einzelnen Beleg aufgehoben, ähnlich wie die Fotos davon, hiervon. (Und die Metaebene, die prangere ich an.)
J, der sagt, dass man mehr geben als nehmen sollte. Sich bei dem Gedanken zu ertappen, dass sich das Geben potenziert. Sehen, dass Netze funktionieren, die man begonnen hat zur Sicherheit aufzuspannen, vor langer Zeit. Für den Fall der Fälle.

Wollte schreiben, da in der U-Bahn, konnte nicht, auf einer Karte sieht das alles sehr klein aus, als könnte man alles zu Fuß erreichen, als könnte ich das alles mit dem Finger nachfahren, irgendwo, an einem anderen Fluß.

(Alex Cameron – Happy Ending)

161114

In dem Haus, da am Fluss, da in der Nähe der früheren Mauer, der Grenze, da am jetzigen Hauptbahnhof, in dem Haus, das aussieht wie eine Reise nach Hogwarts, wie eine Reise in dieses andere ähnlich dreinschauende Gebäude auf dem Campus der TU Dresden: Stille. Organe und Fehlbildungen und Krankheiten in Glasbehältern, in Aufbewahrungslösung. Ich lerne: es gab ein Spürwildschwein bei der Polizei, ich denke: dann kann auch ich alles sein.

So langsam wissen, welche Orte gemieden, vermieden werden müssen, an welche man ganz dringend gehen muss. Es treibt mich immer stärker wieder in die Arme von Bahnhöfen, früher verflucht, weil kalt und widerlich, jetzt wie in der anderen Hauptstadt an einem anderen dreckigen Fluss: verweilen um die Sehnsucht zu stillen nach Orten und Geräuschen, die nicht hier sind. An Bahnhöfen fragt niemand, wieso man da ist, man kann sehr lange alleine auf Bänken sitzen, Menschen zusehen, wie sie rennen, wie sie sich begrüßen, wie sie sich verabschieden, Sonntags einkaufen, man könnte sie zeichnen, man kann kathedralenartige Architektur verfluchen, kann Musik hören, der Bundespolizei beim Patrouillieren zusehen, man muss kein Ziel haben, man kann Fernweh haben oder Heimweh, je nachdem, wie sehr man den Ort schätzt, an dem man ist.
Am Ende aber, glaube ich, war das dieser eine Blick, vermutlich dieser eine Blick, der in meiner Erinnerung so langsam beginnt zu verblassen, weil ich nicht genau weiß, was dieser Blick mir sagen will. Ich habe noch immer nicht gefragt, ich nehme an, es ist sowieso zu spät dafür.

Zumindest gehe ich alleine vor die Tür. Als hätte ich wochenlang niemanden gesehen, eigentlich habe ich wochenlang niemanden gesehen, aber der Kopf muss frei werden.

Dann laufe ich in ihn hinein und am Ende laufe ich an ihm vorbei. Ein Seufzen entwischt mir unter der lauten Klimaanlage neben den zugigen Fenstern. Es ist alles gut, es riecht ein wenig nach Staub, ich bin noch nicht einmal traurig. Da war auch nichts.

Am Eingang der Dauerausstellung höre ich zwei Frauen laut reden. Sie sitzen auf einem vereinfachten Modell eines Anatomischen Theaters.
“But did you break his heart?”
“Yes, I did, he was so… claustrophobic around me. He would make me feel guilty about doing things without him.”
“Did you love him?”
“Why would I feel bad about it if I didn’t?”
Ich kann sie noch immer hören, da, vor den historischen Gerätschaften früherer Augenärzte, auch noch kurz vor der Hörsaalruine, in der sie Stühle umräumen und bei denen ich mich frage, wieso sie sie unbedingt in einem Sitzkreis arrangieren wollen.

Manche fahren über meine Freunde hinweg wie LKW, halten danach gelegentlich an und schauen sich um. Manche fahren einfach weiter. Die Angst davor, selbst auch wieder überfahren zu werden und die Erkenntnis, dass ich nur begrenzt etwas dagegen tun kann.

(Lea Porcelain – Warsaw Street)

161110-2

image

Ich habe mir Push-Benachrichtigungen eingerichtet, damit ich mitbekomme, wenn die ISS über meinen Kopf hinweggleitet. Ein wenig Sicherheit in dem da draußen. Wäre ich mal doch lieber nach London geflogen vor ein paar Monaten.

Es geht hier nicht um mich, man kann mich nicht lesen, das höre ich eines Nachts, manche Dynamiken verstehe ich nicht, davor habe ich Angst. Herr C. redet von früheren Überlebensstrategien, ich will aus meinem Kopf heraus.

