161031

Noch einhundertvierzehn Kilometer bis Berlin, Felder und langgezogene Wiesen, vielleicht mit Kohl, dem grünen, das sieht man so schlecht beim schnellen Vorbeifahren: noch nie so viel Wild auf einmal gesehen. Der Bus ist wie ein Raumschiff, das Schluckauf hat, ein stetes wellenförmiges Bewegen. Auf den Leitungen sitzen die Habichte und Sperber und Adler, Schneisen geschlagen durch die hart gezogenen Baumreihen.
Als hätte irgendetwas aus mir eine Scheibe herausgeschnitten (Autobahnkilometer achtundneunzigkommafünf) und eine Lücke, eine Leerstelle fast, bleibt. Weit entfernt ein Mann, der seinen Hund frei laufen lässt. Es schlafen fast alle, Gänse fliegen in Formation gen Süden. Ziemlich spät, wie ich finde. Dann: plötzliche Sehnsucht, ich kann nichts dagegen tun (wieso sollte ich das auch wollen). Die Laubbäume in den Nadelwäldern stehen vereinzelt und sind klein, Nebel liegt auf allem.

Dreiundzwanziguhrzwölf, ein bisschen Weinen, das ist okay und natürlich und gesund, das Wochenende fällt langsam von mir ab. Das dringende, überwältigende Bedürfnis alles zu ordnen, alles aufzuräumen, alles einzusortieren, damit der Kopf freier wird. Ich will auf einmal einen Schuhschrank, als könnte der verhindern, dass mich meine Kindheit von Zeit zu Zeit heimsucht, wenn ich es am wenigsten erwarte, ich will einen geordneten Schreibtisch, will die Fortsetzung davon in meiner Sprache und meiner Gelassenheit.
Dabei will ich doch nur alles, in exorbitant unverschämter Größe, so zwei mal drei Meter mit Rauschen und Körnung; und dann meine Lippen, rot geschminkt aber nicht zu voll, weil beim Burger essen sonst die Hälfte meiner Unterlippe an meinem Kinn klebt und ich das nicht mögen kann, wenn einem die wenigsten sagen, dass man Brokkoli und Spinat zwischen seinen Zähnen hängen hat.

Erkenntnis: ich hätte mehr zeichnen sollen und weniger trinken, aber dann hätte ich mehr gefühlt von allem. Nächste Male laufen mir nicht weg.

(Kraków Loves Adana – For Those Who Think Young / Porcelain)