Mit vier konnte ich lesen und schreiben, Fraktur, da kann man nicht alles verstehen, wenn man die Schriftform nicht gewohnt ist. Achtundzwanzig Jahre lang gelernt, wie ich alles konkret sagen kann, ohne, dass die Kryptik fehlt. Du könntest auch nach dem Schlüssel fragen. Auf der anderen Seite ist es für die Anderen einfacher – ich bin keine Kunstfigur, ich liege schon lange da, offen, man kann in mir blättern, durch mich scrollen und durch das, was ich denke und mich bewegt, bin buchstäblich fast nackt und ihr seid, du bist angezogen. Weiß nur nicht, ob das bei dir ein T-Shirt ist oder ein Wintermantel, unter diesem noch vier weitere Lagen. Diese auszuziehen tut nicht weh, im Gegenteil, das musst du aber alleine, von alleine, sofern du das willst, das macht niemand für dich.

(Meine Laken und mein Bettzeug habe ich geweißt und ich verschwinde darin ein bisschen, alles viel zu groß und zu klein. Ich brauche Menschen in meinem Leben, die damit umgehen können, wenn ich mal traurig bin und die dann nicht einfach verschwinden.)

Früher habe ich mit Liedern geantwortet. Vielleicht dazu auch noch der Versuch, Worte zu verwenden, eigene. Sich vornehmen, nachzuhaken, wenn man etwas nicht versteht, wenn etwas irritiert. Ich gewöhne mich zu schnell an Menschen und Konversationsintensitäten, im Innenhof haben sie vergessen, das Spielzeug aus dem bald gefrorenen Sand zu nehmen.

(Youth Group – Skeleton Jar)

161108

image
image

Dienstag.
Ihre rechte Unterlippe sei taub, nun könne sie auch spüren, wenn es schlechtes Wetter gibt, ähnlich wie es die alten Leute erzählt haben in Verbindung mit Kriegsverletzungen. Mitten ins Trauma hineingesprungen, wir beide, sie hat selbst aber dazu nicht allzu viel gesagt.

Donnerstag.
Dann, Routine, fast, eigentlich, Herzstillstand, Intensivstation, ich will am liebsten sofort in den Norden. Stattdessen in Wartezimmern weinen zwischen Hustenden und Schniefenden und mit Blick auf den Anmeldetresen. In meiner Erinnerung ist alles eine Frage der Perspektive, am Ende aber ist es kein Loch, keine Tür, eine Falltür vielmehr.

Freitag.
Glück im Unglück, Fahrigkeit, über uns saugt jemand Staub oder versucht, die kleinen Abstände zwischen allem zu füllen. Jetzt ein Bohren, jetzt ein Flächenbrand im Kopf, Migräne, eine verquere Form von Selbstverständnis. Einfach alle Server neustarten.
Ich spüre, wie sich alles abnabelt, weil ich nichts fragen kann.

Samstag.
Endlich, die Beiden. Die Züge fahren sehr langsam vor der Klinik in Richtung Hauptbahnhof. Rauch und offenstehende Dachluken. Wir lachen im REWE Center, das zwei ehemaligen Fußballern gehört.

Sonntag.
Still, die Wohnung. Sich verlaufen in den langen Gängen eines einzigen Hauses auf der Suche nach der Cafeteria. Immer in Kapellen oder Räume der Stille gehen, wenn sie geöffnet sind. Herzsprung.
Hauptbahnhof, es riecht nach einer Mischung aus Bratwurst und Franzbrötchen. Am Eingang zur S-Bahn stehen und weinen, weil es nicht anders geht. Das erste Mal seit Monaten fühle ich mich so allein wie vor zwei Jahren, damals, als ich in der Klinik war. Aber das kann man auch niemandem sagen, ein “Du, ich glaube, ich hätte dich gern hier.”

Montag.
Intermezzo. Langes Gespräch in der Nacht, Freunde, die einen vom Boden wieder auflesen.

Dienstag.
Selbstkontrolle als Endgegner. Herr C. sagt, ich sei gerade in einer Schlaufe, das geht wieder vorbei. Ich möchte nicht, dass sich alles nur um mich dreht. Gerade, ein großes Mitteilungsbedürfnis. Manche nennen das Hilflosigkeit.
Sich verorten im Fortschritt und die Grausamkeiten, die ich in Regelmäßigkeit im Elternhaus an den Kopf geknallt bekomme. Ich glaube, du hättest auch geweint.

(The British Expeditionary Force – The Engine)

161103

image
image

In den U-Bahnen kann man nicht sehen, wie sich die Brustkörbe der Menschen heben und senken, und viele möchten allein mit ihrem Gepäck auf zwei Plätzen sitzen. Gepäck heißt: kleine Handtasche und Lackschuhe, deren Spitzen gewebt sind und dadurch aussehen, als wären sie aus Schlangenleder. Aus der Tasche blinken Zettel hervor, auf denen “Mietkonzept” steht und ich frage mich, wie die Leben der Menschen sind, die nach diesen Konzepten Räume füllen. Auf einmal bekomme ich keine Luft mehr und ich kann mein Herz bis in die äußersten Ränder meiner Ohren schlagen spüren. Nachwehen des Wochenendes. Ohne die beruhigenden Atembewegungen der Anderen rollt etwas über mich hinweg. Ich muss aussteigen.
Der Wunsch nach uneingeschränkter Rückendeckung, vor meinen Augen der Marmor des leeren U-Bahnhofs Mohrenstraße. Schließlich bleibe ich eine halbe Stunde lang sitzen und beginne wieder zu spüren. Der schmale Grat zwischen einem zu viel und einem zu wenig (Denken an Virginia Jetzt und „ich geb immer zu wenig und will immer zu viel“).

Je mehr Türen eine U-Bahn hat, desto mehr können kaputtgehen. Danach fährt der Zug schneller. Auf den Grundstücken über uns ein großes Bewegen und Treiben, selten Ruhe. Es ist leicht, sich jetzt allein zu fühlen.
Das Licht in der Klosterstraße ist kein Normlicht, weit entfernt von 5000 Kelvin und einer Farbe, die Kameras nicht zu etwas machen, das in keinem Fall dem entspricht, was das Auge sieht.

Im Psychrembel findet sich die Steinlaus mit einer Zeichnung von Loriot, eine Seite nach dem Stakkatohusten, der mich an Tom Waits denken lässt und an die schon länger aufzufrischenden Impfungen. Ein alter DDR-Impfpass als Referenz und die Entwicklung meines Gewichts von Geburt an bis zum ersten Lebensjahr.

Man kann alles so sehen, als wäre es das erste Mal, man kann alles so beschreiben, als hätte noch nie jemand darüber geschrieben. Je öfter sie mich fragen, ob es mir gut geht, desto mehr spuken meine Augen in grüner Farbe.
Das war zu erwarten gewesen, schließlich ein Kopfsprung in die Traumata, um die ich mich lange nicht mehr kümmern wollte. Nachwehen, am Nachmittag Migräne und Angst, fast sieben Stunden Schlaf und der bleibende Wunsch nach nachhaltiger, uneingeschränkter Rückendeckung (ein unbewusstes Sabotieren tritt stattdessen ein).

(Choir of Young Believers – Hollow Talk)

161102

image

An den Friedhöfen vorbeifahren, die ich nie besuchen werde, weil alleine an Endpunkte gehen gefährlich sein kann und andere große Knotenpunkte zu weit entfernt liegen. Sich fragen, wie es kommt, dass manche so sind, wie sie sind oder wieso die M2 nach Heinersdorf immer viel zu voll ist. Vielleicht sind wir irgendwann gefahren durch ein paar einfache, zweifache, tiefe Schneisen, womöglich hast du mich gesehen bevor du eingeschlafen bist.
Alles viel zu voll, immer, oder einfach eine fehlende Razzia durch Fahrkartenkontrolleure, die eigentlich geplant war.
Losgehen, bevor man überhaupt angekommen ist.

Keine Sorge, niemandem habe ich davon erzählt, eventuell werde ich das auch nie tun.

(These New Puritans – This Guy’s In Love With You)

161031

Noch einhundertvierzehn Kilometer bis Berlin, Felder und langgezogene Wiesen, vielleicht mit Kohl, dem grünen, das sieht man so schlecht beim schnellen Vorbeifahren: noch nie so viel Wild auf einmal gesehen. Der Bus ist wie ein Raumschiff, das Schluckauf hat, ein stetes wellenförmiges Bewegen. Auf den Leitungen sitzen die Habichte und Sperber und Adler, Schneisen geschlagen durch die hart gezogenen Baumreihen.
Als hätte irgendetwas aus mir eine Scheibe herausgeschnitten (Autobahnkilometer achtundneunzigkommafünf) und eine Lücke, eine Leerstelle fast, bleibt. Weit entfernt ein Mann, der seinen Hund frei laufen lässt. Es schlafen fast alle, Gänse fliegen in Formation gen Süden. Ziemlich spät, wie ich finde. Dann: plötzliche Sehnsucht, ich kann nichts dagegen tun (wieso sollte ich das auch wollen). Die Laubbäume in den Nadelwäldern stehen vereinzelt und sind klein, Nebel liegt auf allem.

Dreiundzwanziguhrzwölf, ein bisschen Weinen, das ist okay und natürlich und gesund, das Wochenende fällt langsam von mir ab. Das dringende, überwältigende Bedürfnis alles zu ordnen, alles aufzuräumen, alles einzusortieren, damit der Kopf freier wird. Ich will auf einmal einen Schuhschrank, als könnte der verhindern, dass mich meine Kindheit von Zeit zu Zeit heimsucht, wenn ich es am wenigsten erwarte, ich will einen geordneten Schreibtisch, will die Fortsetzung davon in meiner Sprache und meiner Gelassenheit.
Dabei will ich doch nur alles, in exorbitant unverschämter Größe, so zwei mal drei Meter mit Rauschen und Körnung; und dann meine Lippen, rot geschminkt aber nicht zu voll, weil beim Burger essen sonst die Hälfte meiner Unterlippe an meinem Kinn klebt und ich das nicht mögen kann, wenn einem die wenigsten sagen, dass man Brokkoli und Spinat zwischen seinen Zähnen hängen hat.

Erkenntnis: ich hätte mehr zeichnen sollen und weniger trinken, aber dann hätte ich mehr gefühlt von allem. Nächste Male laufen mir nicht weg.

(Kraków Loves Adana – For Those Who Think Young / Porcelain)